Bäume auf der Flucht
Bild: Assisted Migration Trials, Siikaneva peatland, FI, 2021-2025. © Agnes Meyer-Brandis, VG-Bildkunst (2026)
Die deutsche Künstlerin Agnes Meyer-Brandis macht den Klimawandel auf ungewöhnliche Weise sichtbar: Mit Kameras und Kunstwerken untersucht sie, wie Bäume vor der Erderwärmung fliehen.
Von Katrin Brahner
Die Waldkiefern im Siikaneva-Moor im Süden Finnlands sind für Agnes Meyer-Brandis inzwischen fast schon so etwas wie alte Bekannte. Denn die Medienkünstlerin observiert die Bäume bereits seit fünf Jahren mit Zeitraffer- und Phänologiekameras. Auf Siikaneva kam sie über ihre langjährige Zusammenarbeit mit der „Hyytiälä Forestry Field Station“ der Universität Helsinki. 2013 war sie dort die erste Artist-in-Residence des Art-&-Science-Programms „Climate Whirl“ und begann, sich intensiv mit Wäldern, Bäumen und Klimaforschung auseinanderzusetzen.
„Manchmal sitze ich morgens in Berlin am Rechner und schaue erst einmal, was die Bäume so machen“, sagt sie. Mithilfe der Kameras will sie einfangen, was für das menschliche Auge kaum sichtbar ist: Sie will zeigen, wie die Bäume vor dem Klimawandel fliehen.

Ein Büro für Bäume
Tatsächlich bewegen sich die Kiefern in Finnland immer weiter in das Moor hinein. Denn durch die steigenden Temperaturen und den ausbleibenden Regen wird dieses an den Rändern zu trocken. „Bäume sind schon immer gewandert, aber eben sehr, sehr langsam. Ein Prozess, der über viele Generationen und Tausende von Jahren Zeit braucht“, erzählt Meyer-Brandis. Dabei wandern Bäume nicht im wörtlichen Sinn. Vielmehr erschließen sich Baumarten neue Lebensräume: Samen breiten sich aus, neue Bäume wachsen an anderen Orten. So verschieben sich Wälder langsam.
Um diese Wanderung langfristig zu dokumentieren, hat Agnes Meyer-Brandis 2016 das „Office for Tree Migration“ (OTM), auf Deutsch „Das Büro für Baumwanderung“, ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um ein künstlerisches Forschungsprojekt, das Methoden aus Wissenschaft, Technologie und Kunst miteinander verbindet. Ein zentrales Anliegen des OTM ist es, zu untersuchen, wie sich Bäume im Klimawandel ausbreiten und anpassen und wie sie dabei unterstützt werden können.
Erster Arbeitsort ist die Forschungseinrichtung „Hyytiälä Forest Station“ im Süden Finnlands, ganz in der Nähe des Siikaneva-Moors. „Weitere OTM-Zweige tauchen temporär in Wäldern, Moorgebieten, Forschungsinstituten, Laboren und Museen weltweit auf, um die Baumgrenzen in verschiedenen Klimazonen zu untersuchen“, so Meyer-Brandis.

Aus Daten wird Kunst
Über die Jahre sammelten sich so Hunderte Terabyte an Baumdaten, hauptsächlich aus dem Siikaneva-Moor, an. Im Austausch und in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen entwickelt Agnes Meyer-Brandis daraus eine Vielzahl künstlerischer Methoden und Formate.
So entstand aus den Kameraaufnahmen vom Siikaneva-Moor die Videoinstallation „As Trees Go By“. Sie besteht aus fünf synchron laufenden Filmaufnahmen. Jeder Film dauert knapp zwei Stunden und läuft in einer Schleife. Zu sehen sind Zeitraffer, die die langsamen Veränderungen rund um die Waldkiefern dokumentieren – vom Wechsel der Jahreszeiten bis zur Entwicklung der Moorlandschaft. Meyer-Brandis bezeichnet die Bäume darin als „Klimaflüchtlinge“, die versuchen, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. 2025 wurde die Installation erstmals im „Serlachius Museum“ im finnischen Mänttä gezeigt. Auch im OTM in Hyytiälä sind Ausschnitte aus den Kameraaufnahmen zu sehen. Das „Office for Tree Migration“ (OTM) auf der Wald-Forschungsstation Hyytiälä ist seit 2024 für die Öffentlichkeit zugänglich.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Skulptur „Migration Route“, auf Deutsch „Wanderroute“. Sie zeigt, wie sich der Lebensraum rund um die Waldkiefer mit der Nummer 228 im Siikaneva-Moor verändert. Grundlage sind tägliche Fotografien der Moorlandschaft zur gleichen Uhrzeit über zwei Jahre. Die wechselnden Farben übersetzte Meyer-Brandis mithilfe einer Software in eine zwölf Meter lange Zeitleiste. Diese macht deutlich, dass nicht die Kiefer selbst ihren Standort verlässt, sondern sich ihr Lebensraum mit der Zeit verändert – und greift damit die Idee der „Wanderung“ von Bäumen über Generationen hinweg auf.

Foto © Agnes Meyer-Brandis, VG-Bildkunst (2026)

Hilfe für die Bäume
Leider schreitet der Klimawandel viel schneller voran, als die Wälder vor ihm fliehen können. „Sie bewegen sich in einem völlig anderen Zeitrahmen als Menschen und benötigen Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte, um auf Umweltveränderungen reagieren und sich möglicherweise daran anpassen zu können“, so Agnes Meyer-Brandis.
Deshalb gibt es weltweit bereits Ansätze, Bäume durch menschliche Eingriffe bei ihrer Wanderung zu unterstützen. „Assisted Migration“, also „unterstützte Migration“, nennt sich das. Bei Aufforstungen werden zum Beispiel gezielt Samen oder Jungpflanzen aus anderen Regionen verwendet, die besser an die zukünftigen Klimabedingungen am neuen Standort angepasst sind.
Das ist allerdings gar nicht so einfach, denn Bäume sind komplexe Wesen. „Ein Baum ist ja ein ganzes Universum für sich. Er ist vernetzt mit seiner Umwelt und Teil eines lokalen komplexen Ökosystems, das über Jahrhunderte entstanden ist“, erklärt Meyer-Brandis. „Zwar ist es möglich, Experimente und Renaturierungsprojekte in kleinem Maßstab durchzuführen, doch wird es nahezu unmöglich, diese Präzision auf ganze Landschaften zu übertragen. Die Folgen groß angelegter Eingriffe sind unvorhersehbar. Jeder menschliche Eingriff in Ökosysteme, die sich über Zehntausende von Jahren entwickelt haben, ist mit Unsicherheiten verbunden.“
Spazierende Bäume
Mit ihrer Kunst gelingt es Agnes Meyer-Brandis, dieses komplizierte Thema greifbar und sichtbar zu machen. „Kunst kann freier agieren als die reine Wissenschaft“, sagt sie. „Sie ermöglicht einen sinnlichen Zugang zu Themen, ohne ein bestimmtes Vorwissen vorauszusetzen.“
Im Gegensatz zur Wissenschaft darf die Kunst außerdem Fragen stellen, ohne Antworten liefern zu müssen. Und davon gibt es zur Genüge – die Künstlerin zählt nur einige auf: „Wie könnten sich Bäume bewegen? Wie könnte man sie physisch triggern? Und woher weiß der Baum eigentlich, in welche Richtung er wandern soll?“
Wo die Wissenschaft an Grenzen stößt, beginnt für Meyer-Brandis die künstlerische Freiheit: „Vielleicht gibt es in 50 oder 100 Jahren spazierende Bäume oder Bäume, die Berge hochklettern“, so die Künstlerin. „Ich weiß nicht, was Wissenschaft und Evolution bis dahin vermögen – ich hoffe jedenfalls, die Wälder und das Leben darin werden lebendig, bunt, divers und stark sein.“
Weitere Informationen: onetreeid.de/otm
Die Medienkünstlerin Agnes Meyer-Brandis wurde 1973 in Aachen geboren. Sie studierte zunächst Mineralogie und anschließend Freie Kunst an den Kunstakademien Maastricht und Düsseldorf sowie an der Kunsthochschule für Medien Köln. Ihre Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technologie. 2016 gründete sie das „Office for Tree Migration“ (OTM). Ihre Werke wurden international ausgestellt und ausgezeichnet, unter anderem am „Centre Pompidou“ in Paris und im Rahmen der „Ars Electronica“, eines der wichtigsten internationalen Festivals für Kunst, Technologie und Zukunftsfragen.
Agnes Meyer-Brandis erhielt 2026 für ihr „Office for Tree Migration“ den „S+T+ARTS Grand Prize – Innovative Collaboration“. Das Projekt wird während des „Ars Electronica“ Festivals vom 9. bis 13. September 2026 im Lentos Kunstmuseum Linz präsentiert.
ars.electronica.art, lentos.at






