„Sich selbstwirksam wahrzunehmen, ist der Schlüssel“
Filmstills: Florian Sapp, Dominik Jerger, Sabine Krobath, Nils Kozeluha, Tobias Kauer, Elen Abrahamyan
Wie denken junge Designerinnen und Designer über das Jahr 2100? Das „Regenerative Design Lab“ der Universität für angewandte Kunst Wien stellt sich auf der „Vienna Design Week“ vor.
Von Sabina Zeithammer
Die nächste Generation von Designerinnen und Designern sowie ihre Ausbildungsstätten stehen im Mittelpunkt des Formats „Debüt“ der „Vienna Design Week“. Das multidisziplinäre Designfestival findet von 25. September bis 4. Oktober statt. Heuer umfasst „Debüt“ zwei Projekte aus Deutschland und ein Projekt aus Österreich: Studierende des Fachbereichs „Produktdesign und Kommunikationsdesign“ der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe beschäftigen sich in der interaktiven Ausstellung „There Will Be Cake“ mit dem immateriellen und mobilen Kulturerbe von Rezepten. Studierende des Fachbereichs „Design“ der Fachhochschule Potsdam entwerfen unter dem Titel „Microbial Futures“ experimentelle räumliche Installationen. Im Zentrum stehen dabei Mikroben, Pilze, Flechten und Algen sowie ihre symbiotischen Lebensweisen.
Weiters stellt sich das „Regenerative Design Lab“, angesiedelt am Institut für Design der Universität für angewandte Kunst Wien, auf der „Vienna Design Week“ vor: Dessen Leiter, der Designer, Designtheoretiker und Privatdozent Harald Gründl, führt Studierende jedes Semester in seiner Lehrveranstaltung „Design Revolution Now!“ an alternative und regenerative Formen von Design heran. Jüngst hat sich seine achtköpfige Studierendengruppe mit dem Jahr 2100 beschäftigt und ihre Ideen dazu in Kurzfilme übersetzt, die in der Festivalzentrale der Vienna „Design Week“ zu sehen sind. Das ORIGINAL MAGAZIN traf Harald Gründl und drei seiner Studierenden zum Gespräch.

„Was ich machen kann, ist, eine junge Generation zu unterstützen, ihre eigene Rolle anders zu reflektieren“.
Harald Gründl
Foto Elfie Semotan
Herr Gründl, Ihre Lehrveranstaltung hat jedes Semester einen anderen Fokus. Diesmal ging es um das Jahr 2100. Was kann man von dem Filmprojekt erwarten, das dabei herausgekommen ist?
Harald Gründl: Die acht Studierenden der Lehrveranstaltung „Design Revolution Now!“ haben sich mit dem Jahr 2100 auseinandergesetzt und je einen Kurzfilm von circa einer Minute Länge geschaffen. Daraus ergab sich ein gemeinsamer, achtminütiger Film, der auf der „Vienna Design Week“ gezeigt wird. Ein wichtiger Teil der Aufgabe war für mich, auch ästhetisch zu schauen, wie man sich der Zukunft annähert, aus welcher Perspektive, mit welchen Mitteln. Es ist den Studierenden gelungen, die visuellen Narrative, die man bei Zukunftserzählungen üblicherweise gewohnt ist, zu vermeiden. Ihre Ideen sind viel subtiler.
Im Format „Debüt“ stehen nicht nur Studierende, sondern auch Ausbildungsstätten im Fokus. Welche Zukunftsherausforderungen sehen Sie für Universitäten, die Design vermitteln?
Welche Rolle Design- und Kunstschaffende in der heutigen Gesellschaft spielen, welche transformative Kraft sie haben, muss ausprobiert und erarbeitet werden. Das „Regenerative Design Lab“ und der Kurs „Design Revolution Now!“ sind ein ständiges Suchen, was diese Rolle sein kann. Das Besondere am Kurs ist, dass hier eine Gruppe zusammenkommt, sich mit einem wirklich komplizierten Thema beschäftigt, sich aufeinander einschwingt und gemeinsam in einen Prozess geht. Selbstorganisation, Peer-Learning, sich gegenseitig zuhören und helfen sind ganz wichtige Bestandteile einer Zukunftspädagogik. Dass man Themen hat, die scheiße, groß und überfordernd sind. Denn wir müssen in einer Welt leben, die scheiße, groß und überfordernd ist. In diesem Sinn sehe ich auch Studienpläne, Meisterklassen und Hierarchien an Universitäten kritisch. Wir brauchen die Strukturen vom Anfang des Jahrhunderts nicht mehr. Bereits eine kleine Gruppe zeigt, dass ein interdisziplinäres Feld, das sich aufeinander einlässt, zu ganz anderen Dingen kommt. Es ist im Grunde auch ein Reallabor für die Zukunft, für eine zukünftige Un
Ihre Lehrveranstaltung heißt „Design Revolution Now!“. Kann Design die Welt revolutionieren?
Nein, aber die Dinge, die Designschaffende können, können ein Teil davon sein. Mein Kurs ist ganz klar ein politischer Raum, nicht im parteipolitischen, sondern im gesellschaftspolitischen Sinn. Auch Unis müssten angesichts der aktuellen Dringlichkeit viel politischer sein. Im Feld des regenerativen, kreislauffähigen Designs geht es einfach zu langsam. Es sind definitiv zu wenige Designschaffende in den unterschiedlichsten Kontexten und strategischen Bereichen vertreten. Design kann mehr, als Dinge zu behübschen, es ist ein viel wirkmächtigeres Werkzeug, wenn man in Prozesse, Materialien und Lieferketten hineingeht. Erst wenn man den Fokus auf das Ganze richtet, kann man wirklich innovative Dinge machen.
Versuchen Sie, Ihre Studierenden zu ermutigen, sich in diese Richtung zu entwickeln?
Ich bin nicht ideologisch. Was ich machen kann, ist, eine junge Generation zu unterstützen, ihre eigene Rolle anders zu reflektieren. Und experimentelle Räume aufzumachen, in denen sich die Studierenden austauschen können, denn am besten lernen sie voneinander. Eigentlich will ich mit ihnen nur ein bisschen Selbstwirksamkeit üben. Das ist das Wichtigste, dass man merkt, dass man selbst etwas bewirkt. Dass man andere Leute von den eigenen Ideen begeistern kann, dass man aufeinander eingeht und dass Dinge entstehen, die man allein nicht denken kann. Sich selbstwirksam wahrzunehmen, ist dann auch der Schlüssel fürs Ins-Tun-Kommen.
O-Töne der drei Studierenden

Florian Sapp, Industrial Design Viele Menschen haben sich, glaube ich, noch nie Gedanken darüber gemacht, welche Zukunft sie sich wünschen und was nötig wäre, um dorthin zu kommen. Heutzutage lebt man sehr im Jetzt und denkt sich: In der Zukunft ist sowieso alles schlecht, daher fokussiere ich mich auf mein gegenwärtiges Leben. Aber es wäre wichtig, dass sich jede und jeder mit der Zukunft beschäftigt, denn ohne eine positive Zukunftsvision hat man nichts, worauf man hinarbeiten kann.
Am Anfang des Kurses haben wir Gastvorträge gehört, etwa von Gabriel Roland, dem Direktor der „Vienna Design Week“. Wir haben kurze Manifeste zum Thema Zukunftsvision mitgebracht und sehr viele Diskussionen in der Klasse geführt. Daraus ist der Begriff „XS“ als Grundlage für unsere Kurzfilme entstanden. Gemeint ist damit sowohl „access“, also „Zugang“, als auch „excess“, also „Überfluss“, und „XS“ im Sinne von „extra small“. In meinem Film, der in einem digital animierten, fast comichaften Stil gehalten ist, beschäftige ich mich mit diesen verschiedenen, teils gegensätzlichen Bedeutungen. Meine Intention ist es, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer sich selbst diese Fragen stellen: Was für eine Zukunft wollen wir eigentlich? Will ich in einer Zukunft des Überflusses leben oder geht es mehr darum, dass wir Zugang zu allem haben, was wir brauchen?

Elen Abrahamyan, Industrial Design Wir bekommen täglich eine überwältigende Menge an negativen Informationen. Viele Menschen in meiner Generation fühlen sich für das, was gerade passiert, und für eine bessere Zukunft verantwortlich. Ständig befürchten sie das Ende der Welt und fühlen sich schuldig. Obwohl es nicht unsere Schuld ist. Aus diesem Grund hat mir die positive Ausrichtung der Lehrveranstaltung sehr gut gefallen.
Für mein Kurzfilmprojekt versammle ich dokumentarische Videos, in denen etwas Schönes passiert, Menschen im Hintergrund aber über schwierige Themen sprechen. Eine junge Frau wird von ihrer Familie mit Blumen vom Flughafen abgeholt und betrachtet den bunten Strauß, während die Eltern im Off darüber reden, wie furchtbar die politischen Zustände in ihrem Heimatland sind. Man sieht einen reich gedeckten Tisch, während sich eine Gruppe von Freundinnen darüber unterhält, dass sie keine Kinder bekommen wollen, weil sie zu viel Angst vor der Zukunft haben. Worauf ich damit hinauswill: Obwohl es schreckliche Dinge um uns herum gibt, haben Menschen im Lauf der Geschichte immer Wege gefunden, damit umzugehen – indem sie sich gegenseitig lieben, Spaß haben, die Stimmung ein wenig aufhellen; durch gemeinsames Schaffen und Problemlösungskompetenz. Auch das ist Zukunft.

Dominik Jerger, Management an der WU/Mitbelegung Angewandte. Ich habe das Gefühl, dass das grundsätzliche gesellschaftliche Bewusstsein für Nachhaltigkeit heute da ist, aber die gemeinsame Vision, wohin wir uns entwickeln wollen, oft verloren geht, weil wir uns im Klein-Klein verlieren. Außerdem läuft uns die Zeit davon. Die große Frage ist, ob wir in der wenigen Zeit, die wir noch haben, genug erreichen.
Die Grundidee meines Kurzfilms zum Thema 2100 ist, dass die Zukunft häufig als radikal neue Welt gezeichnet wird. Aber das ist ein Missverständnis. Denn die Zukunft ist ja quasi schon unter uns. Wir werden im Jahr 2100 nicht auf irgendwelchen Inseln leben, sondern immer noch in Europa, in Österreich, in unseren Straßen. Die zentrale Frage ist: Wie können wir die Strukturen, die wir geschaffen haben, so transformieren, dass sie im Einklang mit der Umwelt stehen? Wie können wir die Technologie, die wir schon haben, effizient einsetzen? Etwa Solarenergie, Gebäudebegrünung oder Fahrrad- statt Autoverkehr. In meinem Film zeige ich Aufnahmen von heutigen Städten und öffne mithilfe von künstlicher Intelligenz Fenster in die Zukunft – in 20, 40, 70 Jahren. In verschiedenen Zeitsprüngen sieht man, wie die Örtlichkeiten, die wir jetzt haben, in der Zukunft verändert wurden.
Vienna Design Week
25.9. – 4.10.2026
viennadesignweek.at






