Zu Hause auf dem Ozean

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Stark in seinen Bildern, leise in seiner Beobachtung, faszinierend in jeglicher Hinsicht. Nur eines ist dieser Film ganz sicher nicht: ein Feelgood-Reise-Movie! Wir haben uns „Home Is The Ocean“ angeschaut und Regisseurin Livia Vonaesch im Appenzeller Land besucht. Über eine Langzeit-Dokumentation, die einen mitnimmt.
Von Simone Fürnschuß-Hofer

Seit 29 Jahren segelt Familie Schwörer mit ihrem Expeditionsboot „Pachamama“ um die Welt. Angefangen hat alles als wissenschaftliches Projekt, um auf die Auswirkungen des Klimawandels aufmerksam zu machen und die nächste Generation für die Natur zu begeistern. Inzwischen sind die zwanzig Quadratmeter schaukelnder Wohnraum zum fixen Zuhause für eine achtköpfige Schweizer Familie geworden: für Sabine, Dario und ihre Kinder Salina, Andri, Noé, Alegra, Mia und Vital – alle in einem anderen Winkel dieser Erde geboren. Filmemacherin Livia Vonaesch durfte die Schwörers über sieben Jahre lang immer wieder auf hoher See begleiten. Aus 250 Stunden Material schnitt sie schlussendlich den 94-minütigen Film „Home Is The Ocean“, der bereits 2024 am „Zurich Film Festival“ Premiere feierte.

Als wir hören, dass Livia Vonaesch ihre Zelte nicht weit von Vorarlberg, im schweizerischen Walzenhausen, aufgeschlagen hat, nützen wir die Gelegenheit, mehr über dieses Mammutprojekt zu erfahren. Die Anreise bietet bereits einen Vorgeschmack auf Wohnkonzepte abseits des Gewohnten. Eine direkte Zufahrt gibt es nicht, geparkt wird am Wegesrand, ein Wald- und Wiesenpfad führt zum sogenannten „Haus im Niemandsland“ – einem liebevoll renovierten Bauernhaus. Hier wohnt die Filmemacherin gemeinsam mit ihrem Partner und zwei Vierbeinern, hier heißt sie auch regelmäßig Gäste willkommen. Quelle, Waldstück, Weitblick – alles dabei. Man möchte bleiben.

Sprung ins kalte Wasser
„Ich hatte schon zuvor von der Familie gehört“, spult die Gastgeberin zurück an den Start ihres Filmprojekts, während sie stilgerecht eine Kanne Kräutertee und Schweizer „Nussgipfeli“ auftischt. „Mich interessieren generell Menschen, die sich etwas trauen und Konventionelles infrage stellen. Als ich dann vor neun Jahren während meiner Dokumentarfilm-Residency in New York erfuhr, dass die Schwörers gerade Kurs auf Boston anlegen, nutzte ich die Gelegenheit mich, vorzustellen.“ Die Familie sei dem Filmprojekt gegenüber von Anfang an offen gewesen, wollte aber erst prüfen, ob die Chemie auch stimmt. So wurde die Regisseurin kurzerhand eingeladen, probeweise für drei Wochen alle Komfortzonen zu verlassen und mit in See zu stechen. Für Vonaesch ein Sprung ins kalte Wasser, gleichzeitig aber auch für sie ein Probelauf, ihre Projektidee auf Tauglichkeit zu prüfen. Die Kamera nahm sie vorsorglich mit, der Auftakt sollte gelingen. „Ich spürte gleich, dass ich mich bei diesem Film aus der Erzählung rausnehmen konnte, indem ich die Menschen selbst sprechen lasse“, so Vonaesch. Sie hat die Handlung schlussendlich rein über Szenen aufgebaut – ohne Kommentar und Wertung von außen.

Gerechnet habe man ursprünglich mit einer Produktionszeit von zwei bis maximal drei Jahren, erzählt die Schweizer Filmemacherin. Umstände wie die Corona-Lockdowns und ein Sturm, der das Schiff für längere Zeit unbewohnbar machte, drängten jedoch auf Verlängerung. „Es wäre nach zwei Jahren einfach nicht das richtige Ende gewesen. Mir wurde klar, dass ich die Kinder längerfristig begleiten muss, um ihnen und überhaupt diesem Lebensentwurf gerecht zu werden. Ich wollte unbedingt auch die Zwischentöne herausarbeiten.“

Abseits aller Komfortzonen
„Das Bild eines Segelschiffs am Horizont ist für mich der Inbegriff der Freiheit. Wenn ich dann aber selbst auf dem Schiff bin, sieht es nicht mehr so idyllisch aus“, sagt Sabine Schwörer im Film. Dennoch macht sie keinen Hehl daraus: Ein Leben an einem fixen Ort ist für sie und ihren Mann kaum noch vorstellbar. Dabei ging es ihnen nie um das Abenteuer an sich, auch nicht um das Aussteigen aus dem System. „Es hat sich so ergeben“, erzählen sie, die sich der Feldforschung an den entlegensten Orten dieser Welt verschrieben haben und dorthin klimaneutral reisen möchten. Die Kinder werden in dieses Leben hineingeboren. Sie kennen es nicht anders. Und doch fordert auch auf den unendlichen Weiten des Ozeans die Pubertät ihren Tribut. Als die älteste Tochter etwa den Wunsch äußert, eine fixe Schule besuchen zu dürfen, hadern die Eltern. Erst mit der Tatsache, dass dafür das Geld fehlt, dann, als endlich eine Lösung gefunden wird, mit dem Schmerz, sie loslassen zu müssen. Achtsam hat die Regisseurin auch diesen Prozess eingefangen.

Der Film löse in der Nachbesprechung immer wieder eine Kontroverse aus, sagt Vonaesch. All das Für und Wider kürzt sie für sich so ab: „Egal, ob man diesen radikalen Lebensstil gut findet oder schlecht, und egal, wie man eine ‚gute Kindheit‘ definiert, ist doch vor allem spannend, sich die Kinder selbst anzuschauen. Sie alle haben ein unglaubliches Selbstvertrauen, sie wissen, was sie wollen, sie sind neugierig, kontaktfreudig und übernehmen viel Verantwortung.“ Das Zutrauen der Eltern pushe sie enorm. „Weil Sabine und Dario mit ihnen 24/7 zusammen sind, können sie gut einschätzen, was ihnen zuzumuten ist.“ Homeschooling ist ein fixer Bestandteil des Tagesablaufs und bei längeren Aufenthalten in einem Hafen besuchen die Kinder Schulen vor Ort. „Das Abschiednehmen – gerade, weil sie so schnell eine Beziehung zur lokalen Bevölkerung aufbauen, ja sogar ihre Sprache lernen – ist für sie wohl das Schwierigste an diesem Lebensstil“, beschönigt Vonaesch jedoch nichts.

Grenzerfahrungen
Und ihre Rolle als Filmemacherin auf dem Segelboot? „Gar nicht so einfach“, meint diese, „man wird zur Freundin, ist irgendwie Teil der Familie und muss dennoch eine gewisse Distanz wahren. Ich habe Einblick in alles erhalten, habe sehr intime Momente miterlebt, durfte fast immer mitfilmen. Es war mir wichtig, auch die Ängste, Zweifel und Krisen zu erzählen, nicht nur das Schöne. Gleichzeitig ist es körperlich und mental mega anstrengend, du hast keinen Rückzugsort, schläfst in einer Koje bei offenen Türen auf einer schmalen Liege und du musst ohne Filmteam zurechtkommen.“

Gäste- oder Sonderstatus gab es keinen. Um überhaupt mitsegeln zu dürfen, habe sie extra den Segelschein gemacht und sei zum Crewmitglied auf der „Pachamama“ geworden. „Manchmal hat das Segeln so viel Energie verbraucht, dass kaum noch welche zum Filmen übrig blieb. Ich habe oft einfach intuitiv entschieden, wann ich die Kamera einschalte.“

Faszinierende Naturerlebnisse prägen ihre Erinnerungen: ein Riesenwal etwa, der plötzlich vor ihr auftauchte, während sie mausalleine Wache hielt. Oder die völlige Verschmelzung von Zeit und Raum, wenn oben im Norden Tag und Nacht eins werden. Auf der anderen Seite beängstigende Stürme, die ständige Kälte, die dem Körper zusetzt, das Immer-in-Bewegung-Sein. Dazu muss man wissen: Die Schwörers sind vorrangig an den Polen unterwegs, weil in der Antarktis und Arktis der Klimawandel am stärksten sicht- und spürbar ist. Zudem nützen sie gerne den guten Wind am Rande von Tiefdruckgebieten. Wahrlich also kein Segeltörn für Lifestyler.

Ganz besonders gefreut hat sich Livia Vonaesch über die Rückmeldung der Schwörers, dass der Film die Stimmung an Bord der „Pachamama“ sehr gut wiedergebe. Und noch etwas hat sich für sie erfüllt: Statt Antworten zu geben, werfe der Film Fragen auf, die nur auf individueller Ebene beantwortet werden können: Was einem persönlich Freiheit bedeutet. Was ein „gutes Leben“ ist. Was Kinder brauchen. Wie man Verantwortung lebt. Sie selbst rede immer noch gerne über diesen Film: „Ich kann auch keine endgültigen Antworten geben, vielleicht deshalb.“

Weitere Informationen zum Film: home-is-the-ocean.com


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