Cool bleiben!
Nachhaltig vor Hitze geschützt
Die Sommer werden heißer und auch länger. So klettert das Thermometer immer häufiger über 30 Grad, und selbst nachts sinken die Temperaturen kaum unter 20 Grad. Was früher als Ausnahme galt, wird demnach zur neuen Normalität. Umso wichtiger wird es daher, mit nachhaltigen Maßnahmen buchstäblich einen kühlen Kopf zu bewahren.
Von Judith Lorenzon
Im Frühjahr freut man sich noch über die ersten warmen Sonnenstrahlen – das ändert sich aber mit dem Sommer. Dann kann die Hitze schnell zur Belastung werden. Seit 1980 hat sich die Zahl der Hitzewellen verdoppelt und mancherorts sogar verdreifacht. Die Folgen davon sind für alle spürbar: schlechte Luft, weniger Leistungsfähigkeit, körperliche Erschöpfung. Wie bleibt man also „cool“ – draußen, drinnen und im Alltag?
Städte als Wärmeinseln
Besonders in Städten staut sich die Wärme: Dunkle Dächer und großflächige Bodenversiegelung sowie dichte Bebauung speichern die Hitze und geben sie nachts nur langsam wieder ab. „Tropennächte“ mit Temperaturen über 20 Grad kommen mittlerweile bis zu dreimal häufiger vor und werden mit Blick auf den Klimawandel in den nächsten Jahren wohl noch öfter auftreten. Um dem entgegenzuwirken, steht den Stadtplanerinnen und -planern eine Vielzahl an baulichen und technischen Möglichkeiten zur Verfügung – damit Hitze in Ballungsräumen gar nicht erst zum Problem wird. Eine gute Wärmedämmung der Gebäude mit natürlichen Dämmstoffen wie Holzfaser, Zellulose, Hanf, Schafwolle oder Stroh spielt zum Beispiel eine zentrale Rolle. Aber auch helle Farben für Dächer und Fassaden, die die Sonnenstrahlen reflektieren, und die Entsiegelung gebäudenaher Außenflächen reduzieren die Wärmeaufnahme – vor allem, wenn die entstandenen Freiflächen mit Brunnen, Wasserspielen oder Grünpflanzen gedeckt werden.
Grün gegen Grau: Natürliche KlimaanlageBäume, Sträucher und Grünflächen sind nämlich echte Wunderwaffen im Kampf gegen innerstädtische Hitzewellen. Sie können die Umgebungstemperatur um mehrere Grade senken, denn Pflanzen wirken wie eine natürliche Klimaanlage: Sie spenden Schatten und kühlen durch Verdunstung. Studien zeigen, dass Parks ihre kühlende Wirkung bis zu 300 Meter weit entfalten.

Weniger kostbare Bodenfläche nehmen begrünte Dächer und Fassaden sowie fassadennahe Bepflanzung ein.
Univ.-Prof. DI Dr. Rosemarie Stangl. Foto Redtenbacher
„Weniger kostbare Bodenfläche nehmen begrünte Dächer und Fassaden sowie fassadennahe Bepflanzung ein“, erklärt Univ.-Prof. DI Dr. Rosemarie Stangl von der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU University). „Das macht diese Art der Stadtbegrünung zu einem wesentlichen Bestandteil des urbanen Hitzeschutzes.“ Laut einer wissenschaftlichen Arbeit der Universität Cagliari (Sara Simona Cipolla, „Green roofs as a strategy for urban heat island mitigation in Bologna) reduzieren begrünte Gebäude die Lufttemperatur während sommerlicher Hitzephasen um bis zu 5 Grad, die Oberflächentemperatur kühlt sogar um bis zu 25 Grad ab. Demnach kann schon mit einer Begrünung von 5 Prozent der Gebäudeoberflächen eine Verbesserung des Stadtklimas erzielt werden – einmal abgesehen davon, dass die grüne Umgebung attraktivere städtische Lebensräume schafft, die urbane Artenvielfalt fördert und sogar Lärm, der von Straßen und anderen städtischen Quellen ausgeht, um bis zu 10 Dezibel reduziert.

Wir konnten in unserem Forschungsprojekt „Glasgrün“ zeigen, dass Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen rund 90 Prozent der eintreffenden Sonnenstrahlung verlässlich reduziert.
Dipl.-Ing. Dr. Bernhard Scharf, Foto BOKU University
Fassaden im Fokus
„Dächer machen gut 50 Prozent der Grundfläche einer Stadt aus, Fassaden sind eigentlich die größten Flächen einer Stadt“, erzählt Dipl.-Ing. Dr. Bernhard Scharf vom Institut für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau der BOKU University. Dabei stellt die wachsende Zahl an Glasfassaden eine Herausforderung in puncto Hitzeschutz dar. Diese reflektieren das Sonnenlicht wie eine Lupe konzentriert auf einen Punkt und können damit Extremtemperaturen von über 100 Grad entstehen lassen. Sie können aber nicht einfach „begrünt“ werden. „Wir konnten in unserem Forschungsprojekt ‚Glasgrün‘ zeigen, dass Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen rund 90 Prozent der eintreffenden Sonnenstrahlung verlässlich reduziert. Die Herausforderung, dass an der Fassadenwand keine Selbstkletterer genutzt werden können, wurde durch die Vorlagerung von Klettergerüsten gelöst“, so Scharf.
Eine weitere vielversprechende Lösung für konventionelle Fassaden sind Elemente – „Aquaden“ (ein Kunstwort aus Aqua und Fassade) –, die aus einem Geflecht alter Plastikflaschen beziehungsweise nachwachsender Rohstoffe bestehen und, kombiniert mit Grünpflanzen, eine ökologische Doppelfunktion erfüllen: Kühlung durch Verdunstung und Minderung der Wassermenge, die bei starken Regenfällen und Sturzfluten in die Kanalisation drängt.

Kleine Portionen – lauwarm konsumiert und vermehrt aus Obst und Gemüse bestehend, den Temperaturen zeitlich angepasste Mahlzeiten, Verzicht auf rohe tierische Produkte und Zurückhaltung bei Alkoholgenuss.
Dr. Marlies Gruber. Foto Caecilia Lahner
Abkühlung von innen heraus
Auch Innenräume können mit einfachen, nachhaltigen Mitteln auf ein angenehmes Raumklima gebracht werden. Sonnenschutzsysteme wie Jalousien, Rollos und Markisen minimieren die Sonneneinstrahlung genauso wie Sonnenschutzfolien bei älteren Fenstern. Ebenfalls nicht zu unterschätzen: richtiges Lüften. Während tagsüber die Fenster geschlossen sein sollten, ist frühmorgens und spätabends die beste Zeit, um kühlere Luft hereinzulassen.
Egal, ob drinnen oder draußen: Leichte, luftdurchlässige Kleidung unterstützt den Körper dabei, Wärme besser abzugeben. Und auch Kühlwesten oder Kühlhalstücher sorgen für eine willkommene Erfrischung. Das A und O ist aber, den Flüssigkeitshaushalt stabil zu halten. Bei Hitze arbeitet der Körper auf Hochtouren und verliert durch das vermehrte Schwitzen wichtige Mineralstoffe, die für viele Körperfunktionen wichtig sind. Deshalb muss der Flüssigkeitsspeicher durch regelmäßiges und ausreichendes Trinken schnell wieder aufgefüllt werden. „Verdünnte Fruchtsäfte oder mit Kräutern, Zitrusfrüchten sowie Beeren versetztes Wasser und kalorienarme oder -freie Limonaden sorgen hier für Abwechslung am Gaumen“, weiß Dr. Marlies Gruber, Geschäftsführerin „forum. ernährung heute“ (f.eh), und nennt auch gleich die grundlegenden Ernährungsprinzipien an heißen Tagen: „Dazu zählen: kleine Portionen – lauwarm konsumiert und vermehrt aus Obst und Gemüse bestehend, den Temperaturen zeitlich angepasste Mahlzeiten, Verzicht auf rohe tierische Produkte und Zurückhaltung bei Alkoholgenuss.“
Last, but not least: Sonnenschutz nicht vergessen! Für den Alltag genügt häufig ein Lichtschutzfaktor (LSF) von 30 – etwa bei Spaziergängen durch die Stadt, beim Kaffee im Freien oder während der kurzen Mittagspause im Park. Sobald jedoch Wasser, Strand oder Berge ins Spiel kommen, steigt auch die Intensität der Sonneneinstrahlung, und damit wird ein höherer Schutzfaktor, etwa LSF 50, neben dem Sonnenhut schnell zum Must-have!






