Energieautonomes Vorarlberg: Quo vademus?
Vor 16 Jahren hat der Landtag einstimmig das Ziel ausgerufen, Vorarlberg möge bis 2050 energieautonom werden. Wo stehen wir und schaffen wir das?
Text Werner Sommer, Illustrationen Eva Pils
„Die erste Region weit und breit, der weder Russen noch Ölmultis Sonne oder Wasserkraft abdrehen können“, solle das Land werden, so Erich Schwärzler 2009 bei der Präsentation der „Energiezukunft Vorarlberg“. Der Landtag fasste einen einstimmigen Beschluss. Das Ziel: Vorarlberg möge bis 2050 bilanziell energieautonom werden. Die erste Dekade auf dem Weg dorthin stand unter dem Motto „101 enkeltaugliche Maßnahmen“.
Energieautonomie+ 2030
Zwölf Jahre später wurde auch die Strategie für die zweite Dekade „Energieautonomie+“ einstimmig beschlossen. Das „+“ zeigt an, dass energieunabhängige Treibhausgas-Emissionen – vor allem aus der Landwirtschaft und Abfällen – in die Bilanz aufgenommen wurden. Gemeinsam mit der Erhaltung von Kohlenstoffspeichern und der Anpassung an den Klimawandel bildet die „Energieautonomie+“ die Klimastrategie des Landes.
Im August 2024 wurden Zwischenergebnisse präsentiert. Energiesparen scheint angesichts der Rahmenbedingungen schwierig: Bevölkerung, Wohnfläche, Pkw-Bestand und Produktion nahmen von 2005 auf 2022 teilweise massiv zu.
Bei den drei wesentlichen Zwischenzielen bis 2030 sieht es folgendermaßen aus:
Der Endenergieverbrauch betrug 9.467 Gigawattstunden. Die Hälfte stammt aus Öl und Gas, 43 % aus heimischer Produktion. Für 2030 werden 50 % angepeilt.
76 % des Stroms wurde bilanziell aus heimischer Erzeugung gedeckt. 2030 sollen es 100 % sein.
1,89 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent an Treibhausgasen wurden ausgestoßen. 20 % weniger als 2005. Ziel 2030: – 50 %.
Eingeschränkter Handlungsspielraum
Das Land kann Ziele vorgeben, Rahmenbedingungen verbessern, finanziell fördern, beraten und mit gutem Beispiel vorangehen (Mission ZeroV). „Wesentliche Rahmenbedingungen werden aber supranational in Brüssel – wie beim „Green Deal“ – oder national in Wien gesetzt“, betont der zuständige Beamte Christian Vögel. Meist sind die Vorgaben von EU und Nationalrat hilfreich. Umsetzen müssen die guten Ideen die privaten Haushalte, die Gemeinden (Stichwort: e5) und die Unternehmen im Land. Unterstützt werden sie dabei unter anderem vom Energieinstitut: „Wir beraten, bilden und forschen für sinnvollen Energieeinsatz und erneuerbare Energieträger“, so Geschäftsführer Martin Reis.

Wasserkraft als Startvorteil
Einen wichtigen Verbündeten hat das Land: die Topografie. Die begünstigt die Energieerzeugung aus Wasserkraft durch die „illwerke vkw“. Der Energieversorger hat 9 Milliarden Euro Investitionen bis 2040 angekündigt. Das Geld fließt etwa in das neue Pumpspeicherkraftwerk „Lünersee II“. Dieser Typus liefert für die Energiewende essenzielle „Regelenergie“: „Wenn in Deutschland Wolken aufziehen oder der Wind einschläft, können wir mit unseren Kraftwerken blitzschnell einspringen und den Rückgang bei Sonnen- und Windstrom kompensieren“, betont Pressesprecher Andreas Neuhauser. Für die „Energieautonomie+“ unmittelbar ausschlaggebend sind die Speicher- und Laufkraftwerke. Hier sind weitere geplant, zum Beispiel das Kraftwerk Lochau. Beim Ausbau der Kleinwasserkraft gibt es auch Rückschläge, wenn – wie beim Projekt Mellenbach – Umwelt- und Klimaschutz in Konflikt geraten. Um die Abhängigkeit von der Wasserkraft zu reduzieren, investiert der Konzern auch in Biomasse und prüft Windkraft-Projekte (Alpe Rauz). Ein dichtes Ladenetz für E-Mobilität (vlotte) und Investitionen ins Stromnetz (Smart Grid) runden das Engagement ab.

Klimawandel macht sich bemerkbar
Unmittelbar starken Einfluss auf den Energieverbrauch haben das Wetter und die wirtschaftliche Entwicklung: „Der Klimawandel ist da schon spürbar. In milden Wintern sparen wir zwar Heizenergie, aber zu trockene Sommer können auch kritisch sein“, konstatiert Christian Vögel. Trockene Sommer reduzieren nicht nur die Stromproduktion aus Wasser. Sie können im Extremfall auch zu Abschaltungen von Atomreaktoren oder kalorischen Kraftwerken führen, weil sie mit Wasser gekühlt werden. Im Gegenzug steigt die Produktion durch Sonne. Es bleibt die Winterstromlücke. Dafür werden in Zukunft entsprechende Speichertechnologien benötigt.


Der Faktor Mensch
Umsetzen müssen die Energieautonomie alle Vorarlbergerinnen und Vorarlberger. Da unterscheidet Christian Vögel drei Typen: „Die Vorreiter, die schon vor 30 Jahren ein Passivhaus hatten, die breite Masse, die vor allem durch finanzielle Anreize zu motivieren sind und die Nachzügler, die wirtschaftlich nicht können oder aus Prinzip nicht wollen.“ Der unabhängige Energieexperte Christof Drexel ist überzeugt: „In der Breite der Gesellschaft werden wir erst dann ‚richtig‘ handeln, wenn es zum eigenen Vorteil dient.“ Der Vorteil muss manchmal erst erkannt werden: „Beispielsweise ist ein E-Auto über die Lebensdauer immer wirtschaftlicher als ein Verbrenner. Viele lassen sich aber von den Anschaffungskosten abschrecken“, betont Martin Reis. Er sieht auch Potenzial: „Wer mit der eigenen PV-Anlage vom Konsumenten zum Produzenten wird, hat umgedacht und wird zum Botschafter für die Energieautonomie.“ Einer der vielen Kipppunkte, die die Energiewende psychologisch und technologisch mit sich bringt.
Strategie wird evaluiert
Derzeit befindet sich die Energieautonomie-Strategie in Überarbeitung. „Die drei Hauptziele bis 2030 – 50 % weniger Treibhausgase gegenüber 2005, 50 % Anteil Erneuerbare am Endenergiebedarf und 100 % erneuerbarer Strom – werden voraussichtlich bleiben, darunter kommt es zu Anpassungen“, sagt Martin Reis. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass das PV-Ziel erhöht und die Windkraft Teil der Strategie wird. Andere Potenziale, wie die möglichen Vorkommen an tiefer Geothermie unter Feldkirch und Bregenz, könnten einer vertieften Erkundung unterzogen werden. „Es ist jedoch notwendig, die Energieautonomie neu zu denken. Neben dem Ausbau erneuerbarer Energiequellen müssen die Aspekte Versorgungssicherheit und Leistbarkeit als Ziele aufgenommen werden“, ergänzt Andreas Neuhauser aus Sicht des Energieversorgers. „Die Energieautonomie ist keine Frage des Wissens. Das steht zur Verfügung. Die Maßnahmen sind volkswirtschaftlich und in vielen Fällen betriebswirtschaftlich rentabel“, so Christof Drexel. In einem sind sich die Experten einig: Wir müssen schneller ins Tun kommen und die selbst gesteckten Ziel ernst nehmen. Die gute Nachricht: Dazu kann jede und jeder beitragen, jeden Tag aufs Neue!

Grafiken Datenquelle: Monitoringbericht zur „Energieautonomie+ 2030“ (Ausgabe 2024 – Datenstand 2022) Amt der Vorarlberger Landesregierung






