Menschlichkeit, Kreativität und KI

Kompetenzen für die Zukunft

Künstliche Intelligenz verändert immer rascher unsere Lebensrealität. Das trifft auch auf das Studium an der FHV – Vorarlberg University of Applied Sciences in Dornbirn zu. Wie geht man dort konkret damit um? Was sind die Herausforderungen, und wie gestalten sich neue Jobprofile? Müssen Studierende von heute Angst haben, dass sie morgen keine Arbeit mehr in ihrem Fachbereich bekommen? Das ORIGINAL Magazin hat mit FHV-Rektorin Regine Kadgien über diese Themen gesprochen.
Text und Foto Daniel Furxer

„Ja, die Realität, wie Wissen vermittelt und wie gelernt wird, hat sich in den vergangenen zwei Jahren stark verändert. Wissen allein reicht schon lange nicht mehr aus, da es jederzeit im Internet erreichbar ist. Durch KI ist die Aufrufbarkeit zusätzlich schneller geworden. Entscheidend sind im Kontext des Studiums das Verständnis des Stoffs und die kritische Einordnung“, so Rektorin Kadgien. „Eines ist auch klar: Ich muss ein Thema irgendwann einmal gehört haben, damit ich weiß, dass es das überhaupt gibt.“ Beim Erstellen von Texten, einem nach wie vor wichtigen Bestandteil vieler Studiengänge, ist KI mittlerweile auf der Überholspur. Die Sprachmodelle können Text in jeder gewünschten Länge und Stilform ausgeben. Wie gehen Lehrende mit einer solchen Situation um? „Mit Excel rechnen wir schon lange, mit den Sprachmodellen lassen wir nun Texte für uns schreiben. Die Arbeiten werden dadurch oft besser strukturiert und qualitativ hochwertiger. Der Punkt ist nicht, ob KI verwendet werden darf oder nicht. Entscheidend ist vielmehr, dass die Studierenden genauso wie die Lehrenden lernen, diese Tools richtig und auch reflektiert anzuwenden.“ In der Lehre spiele jetzt handlungsorientiertes Arbeiten eine viel größere Rolle und vor allem, wie man zu einem Lösungsweg komme. Reine Reproduktion von Wissen sei nicht mehr gefragt.

Bei der Entwicklung eines komplexen Softwaresystems, etwa für eine Bank, ist weiterhin viel menschliche Denkarbeit notwendig.

Auch in ihrem Studienfach, der Informatik, gibt es durch KI große Veränderungen. „Wenn ich heute eine Programmierübung stelle, liefert KI zuverlässig einen funktionierenden Code. Deshalb muss ich überdenken, welche Kompetenzen die Studierenden tatsächlich üben sollen. Auch die Art der Prüfungen muss ich anpassen, da es keinen Sinn mehr ergibt, die korrekte Syntax eines Codes zu bewerten. Vielmehr geht es darum: Finden die Studierenden den richtigen Algorithmus? Setzen sie die Anwendung richtig ein, und macht KI wirklich das, was sie wollen, oder tut sie nur so?“ Eine App von KI erstellen zu lassen, die einem bei Alltagsproblemen hilft, sei heute kein Problem. Bei der Entwicklung eines komplexen Softwaresystems, etwa für eine Bank, ist jedoch weiterhin viel menschliche Denkarbeit notwendig.

16 „Future Skills“, die das neue Studium methodisch strukturieren
Aufgrund der neuen technologischen Möglichkeiten werden die Studienpläne derzeit grundlegend reformiert. Vieles von dem, was verändert wird, wurde in der Vergangenheit bereits in der Lehre und Forschung umgesetzt, aber nicht explizit in Studienplänen ausgewiesen. Basierend auf den Ergebnissen einer gemeinsamen Arbeitsgruppe im RUN-EU (Regional University Network – European University) hat die FHV 16 sogenannte „Future Skills“ ausgearbeitet, die sich in vier Hauptgruppen unterteilen lassen: professionelle Fachkompetenz, wissenschaftliche Herangehensweise, ethisches Bewusstsein und soziale Fähigkeiten. „‚Critical Thinking‘ ist bei der wissenschaftlichen Herangehensweise eine entscheidende Fähigkeit“, so Kadgien. „Hier kann man zum Beispiel auch nach einem zweiten Weg fragen und danach, wie man mit Kreativität dorthin kommt. Kreativität ist meiner Meinung nach immer noch eine Fähigkeit, in der wir Menschen der KI überlegen sind.“ Skills wie „Digital Literacy“, also wie Quellen richtig beurteilt werden, oder „ethische und soziale Verantwortung“, in weiterer Folge ethisches Handeln, will sie ebenso herausstreichen und im Studium betonen.

Die 16 Skills werden im Rahmen eines Onboardings im ersten Semester der Bachelorstudiengänge eingeführt. Zu Beginn des Studiums findet eine Teambildungsphase statt, in der die einzelnen Skills vorgestellt und gemeinsam besprochen werden. Darüber hinaus begleitet ein strukturierter Lernpfad die Studierenden durch die ersten vier Semester: In jedem Semester werden vier Skills vertieft behandelt und anschließend im Rahmen von Projekten in den jeweiligen Lehrveranstaltungen praktisch angewendet. Am Ende jedes Semesters reflektieren die Studierenden ihre Erfahrungen und ihren Lernfortschritt. Im zweiten Teil der Bachelorprüfung, der mündlichen, steht schließlich die Reflexion über die Entwicklung dieser Kompetenzen im Mittelpunkt. Dabei erläutern die Studierenden, welche der Skills sie bereits aktiv anwenden konnten und welche Erfahrungen sie damit gemacht haben. In Informatik starten die neuen Studienpläne schon diesen Herbst, die anderen Studiengänge folgen nächstes Jahr.

Austausch mit anderen Universitäten
Spannend ist auch die Frage, welche Rolle internationale Beziehungen im Zusammenhang mit KI spielen und inwiefern dabei ein Austausch zwischen Hochschulen stattfindet. Eine zentrale Plattform dafür ist RUN-EU, ein von der EU gefördertes europäisches Hochschulnetzwerk, dem neben der FHV neun weitere Hochschulen aus unterschiedlichen Ländern Europas angehören. Viele der aktuellen Entwicklungen entstehen dort im gemeinsamen Austausch.

Die stärkere Handlungsorientierung in den Studienprogrammen wurde durch den internationalen Austausch inspiriert. Insgesamt findet in diesem Netzwerk ein intensiver Wissenstransfer statt. Besonders sichtbar wird das in zahlreichen Kurzzeitprogrammen, bei denen Studierende zunächst online zusammenarbeiten und anschließend für eine Woche an einer der Partnerhochschulen vor Ort studieren. „Gerade bei Themen wie KI profitieren die Hochschulen stark voneinander, da sie sich mit sehr ähnlichen Herausforderungen und Fragestellungen beschäftigen. Ein Phänomen, das weltweit zu beobachten ist“, bestätigt Rektorin Kadgien.


Angst vor KI?
Nimmt KI den Studierenden die Arbeitsplätze weg? „Nein, das glaube ich nicht. Mechanische und wiederkehrende Tätigkeiten werden von KI schneller und besser erledigt. Die Berufsbilder werden sich ändern, aber ich vermute, dass sie spannender sein werden. Die Studierenden müssen keine Angst vor Jobverlust haben oder davor, dass sie gar keinen Job mehr finden. Sie können sich vielmehr darauf freuen, dass die Jobs attraktiver werden, als sie momentan sind. Viele Aufgaben, die bisher mühsam waren, kann uns KI abnehmen, und wir können uns auf anderes stärker fokussieren: zwischenmenschliche Kommunikation und Kreativität.“


Über die FHV:

• 4 Fachbereiche: Technik, Wirtschaft, Gestaltung, Soziales und Gesundheit.
• Über 20 Studienprogramme, Bachelor- und Masterprogramme.
• Diese Vielfalt ist Voraussetzung für die Entwicklung interdisziplinärer Studienange- bote, zum Beispiel im Rahmen von Wahlfächern (Kontextstudium).
• Anwendungsorientierte Forschung:
4 Forschungszentren, 3 Forschungsgrup- pen – eine der forschungsstärksten Fachhochschulen Österreichs, zahlreiche Projekte mit Partnerinnen und Partnern in Wirtschaft und Gesellschaft.
• Lehre profitiert von Impulsen aus der Forschung.
• Die FHV ist regional verwurzelt, baut auf ein starkes Netzwerk, das Studierenden von Anfang an gute Kontakte in die Praxis bietet. Zugleich ist die FHV international vernetzt, hat über 110 Partnerhochschulen und ist Teil des europäischen Hochschulnetzwerks RUN-EU.
• Aktuell ca. 1.600 Studierende

Weitere Informationen: fhv.at


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