Was für eine Familie, was für eine Zeit

Von Verena Roßbacher

Nancy Mitford
Englische Liebschaften
Roman
320 S., Schöffling & Co.
ISBN 978-3-690-97003-7, 2025

Die Cotswolds, 1920er, 1930er Jahre, englische Upperclass, reiten, jagen, Tee, Skandale, Tratsch – what’s not to love?
Und das ist nur die halbe Miete. Natürlich handelt es sich bei der Neuauflage der Übersetzung des 1945 erstmals auf Englisch erschienenen Romans von Nancy Mitford um mehr, um was ganz anderes als schnöde Landhausromantik. Nein, es ist ein charmantes, spöttisches, ungeheuer witziges, gescheites und wehmütiges Buch über eine Zeit und ein Lebensgefühl und den Untergang einer Epoche. Mitford porträtiert darin ihre eigene große und schillernde Familie, mit all dem, was sie so liebenswert macht, und mit all dem, was so schrecklich war an ihr.
Es war ein exzentrischer Haufen, die einen von ihnen pflegten allernächsten Umgang mit Hitler, andere zu Churchill oder John F. Kennedy, sie posierten für Künstler wie Lucian Freud und Cecil Beaton und waren Gastgeber für die Queen und andere gekrönte Häupter. Nicht zuletzt schrieben sie sich tausende und abertausende Briefe, in denen von Beziehungskrisen über die zahlreichen persönlichen Tragödien bis hin zu scharfen gesellschaftlichen Beobachtungen so ziemlich alles verhandelt wurde, was andere Familien nicht auch nur ansatzweise streifen. Keine einfachen Leute, so viel ist sicher. Aber interessant sind sie allemal.
Es ist mit Büchern, die in Vergessenheit gerieten, ja immer so eine Sache. Nicht alles, was vergessen ging, ist zu Recht vergessen, aber es ist auch nicht jedes in Vergessenheit geratene Buch ein Verlust für die Menschheit. Nancy Mitfords „Englische Liebschaften“ jedenfalls, die sollte man wiederentdecken.
Für ihre Geschichte wählt sie eine dankbare Erzählerin, Fanny, die Cousine der eigentlichen Hauptfigur des Buchs, Linda, die wiederum in vielerlei Hinsicht als Alter Ego Nancy Mitfords selbst gelesen werden kann.
Fanny, von ihren eigenen Eltern, die einen unsteten, gewissermaßen verruchten Lebenswandel führen, verlassen, wächst unter der Obhut ihrer liebevollen Tante Emily auf. Sie verbringt viel Zeit auf Alconleigh, dem Wohnsitz der Familie Radlett, die unschwer als Pendant zum berühmten Mitford-Clan gelesen werden kann. Die behüteten Verhältnisse, unter denen sie selbst bei ihrer Tante lebt, stehen in krassem Gegensatz zum Alltag, der auf dem Landsitz der Radletts herrscht:
„Immer waren die Radletts entweder auf dem Gipfel der Glückseligkeit, oder sie versanken in den schwarzen Fluten der Verzweiflung; nie bewegten sich ihre Gefühle auf einer mittleren Ebene, sie liebten oder sie hassten, sie lachten oder weinten, sie lebten in einer Welt der Superlative.“
Es wundert einen eigentlich nicht, dass die sieben Radlett-Kinder zu derart eigenwilligen Charakteren heranwachsen – ein cholerischer Vater, eine desinteressierte Mutter, ein Haus, das sich nicht heizen lässt, und außer Reiten, ein bisschen Französisch und Klavierspielen keinerlei Unterricht oder Erziehung. Sie sind im Grunde sich selbst überlassen und eignen sich zwar da und dort eine Art Spezialwissen an und wirken dadurch recht originell und verwegen, sind aber ausgemacht schlecht vorbereitet auf „das echte Leben“.
Fannys Cousine Linda, ihren romantischen Träumereien praktisch führungslos erlegen, schließt, kaum erwachsen, die Ehe mit einem denkbar ungeeigneten Kandidaten, Tony Kroesig. Unglücklich lebt sie nun mit einem Banker und Karrieristen zusammen, bekommt ein Kind, das sie nicht interessiert, und fühlt sich sehr viel wohler unter den Bohemiens um Lord Merlin, einen Nachbarn auf Alconleigh. Kurz darauf stürzt sie sich in die nächste unglückliche Beziehung, dieses Mal ist es der junge Kommunist Christian Talbot, ein waschechter Ideologe, der seine Zeit lieber mit seinen Genossen verbringt. Sie macht inzwischen den Haushalt, weder gut noch gern, sie haben Geldsorgen und passen augenscheinlich überhaupt nicht zusammen. Natürlich heiraten sie. Linda folgt ihrem neuen Gatten nach Frankreich, um den dortigen Flüchtlingen aus dem Spanischen Bürgerkrieg zu helfen. Ähnlich wie ein profaner Haushalt ist auch so ein Lager eine schwierige Umgebung für diese Linda, die keinerlei Fähigkeiten aufzuweisen hat, die hier nützlich sein könnten. Christian verliebt sich in eine praktischere Frau, und Linda strandet sodann, ohne Geld, ohne Plan und ohne Freunde, in Paris, und sitzt heulend auf ihrem Koffer am Bahnsteig. Tja, und da begegnet sie sozusagen „der Liebe ihres Lebens“. Was aber rein gar nichts einfacher macht, denn es ist inzwischen Krieg und ihr neuer Geliebter ein wichtiger Mann im französischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten.
Dies alles erzählt eine freundliche Fanny, die irgendwann selbst drei Kinder hat und mit ihrem Mann eine glückliche und ruhige Ehe in Oxford führt. Sie berichtet uns von diesem schillernden und komplizierten und aufregenden und schrecklichen Leben ihrer Cousine mit viel Empathie und Zugewandtheit – und gerade die Diskrepanz zwischen diesen beiden parallel verlaufenden Frauenleben macht einen großen Reiz dieses Buches aus. Sie beide gehören einer Generation an, die eine Zeit im totalen Umbruch erlebt: Sie werden zwischen zwei Kriegen erwachsen, die alten Moralvorstellungen weichen einem freieren und verspielteren Lebenswandel, die Welt ist aufgerieben zwischen Kommunismus und Faschismus. Und dies alles erzählt Mitford geschickt und wie nebenbei mit, wenn sie die exaltierten Höhen und Tiefen einer Linda und das friedliche, stete Leben einer Fanny vor uns ausbreitet und nicht zuletzt das Porträt einer Familie zeichnet, die man furchtbar findet und irgendwie auch großartig, niemals aber banal. Ein sehr lustiges Buch. Ein sehr trauriges Buch. Kurzum: gute, gescheite Unterhaltung at its best. 


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