Nadine Kegele
Mein Wunsch
Ich wünsch euch einen Wald vorm Haus und Bäume zum Umarmen. Ich wünsch euch einen Waldspaziergang ohne Todesangst. Ich wünsch euch einen Löschhubschrauber, der das Feuer mit einmal Fliegen zum Löschen bringt, wenn’s doch brennt. Ich wünsch euch, dass ihr unverletzt herauskommt aus dem Wald, wenn das Feuer beginnt, und wenn verletzt, dann leicht. Ich wünsch euch, dass sich das Feuer nicht bis zu eurem Haus durchfrisst und ihr nach der Evakuierung zurückkehren könnt. Dass ihr niemanden im Feuer verliert, wünsch ich euch, nicht euren Mann, nicht eure Frau, schon gar nicht euer Kind, ja noch nicht mal eure Katze. Selbst den Baum des Wiedehopfs soll das Feuer verschonen für euch. Er weckt euch jeden Morgen mit seinem Hup-hup-hup. Schon als Kinder habt ihr seine Frisur so lustig gefunden. Ihr kommt für ein Hallo ans offene Fenster mit eurer Tasse Kaffee, den es schon bald, wie eine der anderen erzählt, nie mehr geben wird, denn die Kaffeebohne sei viel zu empfindlich für die neue Welt. Ich wünsch euch, empfindlich sein zu können, dort, wo ihr es euch leisten könnt. Wo nicht, wünsch ich euch Ellenbogen zum Kämpfen.
Ich will euch keine Ellenbogen wünschen müssen. Ich wünsch euch aber auch nicht, dass jene, die sich welche zugelegt haben für diese neue Welt, die nicht mehr reicht für alle, auf euch rumtrampeln, um zu überleben. Ich wünsch euch, dass ihr überlebt. Und dass etwas in euch noch leben will.
Ich wünsch euch Wasser. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Genug zu trinken und zu teilen sollt ihr haben, doch nicht so viel, dass ihr darin zu ertrinken droht. Und wenn ihr doch so viel habt, weil’s regnet, regnet, unaufhörlich regnet, ja der Regen alles mit sich reißt, wünsch ich euch, dass ihr euch auf ein Dach, einen Hügel retten könnt. Oder dass ein paar Tiere, die sich auf einem Baumstamm in Sicherheit gebracht haben und gerade vorbeigeschwemmt werden an euch, sagen: „Kommt!“ Ihr kommt, ohne zu zögern, selbst wenn dieses Rettungsboot eine seltsame Figur macht. Und wenn ihr nach dem Regen wieder zurückkehrt in euer Zuhaus, wünsch ich euch, dass ihr dran denkt, Gas und Strom abzustellen, bevor ihr euch ans Wasserabpumpen und Schlammschaufeln macht. Gute Fotos für die Versicherung wünsch ich euch nicht. Die Versicherungen werden längst aus der Zukunft ausgestiegen sein.
Ich wünsch euch, dass ihr immerzu Riesinnen seid in dieser neuen Welt, in der ihr euch ans Abschiednehmen bereits gewöhnt habt. Und wenn ihr einmal nicht groß genug seid zum Weitermachen, wünsch ich euch die Schulter der anderen Riesin, die ihr seit eurer Kindheit kennt und die euch beim Weitermachen hilft. Und wenn ihr einander keine Schulter sein könnt, wünsch ich euch, dass ihr euch kleinmachen könnt, so klein, dass euch der nachjagende Tornado, der seit Jahren auch hier heimisch ist und alles zerreißt, was ihm in die Quere kommt, immer und immer wieder verpasst.
Ich wünsch euch, dass es nie zu all dem kommt.
Ich wünschte, dass es nie zu all dem käme.
Nadine Kegele, geboren 1980 in Bludenz, wohnhaft in Wien. Bürokauffraulehre, Studienberechtigung am Zweiten Bildungsweg, Studium der Germanistik und Gender Studies. Arbeiten als Autorin für Groß und Klein, Lektorin bei der Wiener Straßenzeitung „Augustin“, Kursleiterin für Jugendliche und Erwachsene mit Migrationserfahrung. Zuletzt: „Mein Mund gehört nur mir allein. Für Zähneputzen mit Spaß und Konsens“, Achse Verlag 2025.





