„Ihr habt einen Vogel“

Bild: Helene und Dietmar wirken seit 25 Jahren in der „Krone“ und haben sie zu einem Ort gemacht, wo alle Menschen gerne sind.

Helene und Dietmar Nußbaumer haben 2005 die „Krone“ in Hittisau übernommen und sie 2007 mit dem Architekten Bernardo Bader und einheimischen Handwerkern umgebaut. Der „Werkraum Krone“ ist ein Meisterstück herausragender regionaler Qualität – und eine Quelle vieler Anekdoten und Zitate. Das ORIGINAL Magazin war dem Vogel auf der Spur. Und fand dabei ein Haus „zum Ankommen“.
Text Roger Knabenhans, Fotos Angela Lamprecht

Dietmar Nußbaumer wuchs in Langen bei Bregenz auf. Der Bregenzerwald war für ihn weit weg – damals in den 1970er Jahren. Und voller Klischees: Vokuhila-Haarschnitte, Zündapp-Lärm, AC/DC und „Hölzler“. Dies änderte sich schnell – durch Freundschaften, die bis heute andauern und sein Leben prägen, unter anderem mit Bernardo Bader. Oder durch „Fahrdienste“ für einen Freund, der eine Sommerliaison in Hittisau hatte, aber keinen Führerschein. So lernte er deren Freundin Helene, Tochter des „Krone“-Inhabers, kennen – seine zukünftige Frau. Wobei es bis zur großen Liebe noch einige Jahre und Umwege dauerte. Der Funke sprang beim After Drink nach einem Jungunternehmersymposium in Wolfurt. Von da an war der „Wald“ ganz nah. Und die Klischees wandelten sich in leise Anerkennung für spannende und innovative Projekte wie den „Werkraum Bregenzerwald“, die „KäseStrasse Bregenzerwald“ oder die hohe Dichte von Haubenrestaurants. Wie gelingt die Integration als Zugereister? Offen auf die Menschen zugehen. Sich interessieren für das, was sie tun. Sich engagieren. Und der wichtigste Tipp von Dietmar: „Von der Seite kommen und nicht oben einsteigen und Chef sein wollen.“ Er hat in der „Krone“ im Service angefangen, sich mehr und mehr in die Familie und die Region eingelebt sowie politische Aufgaben in der Gemeinde wahrgenommen.

2005 hat das Paar das Hotel mit Restaurant von Helenes Eltern übernommen. Vor seiner Zeit in der „Krone“ hat sich Dietmar mit Übernahmen und Übergaben beschäftigt – insbesondere damit, was einen gelungenen Generationenwechsel ausmacht. Seiner Meinung nach ist der menschlich-emotionale Faktor der alles entscheidende. Dies sei die Achillesferse eines jeden Familienbetriebs. In der „Krone“ ist der Übergang gelungen. Exemplarisch für den Prozess steht der Umbau 2007. Dafür wurden viele junge Architekten ins Auge gefasst, wie etwa Oskar Leo Kaufmann, heute ebenso renommiert wie damals sein Vater, Leopold Kaufmann, der eng mit Helenes Eltern zusammengearbeitet hat. Er gab seinen Segen zum „aufgeweckten Burschen“, dem jungen Bernardo Bader, der ihn mit einer perfekt gezeichneten Lösung für den von der Gemeinde vorgegebenen Flucht- und Rettungsplan überzeugte. Mit Bernardo wurden viele Ideen diskutiert, die gewagteste: der „Werkraum Krone“. Viele Handwerker – für Stühle, Tische, Betten, Böden, Lampen, Polster den jeweils besten. „Ihr habt einen Vogel.“ Dieses „Kompliment“ hat Bernardo ab und zu ausgesprochen. Der Weg mit vielen verschiedenen Handwerkern war neu. Mutig. Und wo Mut ist, bestehen Risiken. Etwa, dass ein zusammengewürfelter „Flickenteppich“ das ästhetische Empfinden der Gäste überstrapaziert. Oder der Ruf des jungen Architekten schon vor Beginn seiner Karriere ruiniert sein könnte. Weit gefehlt: Alles passt harmonisch und stilvoll zusammen. Wohnliche Räume, warme Atmosphäre.

Mit Akribie zu hoher Qualität
Eine Vielzahl von Stühlen wurde von den Mitarbeitenden getestet. Alle waren sich einig: Das gewählte Modell sitzt perfekt. Die Auswahl, Führung und Koordination der einzelnen Handwerker war anspruchsvoll, denn der Prozess wurde transparent und für alle nachvollziehbar gestaltet. War einer beauftragt, wurden die Gespräche vom Anfang bis zum fertigen Produkt nur mit ihm geführt. Details waren wichtig. Konsequenz beeinflusst das Ergebnis. Bei einer Sitzbank war bei der Besichtigung ein farblicher Unterschied der Elemente augenscheinlich. Der Tischler hatte den Austausch des betreffenden Stücks bereits veranlasst. Es wurde neu gesägt, angepasst und geölt. Zweimal. Mit Aufstehen mitten in der Nacht. Am Morgen war das neue Stück perfekt eingepasst. Es gibt unzählige Geschichten wie diese zu einzelnen Teilen des Gebäudes. Beim Umbau der Rezeption hat zum Beispiel ein anderer Tischler ein Holzmöbel gebaut und hingestellt. Dann kam der Polsterer die Treppe hoch. „Der Tischler mit seinem Möbel. Da sieht man ja meines nicht.“ Zwei Tage später kam der Tischler die Treppe hoch. „Der Polsterer mit seinem Möbel. Wahnsinn. Und das falsche Licht. Wir brauchen Streiflicht. Sonst sieht man die Konturen nicht. Und die Intarsien.“ Er brachte dann eine Lampe, um zu zeigen, wie sein Möbel im richtigen Licht glänzt. Als die Halogen- durch LED-Lampen ersetzt wurden, konnte die Lichtstärke angepasst werden. Die ideale Kulisse für das Möbelstück war geschaffen. Der Tischler kam wegen eines anderen Projekts wieder ins Haus. Stieg die Treppe hoch und blieb abrupt stehen. „Dietmar, du weißt gar nicht, welche Freude du mir mit dieser Beleuchtung gemacht hast.“ Das war drei Jahre später. Er hatte es sofort gesehen. Solche Anekdoten dokumentieren nicht nur die leidenschaftliche Handwerkskunst. Sie verbinden Menschen – mit der „Krone“ und untereinander. Das ist Wertschätzung. So entsteht Vertrauen. Auch das Miteinander von Helene und Dietmar ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die zuverlässige und konsequente Teamplayerin im Hintergrund und der kreative Kopf und leidenschaftliche Gastgeber im Vordergrund. Zusammen auf Augenhöhe. Beide mit hohem Qualitätsanspruch.

Neben der Architektur spielt die Kultur in der „Krone“ eine große Rolle. Peter Natter kümmert sich als „Hausphilosoph“ um den Geist im Haus. Er inspiriert die Gäste, bietet Raum für Begegnungen und Gespräche, indem er thematisch anregt. Die „Marcel Proust Tage“ werden dieses Jahr zum 14. Mal durchgeführt. Manche Gäste sind schon von Anfang an dabei. Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Wichtiger ist die Bereitschaft, über bestimmte Themen nachzudenken und die eigenen Gedanken einzubringen. In der „Krone“ wurde auch schon „Der Zauberberg“ von Thomas Mann vorgelesen und dann gemeinsam darüber gesprochen. Die Formate laden die Gäste ein, aus dem Alltag auszubrechen und in eine neue Welt einzutauchen. Ein weiterer kultureller Glanzpunkt ist die „Edition Krone“, eine Buchreihe nach einer Idee von Florian Aicher, einem Architekturkritiker und Freund. Mit Geschichten aus der Region, ihren Eigenheiten, Geheimnissen, Landschaften und Leuten. Erzählt von Freunden und Gästen der „Krone“ – für alle, die regionale Verbundenheit schätzen.

Das knusprige Brot und die göttlichen Kuchen jeden Tag selber backen ist eine große Leidenschaft von Helene.

Authentisch und regional verankert
Auch die Kulinarik ist regional geprägt. Hier gibt es einheimisches Gemüse, fangfrischen Fisch vom nahen Bodensee, Sibratsgfäller Bachforellen, Waldhonig, Wildkräuter aus der Umgebung, alte Kartoffelsorten, Ochsenherztomaten, Kornelkirschen, Klaräpfel, Herbsttrompeten – handwerklich perfekt verarbeitet. Ohne Firlefanz und Geschmacksverstärker. Mit Hingabe und Sorgfalt. Im Keller lagern die passenden Begleiter – viele Trouvaillen. Mit wertvoller Expertise „einiger älterer Herren“ und zusammen mit befreundeten Weinhändlern wurden sie über Jahre gesammelt. Exzellente Weine, die heute sehr gesucht sind. Zum Beispiel Coche Dury, Jean Louis Chave, Valentini oder Bernard Bonin. Mit einem herausragenden Preis-/Leistungsverhältnis.

„Das Schaufenster“
repräsentiert den sorgfältig kuratierten Weinkeller. „Gesuchte“ Raritäten inklusive.

Dass für die „Krone“ auch die Verbindung zum einheimischen Schaffen eine zentrale Bedeutung hat, zeigt sich an einem besonders schönen Beispiel. Viele Gäste kaufen Produkte, die sie in der „Krone“ gesehen oder erlebt haben – zum Beispiel das Bett: Über 20 Gäste haben darin so gut geschlafen, dass sie beim Schreiner eines für ihr Zuhause bestellt haben. So entstehen weitere Beziehungen in die Region, wie etwa zum Schreiner oder zum Polsterer.

Ein Ort zum Wiederkommen
Im Gegensatz zu den All-inclusive-Destinationen erlebt der Gast im Bregenzerwald die gesamte Kulisse. Er geht wandern. Vorbei an den Hühnern, welche die Eier fürs Frühstück legen. Sieht die Kinder, die zur Schule gehen. Die Einheimischen beim Einkaufen. Die Zimmersleute, die einen Dachstuhl bauen. Hier erlebt der Gast Land und Leute hautnah – und deshalb ist die Einbeziehung der Region für Dietmar so wichtig. Und umgekehrt auch die „Krone“ für die Region. Ebenso wichtig – vor dem Hintergrund des internationalen Massentourismus – ist die Beziehung zum Gast. Menschlich in Kontakt bleiben. Als Gastgeber sichtbar sein. Nahbar. Den Gästen am Morgen einen Tipp für den Tag geben. Gute Erlebnisse und Begegnungen erhöhen die Chance, dass sie wiederkommen. Das erste Mal ist es ein Kratzen an der Oberfläche. Das zweite Mal ein tieferes Eintauchen. Und beim dritten Mal wächst langsam das Zugehörigkeitsgefühl. Man kennt Leute, Wege, Orte. Erschließt Geheimnisse. Hat Lieblingsplätze.

In der „Krone“ engagieren sich alle für das Wohlbefinden der Gäste. Viele Mitarbeitende sind schon lange hier. Sie mögen das familiäre Ambiente und genießen die Wertschätzung. Sie fühlen sich wohl, weil sie hier zu Hause sind. In der Region verankert. Helene und Dietmar legen großen Wert auf einheimische Mitarbeitende und setzen sich für deren solide Ausbildung ein. Sie vermitteln die Liebe zum Gastgeben, indem sie sie vorleben. Ein Engagement auch gegen die Landflucht. Für sinnvolle Arbeit und eine sichere Existenz in vertrauter Umgebung. Die Region wird dadurch als Wohnraum für Einheimische attraktiver, weil junge Leute nicht weg- und andere sogar zuziehen. Es sind gute Nachrichten und Aussichten – für den Bregenzerwald, für Hittisau, für die „Krone“. Und für Gäste, die emotional ankommen wollen. Den Vögeln sei Dank.

Solide Qualität: Die Ablage hält der spontanen Belastungsprobe von Dietmar stand.

Weitere Informationen: krone-hittisau.at


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