Bis dato: Mein Buch des Jahres
Von Verena Roßbacher
Angesichts der Fülle an publizierten Büchern ist es eigentlich erstaunlich, dass es gar nicht so häufig vorkommt, dass einen ein Buch wirklich umhaut; dass man während der ersten Seiten schon merkt: Da probiert jemand etwas Gewaltiges; und dass man ahnt: Das gelingt auch.
„Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“ gehört definitiv in diese Kategorie. Alle paar Jahre mal stößt man auf eine Neuerscheinung, bei der man denkt: „Endlich mal wieder ein ganz großer Wurf.“

Kiran Desai
Die Einsamkeit von Sonia
und Sunny
752 S., S. Fischer
ISBN 978-3-10-015338-8, 2026
Kiran Desai arbeitete knapp zwanzig Jahre an ihrem dritten Werk, und man versteht sehr bald, warum das absolut nicht zu viel Zeit ist, um ein solches Buch zu schreiben.
Es ist ein Familienepos, genauso, wie es eine Geschichte über zwei riesige, schier unbegreifliche Länder ist, Indien und die USA. Es ist eine Beziehungsgeschichte, gleich mehrere davon. Es geht um Söhne und ihre Mütter, Töchter und ihre Eltern, indische Paare und amerikanische, Großeltern und Enkel, Bedienstete und Herrschaften, um Klasse, um Rasse, um kulturelle Zerrissenheit, kurzum: um so ziemlich alles, was das Leben so unendlich komplex macht.
Sonia Shah und Sunny Bhatia sind die beiden Hauptfiguren dieser Geschichte. Sie entstammen gut situierten Familien und kommen als junge Erwachsene aus Indien in die USA, um sich dort ein Leben aufzubauen. Für bessergestellte junge Inderinnen und Inder ist eine Ausbildung und später eine Anstellung in den USA der Weg in eine gesicherte finanzielle Zukunft. Sonia studiert in Vermont Literatur, Sunny ist ein aufstrebender Journalist in New York.
Als Sonia, über die winterlichen Semesterferien fast allein auf dem Campus zurückgelassen, ihrer Familie per Telefon ihre große Einsamkeit klagt – ein Gefühlszustand, den zu Hause niemand so recht nachvollziehen kann, in Indien ist man alles Mögliche, aber niemals einsam –, kommen ihre Angehörigen auf die Idee, sie zu verheiraten, und zwar mit Sunny, dem Sohn einer befreundeten Familie. Die beiden Kinder kennen sich nicht, und Sunny, der in New York ohne das Wissen seiner überprotektiven Mutter mit seiner Freundin zusammenlebt, hat auch keinerlei Bedürfnis, diese fremde Sonia kennenzulernen, geschweige denn eine arrangierte Ehe mit ihr einzugehen.
Durch Zufall lernen sie sich in Indien dann doch kennen und fühlen sich sofort zueinander hingezogen, aber es wird viele Umwege brauchen, bis sie zueinanderfinden.
Sonia hat sich in Vermont in der Zwischenzeit auf eine Beziehung mit einem älteren Künstler eingelassen, eine höchst schwierige Verbindung, aus der sie dennoch über viele Jahre nicht herauskommt. Mit ihm zusammen zieht sie nach New York und arbeitet in einer Galerie.
Heutzutage wird vieles gleich als „toxisch“ bezeichnet, und ich bin wirklich kein Fan davon, aber, hm, vielleicht passt es hier doch: Sie führen eine toxische Beziehung. Das zu lesen, ist quälend, die Abhängigkeit Sonias, ihre Demütigung, sein grässliches Benehmen und dass sie trotzdem bleibt – aber es ist eine Facette der komplizierten Hierarchie, in die sie hineingeraten ist und die sich aus ganz unterschiedlichen Quellen speist: Er ist Amerikaner, sie ist Inderin; ohne seine Protektion bekommt sie kein Arbeitsvisum, ohne seinen Reichtum könnte sie gar nicht in New York leben; ohne seine Liebe fühlt sie sich nicht; er bewegt sich selbstsicher, wo sie hilflos ist; er ist jemand und sie neben ihm ein Niemand.
Auch Sunny führt kein einfaches Leben mit seiner Partnerin, die Konstellation „indischer Mann und amerikanische Frau“ scheint deutlich komplizierter zu sein, als er sich das vorgestellt hat. Ein Besuch bei ihrer Familie in Kansas, „dem Bauch der USA“, markiert den Endpunkt ihrer Verbindung, er kann dem hier Gebotenen nur mit Zynismus begegnen, jedes amerikanische Klischee, das er (und wir!) sich in seinen schlimmsten Visionen ausgemalt hat, scheint hier Wirklichkeit zu sein.
Mit der Grundkonstellation dieser zwei Protagonisten gelingt es der Autorin nicht nur, uns diesen langen Weg der beiden zueinander zu erzählen, sondern auch en passant einen tiefen Einblick in ihr Herkunftsland Indien zu geben, das sehr fremd wirkt und sehr aufregend. Sie tut das mit viel Witz und einer gelassenen Distanz, die wirklich nichts und niemanden schont. Ungerührt seziert sie die Unterdrückung des Personals, die Korruptheit in Politik und Wirtschaft, die arrangierten Ehen und die Konflikte zwischen den Generationen, die Härte des Alltags. Eine solche Fülle an Themen, Figuren und Verflechtungen souverän zu erzählen, ist eine hohe Kunst, die Desai meisterhaft beherrscht, und glücklich überlässt man sich für diese 750 Seiten jemandem, der seinen Stoff hundertprozentig im Griff hat. Der einzige Nachteil dieser Lektüre ist, dass man sich, wenn man sie zu Ende gelesen hat, fragt: „Und was soll ich jetzt lesen?“ Darauf gibt es dann erst mal lange keine befriedigende Antwort.






