Blue Food, Super Food

„Blue Foods“ können einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherung der Zukunft leisten. Damit dieses Potenzial nachhaltig genutzt werden kann, braucht es jedoch einen ökologischen Wandel in der globalen Fischerei: Fast 28 Prozent der weltweiten Fischbestände sind überfischt, so der jüngste Bericht der Vereinten Nationen.
Von Julia Heuberger-Denkstein

Santiago fährt früh morgens mit seinem Fischerboot aus einer Bucht bei Havanna, mit ihm fährt die Hoffnung. Er ist überzeugt, dass er heute nach 84 glücklosen Tagen auf See einen Fisch fangen wird, einen ganz großen. Dieser Fisch wird einen guten Preis erzielen und viele Menschen satt machen, denkt er.

Santiago ist der kubanische Fischer aus Ernest Hemingways 1952 erschienenen Roman „Der alte Mann und das Meer“. Santiago ist abhängig vom Meer, er ist abhängig von dem, was ihm Fische und andere Meerestiere an Nahrung liefern. Und er ist abhängig von dem Preis, den er für den großen Marlin, mit dem er zwei Tage und zwei Nächte lang auf offener See kämpft, am Markt erzielen kann. Das war schon immer so und ist bis heute nicht anders: Für 600 Millionen Menschen weltweit ist der Fischfang die Lebensgrundlage, rechnet die Welternährungsorganisation FAO („Food and Agriculture Organization of the United Nations“) in ihrem jüngsten Bericht über den Zustand der Meere und Fischbestände vor. Die Produktion aquatischer Lebensmittel – aus Wildfischerei und Zucht – erreichte 2024 mit 195 Millionen Tonnen einen neuen Höchststand – und liegt damit erstmals in etwa gleichauf mit dem weltweiten Fleischkonsum. Am internationalen Handel mit aquatischen Produkten sind 230 Länder beteiligt, die in Summe Einnahmen von etwa 545 Milliarden US-Dollar pro Jahr erwirtschaften.

Was der alte Fischer aus jahrzehntelanger Erfahrung über die Wasserbewohner weiß, wird heute unter der Bezeichnung „Blue Food“ zusammengefasst. „Blaue Lebensmittel“ sind Nahrungsmittel aus Meeren, Flüssen, Seen, Teichen oder Zuchtanlagen wie Fisch, Algen und andere Wassertiere. 2024 deckten sie mindestens ein Fünftel des Gesamtbedarfs an tierischem Eiweiß für knapp die Hälfte der Weltbevölkerung ab. Essenzielle Nährstoffe wie Zink, Eisen, Vitamin A und B12 sowie Omega-3-Fettsäuren machen „Blue Foods“ zu einem wertvollen Bestandteil auf dem Speisezettel der Menschen – vor allem in ärmeren Gegenden, wo sie zu den erschwinglichsten und zugänglichsten Quellen für hochwertige Proteine gehören. „Damit unterstützen ‚Blue Foods‘ die Ernährungsqualität dort, wo sie am dringendsten nötig ist“, so die Conclusio der FAO-Expertinnen und -Experten.

Schon heute leiden Hunderte Millionen Menschen an Mangelernährung, jeder neunte hungert. „‚Blue Foods‘ können dazu beitragen, mehr Menschen günstig mit wichtigen Mikronährstoffen zu versorgen, weil sie bezogen auf das Produktgewicht höhere Nährstoffmengen liefern“, so Manuel Barange, stellvertretender Generaldirektor der FAO, deren Ziel die weltweite Bekämpfung des Hungers und die Verbesserung der Ernährungssicherheit ist. Der von den Vereinten Nationen prognostizierte Anstieg der Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen wird vor allem die Nachfrage nach aquatischen Nahrungsmitteln bis 2050 enorm erhöhen, ist sich die FAO sicher. „Angesichts des Klimawandels, des wachsenden Nahrungsmittelbedarfs und zunehmenden Drucks auf landbasierte Ernährungssysteme durch Hitze, Dürren oder Überschwemmungen werden Fisch und andere ‚Blue Foods‘ als zunehmend wichtiger Bestandteil der zukünftigen Ernährung betrachtet“, so Manuel Barange. „Der Vorteil aquatischer Lebensmittel ist, dass sie meist eine deutlich bessere Klimabilanz aufweisen als landbasierte Nahrung“, weiß der Experte.

Santiago, der alte Mann, der zu weit auf das Meer hinausgefahren ist, um seinen Marlin zu fangen, weiß, dass er etwas essen muss, um bei Kräften zu bleiben. Er hängt einen Angelhaken mit einer Sardine als Köder an seine kurze Leine ins Meer und wartet.

Die moderne Fischerei hat sich von Angelhaken und Harpunen weitgehend verabschiedet. Ihre Fangmethoden sind industrialisiert und hochtechnisiert. Mit Metallkörben, Schlepp- oder Treibnetzen werden das Meer und der Meeresboden abgegrast. Je ausgefeilter die Fischereimethoden, desto stärker wird der Druck auf die Fischbestände und desto größer werden die Schäden am Ökosystem. Vor allem die Überfischung und der sogenannte Beifang, also die in den großen Netzen mitgefangenen Tiere wie Schildkröten, Delfine oder sogar Wale, stellen das größte Problem nicht nachhaltiger Wildfischerei dar. Bedeutet mehr Fisch also zwangsläufig auch mehr Umweltzerstörung?
Es kommt darauf an. Der „Marine Stewardship Council“ (MSC) hat in Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten 1997 den MSC-Standard entwickelt. Er ist der wohl bekannteste, weltweit anerkannte Umweltstandard für nachhaltig agierende Fischereien. Zu den wichtigsten Kriterien des MSC gehören die Vermeidung von Überfischung und Fangmethoden, die den Beifang minimieren und zum Schutz sensibler aquatischer Lebensräume beitragen. Mehr als 500 Fischereien weltweit sind aktuell MSC-zertifiziert, weitere 35 befinden sich im MSC-Verbesserungsprogramm. Immerhin 19 Prozent der weltweiten marinen Fangmenge kommen damit bereits aus nachhaltig betriebener Fischerei. „Mehr Nachhaltigkeit in der globalen Fischerei ist ein Muss – im Interesse der Umwelt, der weltweit vom Fischfang lebenden Menschen und unserer zukünftigen Ernährung“, sagt Kathrin Runge, Chefin des MSC in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Kathrin Runge. Foto MSC

Dabei gibt es noch viel zu tun: Fast 28 Prozent der weltweiten Fischbestände gelten als überfischt – auch hier ist die Tendenz steigend. Der MSC fordert deshalb eindringlich einen raschen Wandel. Die Erhaltung der Meeresressourcen ermögliche mehr Menschen, ihre Lebensgrundlage zu erhalten, schütze marine Ökosysteme und verringere die Umweltauswirkungen der Lebensmittelproduktion insgesamt. „Die Bekämpfung der Überfischung ist eine Win-win-Situation“, so die MSC-Chefin.

Der Rat des alten Mannes dazu würde wohl in etwa so lauten: Iss Fisch und kauf ihn nachhaltig – oder kauf ihn gar nicht.


Auf das Siegel kommt es an


Was das MSC-Zertifikat für wild gefangene Meerestiere ist, leisten andere Nachhaltigkeitszertifikate für
Aquakulturen – also für die kontrollierte Aufzucht von Fischen, Muscheln, Krebstieren oder Algen in Becken, Teichen oder Netzgehegen. Beim Fischkauf lohnt sich der Blick auf Nachhaltigkeitszertifikate immer:
ASC, GLOBALG.A.P., BAP oder „Naturland“
kennzeichnen Tiere und Pflanzen aus verantwortungsvoller Aquakultur. Wer bewusst zu zertifizierten aquatischen Lebensmitteln greift, verringert Umweltauswirkungen wie Überfischung oder Wasserbelastung und stärkt verantwortungsvolle Fischzuchten und Fischereien. MSC und ASC sind die weltweit bekanntesten Siegel.


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