Film Empfehlungen
© Polyfilm
VIENNALE 2025
Die „Viennale“, Österreichs größtes internationales Filmevent, findet 2025 zum 63. Mal statt. Neben einer Reihe von historischen Sonderprogrammen präsentiert das Festival in fünf Innenstadt-Kinos rund 120 aktuelle Langfilme mit hohem künstlerischen Anspruch.
Termin: 16. bis 28. Oktober 2025
Programm online: 7. Oktober um 20 Uhr
Vorverkaufstart: 11. Oktober, 10 Uhr
viennale.at

Regie: Kleber Mendonça Filho
BRA/F/D/NL 2025, 158 Minuten
Foto The Secret Agent © Victor Juca
Filmtipp von „Viennale“ Direktorin Eva Sangiorgi:
O Agente Secreto (The Secret Agent)
„The Secret Agent“ beleuchtet die politischen und wirtschaftlichen Machenschaften in Brasilien während der Diktatur und feiert zugleich die Vitalität und Lebensfreude des Landes. Vor dem Hintergrund eines korrupten, autoritären Regimes entfaltet sich das Porträt einer Gesellschaft, die in persönlichen Beziehungen von Inklusion und Solidarität geprägt ist – umrahmt von der schillernden Kulisse des Karnevals.
Der packende Thriller ist zugleich eine Liebeserklärung an das Kino, gespickt mit Anspielungen auf Kultfilme der 1970er und pointiertem Humor. Regisseur Kleber Mendonça Filho verwebt in seinem vierten Spielfilm Zeitgeschichte, Spannung und Hommage zu einem vielschichtigen Werk. Wagner Moura zeigt in der Hauptrolle, warum er einer der international bekanntesten brasilianischen Schauspieler ist. Beide Künstler wurden bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet.
To Close Your Eyes and See Fire

Regie: Jakob Carl Sauer, Nicola von Leffern
A 2024, 99 Minuten
(im Kino)
© Stadtkino
„Ich gehe immer noch wie auf Glas“, offenbart eine unbekannte Telefonstimme. Yasmin nimmt den Anruf bei der Telefonseelsorge „Embrace“ in Beirut entgegen, der einzigen Suizidpräventionshotline im Libanon. Am 4. August 2020 explodiert im Hafen der Stadt ein Lager mit Ammoniumnitrat. 218 Todesopfer, über 6.500 Verletzte. Die Schäden in Milliardenhöhe befeuern die nationale Nahrungs- und Wirtschaftskrise. Die psychische Druckwelle des Traumas durchdringt dabei die unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft.
Das deutsch-österreichische Regieduo Nicola von Leffern und Jakob Carl Sauer begleitet in seinem poetischen Dokumentarfilm „To Close Your Eyes and See Fire“ über drei Jahre hinweg Betroffene in Beirut. Aya, das syrische Flüchtlingsmädchen, das mit ihrer Familie in einer Tiefgarage zwischen Autos und Beton zu überleben versucht. Oder Selim, der Künstler und Aktivist, der sich lieber in den Kriegswirren der Ukraine sieht, als länger im Libanon zu bleiben. Sie alle sind Teil der Protestbewegung, die die Regierung für die Tragödie verantwortlich macht. Die spärlichen Informationen dringen dabei aus den TV-Nachrichten in den Film. Es ist ein eindringliches Mosaik aus statischen Tableaus, die im bedächtigen Tempo Alltagsbeobachtungen und Seelsorgeanrufe zu einem Bild einer versehrten Seele formen: Die Menschen stehen in Beirut auf den Scherben ihrer Existenz. (Martin Nguyen)
Schäfer (OT: Bergers)

Regie: Sophie Deraspe
CAN/F 2024, 113 Minuten
(im Kino)
© Polyfilm
Der Québecer Mathyas (großartig: Félix-Antoine Duval) hat seinen Job in einer Werbeagentur gekündigt. Im Süden Frankreichs, mit einem Handbuch über Landwirtschaft unterm Arm, will der belesene, junge Mann den Traum des Hirten leben – und ein Buch schreiben. Doch ohne Erfahrung haben die französischen Züchter nur Gelächter für ihn übrig. Als ein cholerischer Schafbauer ihm eine Chance gibt, zerbricht sein mythisch-idealisiertes Bild des Schäfers, der im Einklang mit der Natur lebt. Auf dem verfallenen Hof schlägt Mathyas mit aller Härte auf dem Boden der Realität auf: beengte Ställe, Krankheiten, ein schäbiges Leben ohne Perspektive.
Sophie Deraspes „Schäfer“ ist inspiriert vom semi-biografischen Roman „D’où viens tu, berger?“ des kanadischen Schriftstellers Mathyas Lefebure. Mathyas’ ernüchternder Beginn ebnet den Weg der Heilung: Die junge Beamtin Élise (Solène Rigot), die ihren Bürojob ebenfalls aufgegeben hat, schließt sich ihm an, und eine resolute Züchterin engagiert das unerfahrene Duo. Aus Mangel an Personal bietet sie den beiden an, 800 Schafe im Sommer ins steile Gebirge zu führen. Über großartige Naturaufnahmen verbindet Deraspe die dokumentarische Härte der Realität mit einer poetischen Ebene. Die große Kunst des Films ist es, die verklärte Idylle zu dekonstruieren, aber zugleich die universale Sehnsucht nach Natur und Ursprung zu stillen. (Martin Nguyen)
Noch lange keine Lipizzaner

Regie: Olga Kosanović
A 2025, 91 Minuten
(ab 12. September im Kino)
© April April
„Warum darf ich keine Österreicherin sein?“ Ausgangspunkt für Olga Kosanovićs Langdebüt-Dokumentarfilm „Noch lange keine Lipizzaner“ ist ihre eigene Ablehnung: Ihr Antrag auf die österreichische Staatsbürgerschaft wurde abgewiesen. Kosanović ist in Österreich geboren und aufgewachsen. In den Ferien besuchte sie ihre Großeltern in Serbien, fürs Studium ging sie ins Ausland. Die addierten Auslandsaufenthalte seien leider zwei Monate zu lange gewesen, urteilten die Behörden.
Der Film hinterfragt die restriktiven Zugangshürden Österreichs – im Migrant Integration Policy Index (MIPEX) zählt das Land zu den Schlusslichtern Europas – auf amüsant-informative Art mit fiktionalen Szenen und analogen Papierinfografiken. Die etwas trocken geratenen Interviews mit Wissenschaftlerinnen und Künstlern ordnen die Lage ein. Umso erhellender sind die Gespräche mit den autochthonen Geburtslotteriegewinnern und den Abgelehnten: Ein wackeliger Wir-Begriff muss durch die Abgrenzung von den Anderen gefestigt werden, ignorantes Unwissen trifft auf Frustration. Mit stoischer, lakonischer Hartnäckigkeit bohrt Kosanović nach und dankt am Ende einem anonymen Poster in einer Online-Tageszeitung für den Filmtitel: „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner.“ (Martin Nguyen)
Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst

Regie: Marie Luise Lehner
A 2025, 87 Minuten
(ab 26. September im Kino)
© Polyfilm
Anna, gespielt von Siena Popović, ist zwölf. Sie ist neu auf einem Elite-Gymnasium in der Wiener Innenstadt. Sie wohnt mit ihrer gehörlosen Mutter Isolde (toll: Mariya Menner) in einer beengten Wohnung in Floridsdorf. Sie teilen sich ein Bett, die Duschbrause steht in der Küche. Anna will dazugehören, ein gefälschter Markenpullover soll helfen. Sie schämt sich für ihre gehörlose Mutter, der sie in Lautsprache antwortet, obwohl sie gebärden könnte.
Marie Luise Lehners Debütfilm „Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst“ konzentriert sich auf das Sichtbarmachen ungleicher Verhältnisse, ist weniger handlungsorientiert. Eine unaufgeregte Milieustudie, die mit queeren Nebenfiguren eine Vielzahl von Themen anschneidet: Zugehörigkeit, Selbstbestimmung, auch über den eigenen Körper. Der Soundtrack feministischer und queerer Bands kommentiert immer wieder das Geschehene. Isolde will ihrer Tochter eine höhere Bildung ermöglichen; aufgrund der Sprachbarriere ist ihr diese verwehrt geblieben. Zugleich wächst die Kluft in der liebevollen Mutter-Tochter-Beziehung.
Anna kommt Paul, dem beliebten Blondschopf aus ihrer Klasse, näher. „Ich möchte so wie der Paul sein“, gesteht sie ihrer Freundin. Was genau Anna damit meint – ob sie auf ökonomische Verhältnisse oder auf das Geschlecht abzielt –, bleibt wie so vieles im Film angedeutet. (Martin Nguyen)





