Tarnkünstler im Scheinwerferlicht
Foto: Der Alpenschneehase im Winter. Tier des Jahres 2025
Die Deutsche Wildtier Stiftung hat den seltenen Alpenschneehasen als „Tier des Jahres 2025“ in den Vordergrund gerückt – nicht, um ihn und andere „Fellwechsler“ wie das Hermelin oder den Polarfuchs aus der Deckung zu locken. Vielmehr soll so auf eine wachsende Bedrohung dieser Tarnkünstler aufmerksam gemacht werden: den Klimawandel.
Von Doris Neubauer
Im Sommer kann man sie dank ihrer graubraunen Farbe am erdigen Boden, auf Weiden und in felsiger Umgebung kaum erspähen. Sinken die Temperaturen, werden sie mit ihrem weißen Fell eins mit der Winterlandschaft: Dank ihrer Anpassungsfähigkeit bleiben „Fellwechsler“ wie der Schneehase, das Hermelin oder der Polarfuchs von natürlichen Fressfeinden unbemerkt oder können sich selbst als Jäger unauffällig anpirschen.
Getriggerte Tarnung
Ausgelöst wird der Fellwechsel durch die Veränderung der Tageslänge. „Dieser Zeitgeber triggert den biologischen Rhythmus“, weiß Prof. Dr. Klaus Hackländer, Leiter des Instituts für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Wildtier Stiftung. Das wurde im Labor getestet. Dort wurden die Tarnkünstler einem künstlichen Hell-Dunkel-Regime ausgesetzt, das den Fellwechsel sogar dreimal im Jahr auslöste. Temperaturschwankungen dürften ein weiterer Auslöser sein. Das könnte erklären, warum beispielsweise die Weißphase von Schneehasen bei gleicher Tag-Nacht-Länge in den wärmeren Südalpen kürzer ist als in den Zentralalpen oder warum eine Unterart des Schneehasen in Irland gar nicht mehr weiß wird. Auch die Hermeline im Süden der USA bleiben wegen der spärlichen Schneefälle mittlerweile ganzjährig braun. „Diese Entwicklungen haben im Laufe der vergangenen Jahrhunderte oder gar Jahrtausende stattgefunden“, erklärt der Wildbiologe. „Die Tiere hatten Zeit genug, sich an ihre Umweltgegebenheiten anzupassen.“

Der Alpenschneehase im Sommer.
Foto Herfried Marek, Nationalpark Kalkalpen
Genau diese Zeit fehlt ihnen jetzt. Zu rasch schreitet der Klimawandel voran. Schneehasen in Skandinavien werden deshalb immer weiter in den Norden gedrängt. „Aber auch bei uns – in den Alpen – gibt es schon ähnliche Auswirkungen, der Alpenschneehase wird in tieferen Lagen immer seltener“, erklärt Hackländer.
Der Lepus timidus varronis ist ein „Eiszeitrelikt“ und eine Unterart der Schneehasen, die ansonsten im Norden Europas und Asiens vorkommt. Seine Art ist schon seit Jahren auf der Roten Liste der Säugetiere Deutschlands als „extrem selten“ geführt. „Sie leben nur am Alpenrand, und dort nur in dünner Dichte“, spricht Hackländer von zwei Tieren auf 100 Hektar. Es handelt sich um Schätzungen, denn wirklich erforscht sind sie nicht. Zu herausfordernd ist das Terrain ab einer Höhe von 1.300 Metern. „Ich habe selbst versucht, Schneehasen zu fangen“, berichtet der Wildtierbiologe. 100 Tage dauert es statistisch bis zum Erfolg. Hackländer selbst hat das ineffiziente Unterfangen zuvor aufgegeben.


Doppelte Verdrängungsgefahr
Schneehasenforschung betreibt er nicht in Deutschland oder Österreich. Die meisten Erkenntnisse stammen aus Jagd-Daten um die Schweizer Region Graubünden. „Dadurch wissen wir, dass der Alpenschneehase im Schnitt pro Jahr drei Meter in die Höhe wandert“, erklärt der Deutsche und fügt hinzu: „Beim Feldhasen war es doppelt so viel, nämlich sechs Meter.“ Denn auch die größere Schwesternart Lepus europaeus siedelt sich angesichts der zunehmenden Erderwärmung in höheren Lagen an. Dort macht sie dem Alpenschneehasen die Nahrung streitig und paart sich mit ihm. „Das gleiche Problem hat der Polarfuchs in Skandinavien“, fügt Hackländer hinzu. „Davon gäbe es zwar genügend, aber bei denen rutscht der Rotfuchs nach – und der ist größer.“
Ihre Trumpfkarte als Meister der Tarnung können sowohl der Polarfuchs wie der Schneehase immer seltener ausspielen. Bis Mitte des Jahrhunderts könnte die jährliche Schneedecke um 29 bis 35 Tage kürzer ausfallen und bis Ende dieses Jahrhunderts sogar um 49 bis 69 Tage. Was das für den Alpenschneehasen, aber auch für das Hermelin oder den Polarfuchs bedeutet, lässt eine Studie aus dem Jahr 2020 zum schottischen Schneehasen erahnen: Im Vergleich zu 1950 gab es 2016 insgesamt 35 Tage mehr, an denen die Tiere nicht an ihre Umgebung angepasst waren. Das senkt ihre wöchentliche Überlebenschance um sieben bis 14 Prozent.
Wenn das weiße Fell aus der braunen oder grünen Umgebung hervorsticht, liegen die Hasen für Steinadler oder Fuchs wie auf dem Präsentierteller. „Dass sie weithin sichtbar und damit leichte Beute sind“, ist zwar laut Hackländer die größte Problematik, aber nicht die einzige: Auch die Beschaffenheit der Haare ist eine andere. Während die braunen Haare des Sommerfells farbstoffgefüllt sind, sind die weißen Haare hohl. „Das stellt eine zusätzliche Isolation dar“, erklärt der Wildtierbiologe. „Außerdem nimmt der Anteil der Wollhaare im Winter zu.“ Was bei frostigen Temperaturen Sinn macht, könnte den Hasen zum Verhängnis werden. Wenn es in der kalten Jahreszeit zu warm ist, können die Tiere ihre Körperwärme nicht mehr abgeben. In Sibirien wiederum, wo Permafrostböden tauen, schränken die gatschigen Klumpen an den dicht behaarten Pfoten die Schneehasen in ihrer Fortbewegung ein. All das sind keine guten Voraussetzungen für die Flucht, Futter- und Partnersuche und trägt zu Hitzestress bei. Was der genau mit den Tieren macht, ist noch unklar. Studien deuten allerdings darauf hin, dass ein hoher Stresslevel die Fortpflanzungsquote zusätzlich senkt.
„Nationalparks allein reichen nicht.“
Menschliche Aktivitäten wie Ski- und Freizeittourismus, aber auch Windkraftwerke, die immer häufiger in die Berge gebaut werden, setzen die Tiere weiter unter Druck. „All das bringt Unruhe in ihren Lebensraum. Die Schneehasen brauchen beruhigte alpine Bereiche“, sagt Hackländer. Da die Langohren damit nicht allein sind, fordert der Wildbiologe, „miteinander vernetzte Schutzgebiete für Tiere auszuweisen, in denen neben der Jagd auch Tourismus und Wintersport eingeschränkt werden. Nationalparks allein reichen nicht.“

Professor Hackländer, Wildbiologe und Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung.
Foto Ove Arscholl, Deutsche Wildtier Stiftung
Die Idee ist nicht neu. Auch die EU-Biodiversitätsstrategie 2030 sieht vor, dass mindestens 30 Prozent der Landflächen und 30 Prozent der Meere in der EU geschützt sind. Wo diese Schutzzonen verstärkt eingerichtet werden sollen, dazu hatten Hackländer und ein internationales Team schon 2017 eine Empfehlung abgegeben: In einer Studie untersuchten sie 21 Tierarten, die ihre Fell- oder Federfarbe der Jahreszeit anpassen, und stellten fest, dass bei einigen Arten in manchen Regionen nicht alle Individuen im Winter ihre Farbe wechseln – manche werden weiß, andere bleiben braun. In Österreich findet man die zweifärbige Winterpopulation des Mauswiesels in den Kärntner Nockbergen, einer Gegend, wo der Verlauf des Winters schwer vorhersehbar ist. „In einem harten Winter mit viel Schnee überleben mehr weiße Tiere, im milden Winter die braunen“, erklärt Hackländer. Deren Nachwuchs hat bessere Chancen, in einer wärmer werdenden Welt zu überleben. Deshalb müsse man solche „Hotspots der evolutionären Rettung“ zu Schutzzonen machen, lautete die Schlussfolgerung. Damals waren gerade einmal fünf Prozent geschützt. Heute, knapp zehn Jahre später, sind es vielleicht sogar noch weniger …
„Es ist nicht fair“, kommentiert Hackländer das fehlende Interesse, Arten wie den Schneehasen und andere Fellwechsler zu schützen. „Man investiert sehr viel Geld in Artenschutz bei Tieren wie Pandabären, die süß sind. Aber wenn der Schneehase in Deutschland stirbt, dreht sich die Welt weiter“, übt der Wildbiologe Kritik. „Dieses Riesenartensterben könnte uns auf den Kopf fallen“, warnt er besonders kommende Generationen. Denn je artenreicher Ökosysteme sind, desto widerstandsfähiger sind sie gegenüber äußeren Kräften. Genau diese Resilienz würden sich Menschen jetzt selbst nehmen. „Es liegt in unserer Hand“, mahnt Hackländer. Wir müssten den Tarnkünstlern „nur“ die Lebensräume zurückgeben, in denen sie das machen können, was sie von Natur aus am besten beherrschen: sich an Umweltbedingungen anpassen.
Weitere Informationen zum Tier des Jahres 2025: deutschewildtierstiftung.de/wildtiere/schneehase
EU-Biodiversitätsstrategie 2030: eur-lex.europa.eu






