Und was hättest du getan?

Foto Joachim Gern

Von Verena Roßbacher

Christoph Hein
Das Narrenschiff
Roman
750 S., Suhrkamp
ISBN 978-3-518-43226-6, 2025

Es ist etwas sehr Merkwürdiges, dass ein Staat aufhören kann zu existieren, ja, nach ein paar Jahrzehnten regelrecht verschwindet. Man könnte sagen, vierzig Jahre sind wenig, und das stimmt natürlich, gemessen am Alter anderer Staaten, für die Menschen aber, die Bürgerinnen und Bürger dieses Staates, waren es vierzig Jahre ihrer Lebenszeit, und das ist dann wieder ganz schön viel.

Bücher über die DDR und Bücher, die in der DDR spielen, gibt es zuhauf – soziologische und autobiografische und fiktionale. Von allen möglichen Seiten wurde sich angenähert an ein Land, das es nicht mehr gibt, dessen ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner aber sehr wohl noch da sind. Mit ihren Erfahrungen und Erinnerungen an einen Ort, den man, anders als die meisten Orte der Kindheit, so nicht mehr besuchen kann. Es gibt die Geschichten der Künstlerinnen und Dissidenten, der Außenseiterinnen und Kritiker, jener, die im weitesten Sinne nicht einverstanden waren mit diesem System. Tatsächlich aber war mir die Perspektive, die Hein für sein neues Buch wählt, bisher noch nicht untergekommen, sie füllt eine Lücke, von der ich überhaupt nicht wusste, dass sie da war.

Seine Hauptfiguren führen allesamt ein durchaus privilegiertes Leben in diesem Staat und sind, in unterschiedlichen Abstufungen, überzeugt von seinem politischen Weg. Es sind Kommunisten der ersten Stunde, Opportunisten oder Funktionäre, wieder andere politisch eigentlich indifferent und plötzlich in eine Situation geraten, in der sie als stramme Gesinnungsgenossen gelten.

In seinem neuen Buch spannt Hein den Bogen von 1945, vor der Staatsgründung, bis nach 1989, in die Zeit nach dem Mauerfall. Entlang historisch wichtiger Eckdaten erzählt er anhand von Figuren mit sehr verschiedenen Biografien, die bei der Gründung der DDR in unterschiedlich wichtige Positionen geraten, vom hoffnungsvollen Start einer Nation, die geboren wurde aus der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und sich verstand als antifaschistische Alternative zum kapitalistischen Westen.

Da ist der namhafte Literaturwissenschaftler Benaja Kuckuck, der, vor den Nationalsozialisten nach England geflohen und dort aus Protest gegen den Spanischen Bürgerkrieg in die kommunistische Partei eingetreten, nach dem Krieg nirgendwo anders als in der DDR eine Anstellung bekommt und als Zensor im Ressort Kinderfilm endet. Karsten Emser, ein ehemaliger Wirtschaftsprofessor, der in Moskau im Exil war und in Berlin zum Aufbau einer neuen, demokratischen Stadtverwaltung eingesetzt wird. Johannes Goretzka, bis vor Kurzem noch überzeugter Nazi, nun genauso überzeugter Stalinist, der vorher Karriere gemacht hat und jetzt genauso Karriere macht. Er heiratet Yvonne Lebinski, die, eigentlich politisch völlig desinteressiert, schlussendlich eine von diesen Hundertprozentigen wird, die einem egal wo und egal mit welchem ideologischen Hintergrund das Leben schwer machen. Dazwischen tummeln sich Fabrikarbeiter und Schülerinnen, Verkäufer, Intellektuelle, Söhne und Töchter, und sie alle sind Teil dieses Gesellschaftsromans, der einem ziemlich gut vermittelt, wie es ist, wenn ein autoritäres System auch einfach der Alltag von normalen Menschen ist.

In seiner trockenen, nüchternen Art gelingt es Hein, ohne jede Wertung die Bewegungen seiner Helden zu beschreiben, und vielleicht ist es genau dieser wertfreien Erzählweise geschuldet, dass wir als Leserinnen und Leser zu ahnen begreifen, dass es gar nicht immer so einfach ist, das Richtige zu tun. Der Roman stellt Fragen, die mitunter schwer zu beantworten sind. Soll, ja, darf man einem höheren Ziel alles opfern? Wenn Hitler böse ist, ist Stalin, der ihn bekämpfte, dann gut? Zählt der Einzelne oder geht es um die Gemeinschaft? Und nicht zuletzt, ganz hypothetisch, aber nicht unwichtig: Was hätte ich getan? Wie mich verhalten, wo in diesem absurden, aber mächtigen Staatsgefüge wäre mein Platz gewesen?

Es ist leicht, theoretisch eine Meinung zu haben, und mitunter unendlich schwer, sie in der Praxis zu vertreten – wenn wir etwas lernen von Hein aus der Entwicklung seiner Figuren über die vierzig Jahre hinweg, dann das. Große Ideen sind das eine, der kleinteilige Alltag ist etwas ganz anderes.

Ganz nebenbei noch: Ist dieses Buch stilistisch ein Meisterwerk?
Nö. Kunstfertigkeit geht anders.
Tolle Dialoge?
Leider nicht. Gespräche sind hier eher rudimentäre Transportmittel für Informationen.
Trotzdem gutes Buch?
Unbedingt. 


Teilen auf:
Facebook