Mein Wunsch

Foto Sebastian Arlamovsky

Von Nikolaus Geyrhalter

Mein Wunsch ist eigentlich komplett irrelevant. Je mehr ich über einen Wunsch nachdenke, desto absurder kommt mir diese Idee vor. Zumal man von Wünschen ja auch erhofft, dass sie idealerweise einfach so in Erfüllung gehen. Ohne Anstrengung, ohne Zutun. Aber so funktioniert das leider nicht. Zumindest glaube ich nicht mehr daran.
Mein Beruf als Dokumentarfilmer hat mich gelehrt, genau hinzuschauen, zu beobachten, die Realität zu erfassen und sie damit gezwungenermaßen erst einmal auch zu akzeptieren. Je nachdem, wo man hinschaut, kann das ziemlich entmutigend sein. Ich kenne die radioaktiv verseuchten Zonen rund um Tschernobyl und Fukushima, ich habe gesehen, was Krieg bedeutet. Ich habe durch den Klimawandel verursachte Tsunamis, Waldbrände und Überschwemmungen gefilmt. Ich habe erlebt, wie schnell Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren können und zu einem menschenunwürdigen Leben auf der Flucht gezwungen sind, das sie kurz vorher selbst nicht für möglich gehalten hätten und das selten einen guten Ausgang findet. Ich weiß, wie grausam wir andere Lebewesen behandeln – und wie wir unseren Planeten ganz allgemein rücksichtslos und ohne Weitblick nach unseren Bedürfnissen manipulieren. Wir sind eine rücksichtslose, brutale Spezies, auf die kein Verlass ist. Was sollte ich mir da wünschen? Dass alles anders wäre?
Natürlich, das ist naheliegend, aber durch Wünsche allein wird nichts besser. Sie sind kontraproduktiv, weil wir durch die Formulierung eines Wunsches nach Veränderung die Verantwortung des Handelns an eine schicksalhafte Allmacht auslagern und hoffen, dass wir damit irgendwie durchkommen.

In Anbetracht der Herausforderungen, die uns bevorstehen, kommen mir Wünsche also scheinheilig vor. Und auf mein eigenes Leben bezogen empfinde ich eher Dankbarkeit und Demut als das Bedürfnis nach Wünschen.
Ich hatte das Glück, zufällig an einem guten Ort auf die Welt zu kommen, und empfinde die Art, wie ich leben und arbeiten kann, als großes Privileg. Von all den Orten, an denen ich mich immer wieder beruflich bewege und die mich oft sehr ratlos machen, kann ich in ein sicheres Zuhause zurückkehren. Da, wo mein Zuhause ist, lebe ich in Frieden und Wohlstand. Es geht uns gut, es mangelt an nichts. Wir wissen gar nicht, was für ein Glück wir haben, weil wir es gewohnt sind. Für viele Menschen ist das alles andere als normal, sie würden sich ein Leben wie unseres wünschen, während sie um ihr Überleben kämpfen. Für mich ist der Wunsch nach einem guten Leben einfach so erfüllt worden, ohne dass ich ihn jemals haben musste.
Natürlich hoffe ich, dass meine Filme nicht ganz wirkungslos bleiben. Dass sie Bewusstsein schaffen, Nachdenkprozesse anstoßen und dadurch indirekt einen kleinen Beitrag zu positiven Veränderungen leisten. Aber das ist wahrscheinlich auch kein Wunsch, sondern einfach ein Ziel meiner Arbeit, das mich antreibt.
Ich bin also tatsächlich ziemlich wunschlos glücklich, zufrieden und vor allem auch dankbar.


Nikolaus Geyrhalter, 1972 in Wien geboren, ist Regisseur, Autor, Kameramann und Produzent. Als Autodidakt begann er früh mit dem Filmemachen und übernahm von Anfang an die Kameraarbeit selbst. 1994 gründete er die Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion, die mit rund 100 produzierten Filmen, über 200 Auszeichnungen und Teilnahmen an Wettbewerben der weltweit wichtigsten Festivals zu den renommiertesten des Landes zählt.


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