Spielend lernen

„Open Piano“ in Wien Votivkirche. Foto Open Piano for Refugee

2015 kam der gebürtige Bregenzer Udo Felizeter mit einer Idee von einer Fahrradreise durch Osteuropa zurück: ein Piano im öffentlichen Raum aufzustellen, damit alle, die möchten, darauf spielen können. Schnell wurde aus der Idee ein Projekt, aus dem Projekt eine Bewegung und 2018 aus der Bewegung eine Musikschule. Mittlerweile lernen dort 180 Schülerinnen und Schüler ein Instrument. Und nicht nur das, denn die Musikschule „DoReMi“ in Wien verfolgt einen integrativen Ansatz. Von Harald Triebnig

Zwei Monate lang war Udo Felizeter 2015 mit seinem Fahrrad in Osteuropa unterwegs. Sein Weg führte ihn von Polen durchs Baltikum bis nach Estland. Von dort aus ging es mit dem Zug durch Russland nach Belarus. In Minsk traf er auf seinen Freund Nico (Anm. d. Red.: Schwendinger – Co-Gründer „DoReMi“ und gebürtiger Schwarzacher). Gemeinsam radelten die beiden weiter bis in die Ukraine. Als sie dort durch die Innenstädte von Kiew und Lwiw spazierten, fielen ihnen zwei Klaviere auf. „Die standen dort einfach auf irgendwelchen Plätzen herum und immer wieder nahmen Menschen daran Platz und spielten ein wenig“, erinnert sich Udo. Auch er selbst – begeisterter Hobbypianist – tat es den Passantinnen und Passanten gleich. Und obwohl das Instrument stark verstimmt war, empfand Udo sofort eine große Freude, an einem öffentlichen Platz vor fremden Menschen zu spielen.

Wieder zurück in Wien – dem Lebensmittelpunkt von Udo und Nico – ließ das musikalische Erlebnis aus der Ukraine die beiden nicht mehr los. „Komm, wir machen das einfach auch hier in Wien“, sagte Udo zu seinem Freund. Gesagt, getan: Wenige Wochen später stellten sie ein Klavier am Platz der Menschenrechte auf. „Das Ganze sollte aber auch einen tieferen Sinn haben und deshalb haben wir versucht, mit der Aktion Geld für geflüchtete Menschen zu sammeln.“ So entstand der Name „Open Piano for Refugees“.

Erfolg von Anfang an
Das Angebot wurde vom ersten Tag an gut angenommen. Viele Leute kamen, um nahe der Mariahilfer Straße und des Museumsquartiers am Piano Platz zu nehmen und zu spielen oder um zuzuhören. „Am zweiten Tag kamen die Menschen wieder und viele andere auch und am dritten und vierten Tag ebenso“, erzählt Udo mit einem Lachen im Gesicht. Schnell war also klar, dass die Idee funktioniert. Darum begannen Nico und er im Sommer 2016 in ganz Wien Klaviere aufzustellen. Überall wurde gespielt, zugehört und Geld gespendet. Bald schaffte es das „Open Piano for Refugees“ auch aus Wien hinaus. Während der Festspielsaison stand eines in Bregenz und später auch im nahe gelegenen deutschen Lindau.
„Als der Sommer vorbei war, war uns klar, dass wir damit weitermachen wollen“, sagt Udo. Also wurde über den Winter die nächste Saison geplant. Klavierhändler wurden kontaktiert, die die Pianos in den jeweiligen Städten zur Verfügung stellen sollten, und Freiwillige engagiert, die die Instrumente vor Ort betreuen sollten. „Auch da hatten wir von Anfang an viele und ausschließlich positive Rückmeldungen.“

Und dann?
Der folgende Sommer verlief nicht minder erfolgreich als der erste. Das „Open Piano for Refugees“ stand in vielen Städten in Österreich und Deutschland, und es wurden immer mehr Spenden gesammelt. Udo und Nico waren sich einig, dass sie mit dem Geld etwas nachhaltig Wirkendes schaffen möchten. Und so kam es, dass der Hobbypianist Udo und der Klavierneuling Nico – er lernte erst im Zuge ihres Projekts das Instrument zu spielen – eine Musikschule gründeten: „DoReMi“.
„Musikunterricht ist in Österreich oft elitär“, erklärt Udo, „dazu wollten wir eine Alternative anbieten.“ Das Angebot sollte sich aber nicht nur an geflüchtete Menschen richten, sondern offen für alle sein. „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem mit der Hilfe von Musik Brücken gebaut werden“, so der 35-Jährige. Denn seiner Meinung nach gibt es im Alltag viel zu selten die Möglichkeit für interkulturelle Begegnungen. Darum erfolgt der Musikunterricht bei „DoReMi“ paarweise: Eine Person mit Deutsch als Erstsprache lernt das Instrument gemeinsam mit einem Menschen mit Migrationsbiografie. Unterrichtssprache ist Deutsch, und auch wenn die Sprachkenntnisse zu Beginn oft rudimentär sind – auch bei den Lehrpersonen –, wachsen die Kompetenzen schnell. „Sowohl sprachlich als auch musikalisch und vor allem sozial. Das ist gelebte Integration“, ist sich der Musikschulgründer sicher.

DoReMi Paarunterricht.

Foto Nico Schwendinger

Festes Fundament
Mittlerweile lernen jedes Semester 180 Schülerinnen und Schüler ein Instrument bei „DoReMi“. 20 Lehrpersonen unterrichten in 14 Fächern – vom klassischen Klavier bis hin zu orientalischen Instrumenten wie der Laute Oud. Ein solidarisches Bezahlmodell ermöglicht es allen Menschen, einen Kurs zu belegen: „Wir verfolgen den Ansatz: Zahl so viel, wie du kannst. Das Prinzip funktioniert seit Anbeginn sehr gut.“ Menschen mit größerem finanziellen Spielraum ermöglichen so Musikunterricht für jene, die weniger Geld zur Verfügung haben.

Die Nachfrage nach den Kursen ist riesig. „Wir könnten locker doppelt so viele Plätze besetzen, aber das können wir als Organisation nicht stemmen – noch nicht“, sagt Udo. Den Plan, zu wachsen, gibt es trotzdem – „aber langsam“. Das Organisationsteam besteht aus sieben Personen, und die Musikschule steht dank Förderungen der Stadt Wien und Spenden von vielen Menschen auf einem finanziell festen Fundament. „Aber natürlich haben wir Träume: Wir würden zum Beispiel gerne eine zweite Musikschule in einer anderen Stadt eröffnen.“ Die Gefahr, sich in Träumereien zu verlieren, besteht bei „DoReMi“ allerdings nicht: „Vor meinem Studium an der Universität für Bodenkultur habe ich Sozioökonomie studiert. Das Grundverständnis, das ich mir dort erarbeitet habe, hilft oftmals dabei, auch wirtschaftlich nachhaltig zu denken.“

Udo Felizeter
Udo Felizeter ist Initiator von „Open Piano for Refugees“ und Gründer der integrativen Musikschule „DoReMi“. Neben seinen Tätigkeiten im Musikbereich arbeitet der gebürtige Bregenzer als Schnittstelle zwischen Caritas und der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien. Im Team entwickelt er Klimaschutzmaßnahmen für Projekte in Ländern wie Uganda, Südsudan oder Senegal.

„DoReMi“-Musikpatenschaft
In der Musikschule „DoReMi“ können Musikpatenschaften übernommen werden, um einkommensschwachen Menschen Musikunterricht zu ermöglichen. Eine Patin oder ein Pate trägt dabei die Kosten für ein Semester (ca. 200 €). Die Patenschaft ist persönlich: Man erfährt, wen man unterstützt, kann bei Klassenabenden die Fortschritte miterleben und direkten Kontakt aufbauen. So wird Musikförderung zu einem verbindenden sozialen Erlebnis.

Weitere Informationen:
musikschule-doremi.com/de/spenden


VORARLBERG Ausgabe


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