„Meine ersten Erfahrungen waren Naturerfahrungen“

Bild: Othmar Schmiderer beim Interview im InterContinental Wien. Foto Julia Geiter

In seinen Filmen nimmt sich Othmar Schmiderer Zeit – um genau hinzusehen. Einmal steht dabei der einzelne Mensch im Fokus, ein andermal die Natur. Und nicht selten die Beziehung der beiden zueinander. In seinem neuen Dokumentarfilm „Elements Of(f) Balance“ zeigt Schmiderer, wie die Natur von Kooperationen lebt und was der Mensch davon lernen kann. Im Interview erzählt er, warum er optimistisch bleiben möchte und warum man sich Geschenke erarbeiten muss.
Von Harald Triebnig

Herr Schmiderer, eine einfache Frage zu Beginn: Sind Sie ein Optimist?
Othmar Schmiderer: Das ist eine schwierige Frage (überlegt). Ich war immer ein Optimist. Aber wenn man sich die aktuellen Entwicklungen anschaut, ist es nicht leicht, positiv zu bleiben. Jedoch kann man den Kopf auch nicht in den Sand stecken und muss darauf achten, dass man einen optimistischen Geist entwickelt, um bei den Herausforderungen unserer Zeit zu bestehen.

Ich frage deshalb, weil Ihr neuer Film „Elements Of(f) Balance“ einen als Zuseher mit einem positiven Gefühl zurücklässt, und das obwohl die Themen – Umwelt, Klimawandel, Ökosysteme etc. – eher Dystopisches erwarten lassen würden. War es Ihre Absicht, einen positiven Film zu machen?
Ja, aber es geht letztendlich um eine differenzierte Sichtweise. Wir alle kennen mehr als genug dystopische Filme zu diesen Themen, und ich finde auch, dass es recht einfach ist, die schrecklichen Zustände unserer Natur darzustellen. Es ist allerdings viel schwieriger – und meiner Meinung nach auch wesentlicher –, konstruktive Elemente und mögliche Lösungsansätze zu finden und herauszuarbeiten.

In Ihrem Film geht es um Lösungsansätze für ganz unterschiedliche Herausforderungen unserer modernen Welt in Hinblick auf die Umwelt. Von einem Salzburger Bauernhof – dem Krameterhof im Lungau –, wo man sich der Permakultur widmet, über Forscherinnen und Forscher aus Slowenien, die sich intensiv mit Quallen beschäftigen, bis hin zur Pilzforschung. Was eint die sieben gezeigten filmischen Episoden?
In allen Episoden ist die Natur eine handelnde Protagonistin, die durch Kollaborationen die Grundlage für (Über-)Leben und Vielfalt schafft. Mich interessiert, wie und was wir Menschen von diesen natürlichen Strategien lernen können. Die Episoden führen uns dabei an verschiedene Orte der Erde: zu toten Wäldern, die sich regenerieren, zu schwimmenden Gärten in Bangladesch, zu Renaturierungsprojekten in China und im Donaudelta oder in KI-Labore der Universität Wageningen in Holland.

War es in der Recherche für den Film schwierig, positive Beispiele zu finden?
Es tut sich sehr viel in den unterschiedlichsten Bereichen der Wissenschaft und darüber hinaus. Es gibt sehr viel Gutes, das es zu zeigen gilt. Man muss sich nur die Zeit nehmen und genau hinschauen. Wir waren ein starkes Team, das an diesem Film arbeiten durfte. Das war schon während der Phase der Themenauswahl ein entscheidender Vorteil. Mein Co-Autor Stefan Settele ist ein ausgezeichneter Rechercheur und ist mit dieser Thematik sehr vertraut. So entstand ein großes Spektrum, das für uns von Interesse war. Leider haben es nicht alle spannenden Projekte in den Film geschafft. Letztlich hatten wir die Qual der Wahl.

Wie haben Sie entschieden, welche Themen Teil des Films werden?
Manche Entscheidungen werden einem unfreiwillig abgenommen. Es gibt zum Beispiel eine sehr interessante Geschichte, bei der es um die Forschung zu Permafrost in Sibirien geht. Aufgrund der aktuellen politischen Situation und des Kriegs in der Ukraine konnten wir leider nicht dorthin reisen. Alles andere haben wir gemeinsam im Team entschieden. Das kommt der Qualität des Films sehr zugute, denn manchmal ist es für mich selbst schwierig, Ideen wieder fallen zu lassen. Die meisten Entscheidungen werden dann doch am Schneidetisch getroffen. In der Montage wird sehr schnell klar, welche Substanz das gefilmte Material hat. Mit Arthur Summereder war auch in diesem Bereich ein feinsinniger, kluger Kopf Teil des Teams.

Die Themen des Films sind teilweise doch sehr komplex. Welche Rolle spielen die Protagonistinnen und Protagonisten dabei, um die Sachverhalte lebendig zu vermitteln?
Es ist ganz wesentlich, ob die Menschen es schaffen, ihre Visionen auch zu transportieren. Vor einer Kamera ist das noch einmal ganz etwas anderes als in einem Vieraugengespräch. Und wenn das funktioniert, kommt es noch darauf an, ob wir es schaffen, das Ganze cineastisch rüberzubringen. Das ist unserer Kamerafrau Siri Klug wunderbar gelungen. Menschen wie der Permakulturist Josef Holzer, der Meeresbiologe Ferdinando Boero aus Neapel sowie seine Fachkollegin Tinkara Tinta aus Piran, die Pilzforscherin Vera Meyer von der TU Berlin, Maurizio Montalti aus Italien oder die Glückspilze aus Tirol sind in diesem Zusammenhang natürlich ein Geschenk. Sie schaffen es, ihre komplexen Themen – für eine breite Masse verständlich – auf den Punkt zu bringen und dabei auch noch zu emotionalisieren. Diese Geschenke muss man sich in der Recherche und bei der Auswahl erarbeiten.

Spannende Menschen mit einem starken Bezug zur Natur stehen nicht nur in „Elements Of(f) Balance“ im Fokus, sondern auch in anderen Filmen von Ihnen, wie „Am Stein“ oder „Die Tage wie das Jahr“. Handelt es sich dabei um eines der zentralen Motive Ihrer filmischen Arbeit?
Ich lebe ja mittlerweile schon sehr lange in Wien, aber ich bin am Land aufgewachsen und war als Kind viel in den Bergen unterwegs. Meine ersten Erfahrungen waren also Naturerfahrungen. Die Verbindung zur Natur ist etwas sehr Essenzielles für mich. Darum interessiert mich auch unsere Beziehung als Menschen zu ihr. Sie ist sicher ein zentraler Punkt meiner Arbeit, wenngleich ich für viele Bereiche offen bin. Ich versuche schon, mich mit jedem neuen Film weiterzuentwickeln und auch inhaltlich wie formal neue Schwerpunkte zu setzen.

Haben Sie aktuell bereits eine neue Idee oder einen Menschen im Kopf, dem Sie sich in Zukunft gerne filmisch widmen würden?
Was mir wirklich ein Anliegen ist, ist das literarische Werk von Bodo Hell (Anm. d. Red.: Der österreichische Schriftsteller, der als Hirte im Dachsteingebirge lebte, gilt seit September 2024 offiziell als verschollen). Er ist mir sehr nahegestanden und wir haben viel Zeit gemeinsam in der Natur verbracht. Für den Film „Am Stein“ waren wir drei Monate lang in den Bergen unterwegs. Durch diese Zeit mit ihm habe ich einen ganz eigenen Blick auf die Natur entwickelt und mein Zeitraumgefühl hat sich verändert.

Was ist für Sie das Besondere an Bodo Hell?
Mir geht es ganz konkret um sein literarisches Schaffen. Ich denke, das wird in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer sehr stark unterschätzt. Er wird meist als der einsame schreibende Hirte in den Bergen gezeigt, aber meiner Meinung nach ist er ein ganz wesentlicher Vertreter der österreichischen Literatur. Dem würde ich gerne gerecht werden. Ich habe das Gefühl, das bin ich ihm schuldig.


Othmar Schmiderer wurde in Lofer in Salzburg geboren und lebt in Wien und Grafenwörth. Ab 1980 war er Produktions- und Regieassistent bei der „Theatercooperative zur Schaubude“. Seit 1983 arbeitet er in der Filmbranche in unterschiedlichen Funktionen und seit 1987 als unabhängiger Filmemacher. 2009 gründete Schmiderer die Produktionsfirma „o.schmiderer Filmproduktion“. Zu seinen Filmen zählen u. a.: „Am Stein“ (1996), „Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin“ (2002), „Back to Africa“ (2008), „Stoff der Heimat“ (2012) und „Die Tage wie das Jahr“ (2019). 
othmarschmiderer.at


Elements Of(f) Balance

Ökologische Verflechtungen, Co-Creation, Resilienz und Kollaboration in der Natur – das ist der Stoff von „Elements Of(f) Balance“. Vor dem Hintergrund unserer zunehmend bedrohten Lebenswelt, die mit immensen ökologischen Herausforderungen konfrontiert ist, beleuchtet der Film ganz unterschiedliche (Teil-)Lösungskonzepte. Jenseits der Pole Nostalgie und Technofuturismus geben die Episoden des Films Einblick in natürliche Prozesse und Systeme.
„Elements Of(f) Balance“ feierte im Oktober bei der Viennale Premiere. Der offizielle Kinostart in Österreich ist am 4. Dezember. elementsofbalance.at


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