Wie Frauen den Radsport neu prägen
Elena Roch sicherte sich 2025 den Weltmeisterinnentitel im Ultracycling. Foto Alex Zauner
Frauen auf Rennrädern und Gravelbikes gehören längst zum gewohnten Bild auf Österreichs Straßen und Wegen. Was vor wenigen Jahren noch eine Ausnahme war, entwickelt sich zu einer Bewegung, die den Radsport nachhaltig verändert. Ob auf ultralangen Distanzen oder im Elite-Straßenrennsport: Immer mehr Frauen entdecken den Sport für sich und zeigen, dass der Boom weit über einen kurzlebigen Trend hinausgeht.
Von Harald Triebnig
Noch vor ein paar Jahren waren Rennradgruppen fast ausschließlich männlich besetzt, Frauen blieben oft die Ausnahme. Heute begegnet man Sportlerinnen überall: auf Rennrädern, Gravelbikes oder vollgepackten Bikepacking-Bikes. Sie trainieren für den ersten Radmarathon, verbringen Wochenenden auf Schotterstraßen oder messen sich bei Elite-Rennen. Was lange als Nischensport galt, hat sich zu einer Bewegung entwickelt.
Eine, die diese Entwicklung aus nächster Nähe miterlebt, ist die Ultracycling-Athletin Elena Roch. Dabei war ihre Karriere alles andere als geplant. Ursprünglich war sie Läuferin, das Rennrad stand lange nur in der Garage und wurde ab und zu zur Trainingsergänzung genutzt. Erst nach ihrem Umzug nach Tirol änderte sich das. Denn Elena Roch setzte sich ein persönliches Ziel: den „Ötztaler Radmarathon“ zu finishen. Das Training dafür veränderte vieles. „Ich habe dieses Freiheitsgefühl am Rad entdeckt“, erzählt Roch. „Das begleitet mich bis heute.“ Es folgten Radmarathons, Bikepacking-Abenteuer und schließlich eine spontane Entscheidung, die ihr sportliches Leben verändern sollte.
Einstieg statt einmalig
Als 2020 während der Corona-Pandemie nahezu alle Veranstaltungen abgesagt wurden, blieb mit dem „Race Around Niederösterreich“ eines der wenigen Langstreckenrennen übrig, die trotzdem durchgeführt werden konnten. Roch meldete sich aus dem Bauch heraus an. Eigentlich sollte es ein einmaliges Abenteuer werden. Stattdessen wurde es der Einstieg in den Ultraradsport. „Es war unglaublich emotional. Da habe ich gewusst: So etwas möchte ich wieder erleben.“
Heute zählt sie zu den bekanntesten österreichischen Ultraradsportlerinnen. Dennoch spricht sie bewusst nicht von einer Profikarriere. Ihren Lebensunterhalt verdient sie im Marketing-Projektmanagement. Sponsoren helfen dabei, die Kosten für Training, Material und Wettkämpfe zu decken. Der Sport bleibt eine Leidenschaft – eine, die es ihr inzwischen ermöglicht, Vorträge, Workshops und Mentaltrainings abzuhalten. Gerade im Ultraradsport fasziniert Roch weniger der Wettkampf als das Abenteuer. „Die Community ist unglaublich familiär“, sagt sie. Statt um Sekunden geht es oft um Tage, um Hunderte Kilometer, schlaflose Nächte und die Frage, wozu Körper und Kopf tatsächlich fähig sind. „Man entdeckt Landschaften, Länder und irgendwann auch Seiten an sich selbst, die man vorher gar nicht kannte.“


Dass heute deutlich mehr Frauen solche Herausforderungen suchen, beobachtet sie seit einiger Zeit besonders stark. Ein wesentlicher Grund dafür sind laut Roch weibliche Vorbilder. Ob im Profi- oder Amateurbereich: Sichtbarkeit macht Mut. „Für junge Mädchen und Frauen macht es einen riesigen Unterschied, wenn sie sehen, dass andere Sportlerinnen solche Leistungen erbringen.“ Genau diese Vorbilder gibt es inzwischen auf vielen Ebenen. Frauenradvereine wachsen, Rennradcamps für eine ausschließlich weibliche Zielgruppe sind vielerorts ausgebucht. Auch Elena Roch organisiert gemeinsam mit einer Kollegin seit mehreren Jahren Camps speziell für Frauen. Die Rückmeldungen bestätigen ihren Eindruck. „Viele sagen anfangs: ‚Dafür bin ich zu schwach oder ich halte die Gruppe nur auf.‘ Nach dem Camp melden sie sich plötzlich zu Rennen an oder trauen sich lange Touren zu. Das ist wunderschön.“
Wiener Elite
Dass dieser Aufschwung längst auch den leistungsorientierten Straßenradsport erreicht hat, erlebt das Elite-Team „Bikeleasing VERGE VICC“ täglich. Das erste Frauen-Elite-Straßenteam Wiens versteht sich nicht nur als Rennteam, sondern auch als sichtbarer Teil einer Entwicklung, die weit über den Wettkampf hinausgeht. Mitgründerin und Fahrerin Anna Briefer spricht von einem deutlichen Wandel. „Es gibt mehr Fahrerinnen, mehr Frauenteams und deutlich mehr Sichtbarkeit als noch vor wenigen Jahren.“ Gleichzeitig hätten neue Disziplinen wie Gravel, Bikepacking oder Ultracycling zusätzliche Einstiegsmöglichkeiten geschaffen.
Auch Teamkollegin Melanie Brunhofer erlebt diese Veränderung ganz konkret: „Als ich 2018 mit dem Rennradfahren begonnen habe, waren Frauen noch selten am Rad zu sehen.“ Heute ist das – gerade in Wien und Umgebung – völlig anders. Besonders seit der Corona-Pandemie hat sich die Zahl der Rennradfahrerinnen massiv erhöht. Dieser Wandel zeige sich auch bei Rennen: „Standen früher oft nur vierzig oder fünfzig Frauen am Start, sind es heute vielfach mehr als doppelt so viele.“
Auch für Briefer liegt einer der wichtigsten Schlüssel in der Vorbildwirkung. Erfolgreiche Athletinnen inspirieren neue Fahrerinnen, gleichzeitig braucht es gezielte Nachwuchsarbeit und bessere Strukturen. Denn obwohl der Frauenradsport wächst, ist die Gleichstellung noch nicht erreicht. Ein Beispiel dafür ist die mediale Berichterstattung. Während die Rennen der männlichen Profis häufig vollständig übertragen werden, erhalten Frauenbewerbe oft deutlich weniger Sendezeit. Was zunächst nach einem Detail klingt, hat weitreichende Folgen. Weniger Sichtbarkeit bedeutet geringere Sponsoreneinnahmen und damit weniger Möglichkeiten für die Weiterentwicklung des Sports.
Neben strukturellen Fragen gibt es auch gesellschaftliche Hürden. Viele Frauen kennen Situationen – auch abseits des Radsports –, in denen sie ihre Kompetenz zunächst einmal einem Mann beweisen müssen. Elena Roch erinnert sich an ihren ersten Radmarathon, als sie von einem Einweiser automatisch in den letzten Startblock geschickt wurde – mit der Begründung: „Vorne stehen die Schnellen und die Männer.“ Solche Erlebnisse sind ihr zufolge zwar seltener geworden, ganz verschwunden seien Vorurteile aber noch nicht.
Im Ultraradsport kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Sicherheit. Wer als Frau allein durch die Nacht fährt oder mehrere Tage ohne Unterstützung unterwegs ist, muss manche Situationen anders einschätzen als Männer. Gleichzeitig sieht Roch gerade hier enorme Stärken. Mentale Belastbarkeit, der Umgang mit langen Strapazen und das Aushalten unangenehmer Situationen sind ihrer Meinung nach Fähigkeiten, bei denen Frauen den Vergleich keineswegs scheuen müssen.
Strukturwandel
Auch das Wiener Elite-Team sieht den größten Handlungsbedarf bei den Strukturen. Teammanager Michael Kröll wünscht sich vor allem eine breitere Basis – vom Nachwuchs bis zum Amateurbereich. „Noch ist die Zahl der lizenzierten Fahrerinnen in Österreich gering, wodurch sich ein Kreislauf aus wenigen Starterinnen und wenigen Rennen ergibt.“ Mehr Teilnehmerinnen würden langfristig mehr Veranstaltungen, mehr Wettbewerb und bessere Entwicklungsmöglichkeiten schaffen. Trotz aller Herausforderungen überwiegt aber der Optimismus. Der Frauenradsport hat in wenigen Jahren einen Entwicklungsschritt gemacht, für den andere Sportarten Jahrzehnte brauchten. Profirennen, wachsende Communities, Frauenvereine, spezialisierte Camps und immer mehr erfolgreiche Athletinnen zeigen, dass Frauen niemandem beweisen müssen, dass sie zum Radsport dazugehören. Sie tun es ganz einfach.

Elena Roch zählt zu den erfolgreichsten Ultraradsportlerinnen Österreichs. Zu ihren größten Erfolgen zählen der Weltmeistertitel im 24-Stunden-Einzelzeitfahren (2024), der Weltmeistertitel beim „Race Around Austria“ (2025), der Europameistertitel beim „Race Around Niederösterreich“ (2025) und der Gesamtsieg beim „Race Around Austria Extreme“ (2024).
„Bikeleasing VERGE VICC“ ist Wiens erstes Frauen-Elite-Straßenradsportteam und verfolgt das Ziel, den Frauenradsport in Österreich nachhaltig weiterzuentwickeln. Das Team vereint leistungsorientierte Rennradsportlerinnen, engagiert sich für mehr Sichtbarkeit, bessere Nachwuchsstrukturen und Chancengleichheit im Radsport.







