Doris Neubauer
„Beam me up, Scotty!“ Bei der Frage nach meinem Wunsch schießt mir dieses geflügelte Wort aus der Science-Fiction-Serie „Raumschiff Enterprise“ durch den Kopf. Dort ist es seit Jahren regelmäßig zu Besuch. Immer dann, wenn es hier, im Regenwald in Neuseeland, nicht und nicht aufhört, wie aus Kübeln zu schütten. Oder wenn die Bonus-Zwillinge versuchen, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, und dabei in ihrer Lautstärke sogar Maias Bellen nach dem Stöckchen übertrumpfen. Oder wenn ich die Einladung zum Goldenen Hochzeitstag meiner Eltern ausschlagen muss, das x-te Geburtstagsessen im Kreis der Familie (samt aller zu oft gehörten Witzeleien) verpasse oder den Schwangerschaftsbauch einer Freundin nur auf Fotos wachsen sehe. Und vor allem dann, wenn ich eine der selten gewordenen Nachrichten meiner besten Freundin aus Wien erhalte und deren schriftliches „Ich drück dich“ nicht ausreicht, mich verstanden und geborgen zu fühlen. Dann, ja, genau dann wünsche ich mir nichts sehnlicher, als mich mal eben so nach Österreich – genauer gesagt, in den Kreis meiner Lieben – zu beamen. Knöpfchen drücken, und schon bin ich dort. Vor allem aber weg von hier …
Gerade jetzt, in diesem Moment, ist es wieder so weit. Der Winter nähert sich mit Siebenmeilenstiefeln und damit die Tage, an denen das Zählen der Regentropfen zu den spannendsten Ereignissen gehört. Nicht so in Europa, wo – virtuell – mein beruflicher Alltag stattfindet und wo meine Freunde und Familie zu Hause sind. Da wird ausgerechnet jetzt alles hellgrün, und der Sommer schafft es, mit seiner Leichtigkeit selbst die schwersten Gemüter anzustecken – Sonnenstrahl um Sonnenstrahl. Dann kommen sie wieder, die nicht enden wollenden Nachmittage des Beisammensitzens am Donaukanal oder beim Heurigen. Die Spaziergänge durch die Innenstadt, die – zwangsläufig – zum Eisgreissler oder der Veganista (oder wie der aktuelle Eisdealer der Wahl heißen mag) führen. Und die Ausflüge in den Wald, von denen mein Vater garantiert Schüsseln bis zum Rand gefüllt mit Brombeeren, Heidelbeeren oder Erdbeeren mit nach Hause bringt. „Beam me up, Scotty!“ – wird die Stimme in mir immer lauter, während mir allein beim Gedanken an diese süßen Früchtchen das Wasser im Mund zusammenläuft. Es ist dieser Geschmack von Unbeschwertheit, von Unbesorgtheit, von Lebensfreude und Leichtigkeit, den ich am meisten vermisse und den ich mir holen möchte –
per Knopfdruck, wohlgemerkt. Zwischen 24 und 35 Stunden um den Erdball Fliegen ist gerade keine Option. Vielleicht, weil ich weiß, dass der bittere Nachgeschmack der Realität schneller überhandnimmt, als mein Jetlag überwunden ist.
„Die Zeit ist keine gute“, schreibt mir eine Wiener Freundin. Dabei hat sie ein paar Zeilen zuvor noch vom Krafttanken im Hellgrünen geschwärmt. Zum Aufladen der Batterien reichen solche Momente längst nicht mehr – weder in Wien noch in meinem Regenwald in Neuseeland. Zu viel scheint in den letzten Jahren aus dem Lot gekommen zu sein. „Ein Schritt nach dem anderen und atmen. Wird schon wieder besser werden“, meint die weise Freundin. Und wenn nicht, dann bleibt immer noch, den Wunsch in die Welt hinauszurufen: „Beam me up, Scotty!“ Du wirst schon wissen, wohin …█
Die Neugierde auf fremde Länder und die Menschen darin, hat Doris Neubauer aus dem ländlichen Niederösterreich in die Ferne gezogen. Heute lebt sie in Aotearoa, Neuseeland, und arbeitet neben ihrer Tätigkeit als freie Journalistin bei einer Reiseagentur. Auf beiden Wegen möchte sie Menschen inspirieren, neue Welten zu entdecken, und unterstützt dabei gerne Projekte wie Unternehmen, die sich nachhaltig für eine lebenswerte Zukunft einsetzen. dorisneubauer.com


