„Die Dusche ist der Ort, an dem ich am klarsten bin“

Bild: Der Nino aus Wien im Cafe Heumarkt in Wien.

Der Nino aus Wien ist einer der großen Eigensinnigen in der heimischen Musiklandschaft: Ein Gespräch mit dem Liedermacher und Literaten über Songs im Kopf und warum nicht alles scheiße ist.
Text und Foto Wolfgang Paterno

Der Nino aus Wien, 1987 als Nino Mandl in Wien geboren, ist Liedermacher und Autor. „Seit einigen Jahren schleicht durch die Hauptstadt ein junger Mann, dem nachgesagt wird, die heimische Musikszene mächtig aufgerüttelt zu haben“, war bereits 2012 auf der Website des österreichischen Musikinformationszentrums „mica“ zu lesen. Der Nino aus Wien hat seither zahllose Konzerte absolviert, in der Wiener Arena ebenso wie in der Hamburger Elbphilharmonie, und knapp 20 Alben (unter anderem mit Ernst Molden) veröffentlicht. Zuletzt erschien „Endlich Wienerlieder“ (Medienmanufaktur Wien).

Nino aus Wien, hören Sie viel Musik?
Nino aus Wien: Jedenfalls nicht ständig. Ich mag vor allem jene Formen von Musik, die im Kopf spielen, Ohrwürmer und bestimmte Rhythmen. Ich benötige nicht zwingend eine Soundkulisse um mich herum. Fernsehen schaue ich auch gern ohne Ton.

Die Stille gebiert Musik?
In der Stille habe ich ständig Musik im Kopf. Musik ist eine überaus anhängliche Begleiterin, so ließe sich das durchaus beschreiben.

Was sind das für Melodien, die Ihnen zuweilen nicht mehr aus dem Kopf gehen?
Lieder, die es noch nicht gibt, die ich erst schreiben müsste. Oder irgendwelche Songs. Dazu eigene Musik, die ich irgendwann aufgenommen habe. Die Musikstücke in meinem Kopf verfliegen in der Regel aber bald wieder.

Eine unhörbare Hitparade gewissermaßen.
Die schönsten Melodien sind jene, die einem im Halbschlaf kommen –
oder gleich im Dreiviertelschlaf, unmittelbar vor dem Einschlummern. Festhalten lassen sich diese Liederschnipsel leider kaum. Sie verschwinden auf Nimmerwiederhören.

Ein großer Verlust?
Nicht unbedingt. Es geht ja nicht ums Festhalten. Sondern um den Moment, den man mit einer bestimmten Form von Musik erlebt, – und um den schönen Irrglauben, dass eine bestimmte Kopfmusik, wäre sie erst einmal niedergeschrieben und zur Aufführung gebracht, einen fantastischen Song ergäbe. Das glaubt mir natürlich kein Mensch, weil die Lieder in meinem Kopf naturgemäß niemand sonst hören kann. Mir jedenfalls reicht der Gedanke, dass daraus ein schöner Song entstanden wäre, die Musik eines wunderbaren Augenblicks.

Friedrich Nietzsche behauptete, ein Leben ohne Musik sei ein Irrtum. Einverstanden?
Mein Großvater mütterlicherseits hörte nie Musik. Er sagte stets, er könne Musik nicht leiden. Der einzige Mensch, den ich je getroffen habe, der keine Musik mochte.

Haben Sie eine Ahnung, weshalb er sich verweigerte?
Nein. Sobald in seiner Umgebung Töne aus dem Lautsprecher erklangen, drehte er das Radio ab. Er wolle das nicht hören, knurrte er dann. Gleichviel, um welche Musik es sich handelte. Der Großvater wollte nie darüber reden, weshalb er derart allergisch auf Musik reagierte. Um herauszufinden, warum er fast schon traumatisch darauf ansprach, müsste man wohl in seiner Kindheit ansetzen.

Hat er wenigstens Ihre Musik geschätzt?
Es ging sich leider nicht mehr aus, dass er sie hören konnte. Noch zu seinen Lebzeiten erzählte ich ihm einmal, ich würde gern Sänger werden. Seine Antwort: „Geh bitte, wer soll des hören?“ Vielleicht hätte er die Musik seines Enkels dennoch gemocht. Vermutlich hätte sie ihm aber auch nicht behagt.

Was macht der Nino aus Wien, damit die Musik in seinem Kopf letztlich auf einer Platte oder CD hörbar wird?
Ich habe immer einen Kugelschreiber und ein Notizbuch bei mir, schreibe mir selbst auch ständig SMS, was praktisch ist, weil du zugleich Absender und Empfänger der Nachricht bist. Gerne schmiere ich auch Zettel voll. Zu Hause lagert bereits ein Berg davon. Aus irgendeinem Grund habe ich in der Dusche die besten Ideen für Songs, keine zwingend künstlerischen, oft einfach gute organisatorische Einfälle. Die Dusche ist der Ort, an dem ich offenbar am klarsten bin. Das einzige Problem: Man hat keinen Kugelschreiber und kein Handy zur Hand, ich muss deshalb üben, die Geistesblitze in die Welt jenseits der Duschkabine mitzunehmen.

Angenommen, eine Idee schafft den Sprung aus dem Badezimmer: Wie geht es dann weiter?
Wer immer meine Notizen und Zettel eines Tages lesen wird müssen, wird sich denken: „Irgendwie komisch, was der alles so hinschmiert!“ Aber gut, irgendwie ist das Schreiben Teil meines Lebens. Es gibt bei Weitem sinnlosere Tätigkeiten. Ich jedenfalls muss im Flow bleiben, Papier vollschreiben.

Muss jede Ihrer Ideen künstlerisch „verwertet“ werden?
Mindestens 90 Prozent davon realisiere ich nicht! Wahrscheinlich geht es um die restlichen zehn Prozent, die man aussiebt, aus denen etwas entsteht. Wenn dieser ungenutzte Teil meiner Notizen jedoch nicht entstünde, blieben wiederum nicht jene zehn Prozent über … Es passiert künstlerisch einiges, sobald ich dranbleibe am Schreiben, mehr jedenfalls, als wenn ich fünf Wochen ununterbrochen PlayStation spiele …

… was mitunter auch vorkommt, oder?
Klar. Leider viel zu selten. Ich sollte wieder mehr PlayStation spielen. Man kann nicht vom Aufstehen bis zum Niederlegen ein superproduktiver Künstler sein.

Sie können nicht 24 Stunden am Tag der Nino aus Wien sein?
Der Nino aus Wien ist der denkbar simpelste Name, den man sich geben kann. Ich heiße Nino – und komme aus Wien. Mir ist kein besserer Künstlername eingefallen – wenn es denn überhaupt ein solcher ist. Ich dachte mir nie, als Nino aus Wien darf ich dies und jenes machen, was ich als Nino Mandl nicht anstellen dürfte, und umgekehrt. Als der Nino aus Wien war es auch nie meine Absicht, einen bestimmten Teil der Wiener Kultur zu repräsentieren.

Nino de Angelo war als Künstlername außerdem bereits vergeben.
Meine Eltern benannten mich nach dem damals populären deutschen Schlagersänger! Dafür bin ich meiner Mutter und meinem Vater dankbar. Mein Leben als der Günter aus Wien wäre wohl dramatisch anders verlaufen.

Rainhard Fendrich sang einst: „Ja aber vü vü schöner is des G′fühl, wenn i a Liad g’spia in mir.“
Ein schönes Gefühl, auf jeden Fall. Für manche Lieder muss man aber kämpfen, Aufwand betreiben. Je mehr Aufwand, desto eher fliegt einem ein Song zu. Manche Lieder besuchen einen regelrecht. Oft sind meine liebsten Songs jene, die auf eine solche Weise daherkommen, plötzlich da sind. Wie genau das funktioniert und warum, weiß ich nicht. Ich muss es auch nicht wissen.

Sie haben sich das Gitarrespielen selbst beigebracht. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Angefangen hat es mit einer E-Gitarre, gekauft in einem Lebensmitteldiscounter. Meine ersten Spielversuche waren komplett verstimmt und verzerrt. Furchtbar. Wirklich schrecklich. Deshalb besorgte ich mir bald eine Akustikgitarre, um zu üben. Ich nahm nie Unterricht. Gitarre spielen, Songs schreiben, singen, all das habe ich mir selbst beigebracht. Das war damals ungemein schön: sich selbst etwas beibringen, seinen Weg finden. Die eigene Stimme ausprobieren, den eigenen Klang, den Sound, die eigene Sprache finden.

Das müssen viele einsame Stunden gewesen sein.
Ja, während andere Partys feierten. Ein Mädchen war für mich auch wichtig. Ich wollte sie beeindrucken mit meinem Gesang. Dafür musste ich lernen, Gitarre zu spielen. Später habe ich die Partys nachgeholt.

Planen Sie nach „Kochbuch Take 16“ (2023), Ihrer Sammlung von Notizen und Erinnerungen, ein weiteres Buch?
Ja, eines mit dem Arbeitstitel „Frage“. Ein Buch, das keine Antworten bereithält, allein Fragen stellt. Vielleicht wird es eines Tages fertig.

Fragen à la „Woher kommen wir? Wohin gehen wir?“?
Es beginnt immer bei den ganz kleinen Fragen. Die großen folgen ohnehin.

Abschließend noch einige Fragen auf Grundlage Ihrer bekanntesten Songtitel. 2016 veröffentlichten Sie gemeinsam mit Natalie Ofenböck den Song „A schena Tog“. Ist heute ein schöner Tag?
Eigentlich schon. Es ist mild, angenehm, schönes Oktoberwetter. Es könnte ein schöner Tag bleiben.

„Tränen machen wach“, singen Sie auf Ihren Konzerten. Machen Tränen das wirklich?
Ja, weil ich noch nie in einem Tränenbad eingeschlafen bin. Mich machen Tränen wach.

„Wer ist der Ärgste“ sangen Sie 2018. Wer ist also der Ärgste?
Mein Gitarrist, dachte ich lange Zeit. Die Argen müssen sich aber untereinander ausmachen, wer unter ihnen der Ärgste ist. Ich kenne etliche Kandidaten. Bis dahin bleibt offen, wer der Ärgste ist. Aber wahrscheinlich mein Bruder.

Noch eine Frage aus dem Nino-aus-Wien-Songbook: Ist alles ein Scheiß?
Es ist nicht immer alles ein Scheiß. Zum Glück. Ich war sehr schlecht gelaunt, als ich „Alles 1 Scheiß“ schrieb. Der Song entsprang schlechter Laune, niedergeschlagener Stimmung. Lustigerweise ging es mir besser, als ich ihn geschrieben hatte. Inzwischen singe ich „Alles 1 Scheiß“ ungern. 100 Mal „Scheiß“ auf der Bühne singen? Nicht fein.

„Fragen“ soll Ihr nächstes Buch heißen. Haben wir über alle wichtigen Fragen geredet?
Das ist die Frage.


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