Wer unterwandert hier wen?

Foto Joachim Gern

Von Verena Roßbacher

Rachel Kushner, 1968 in Oregon geboren, erschafft in ihrem neuen Roman „See der Schöpfung“ mit Sadie Smith eine erfrischend unsympathische Hauptfigur.

Smith ist eine ehemalige FBI-Spionin, die nach ihrem Rauswurf beim Geheimdienst nun selbstständig als Agentin arbeitet und jeden Job annimmt, der ihr angetragen wird. In diesem Fall ist es ein ungenannter Auftraggeber – man darf vermuten, dass es sich hierbei um die französische Agrarindustrie handelt –, der sie nach Südfrankreich schickt, um dort eine Gruppe von Öko-Kommunarden zu infiltrieren. Um die Industrialisierung der Landwirtschaft voranzutreiben, sollen riesige Wassertanks gebaut werden, gegen die sich die Umweltaktivisten (bislang friedlich) zur Wehr setzen. Smiths Auftrag lautet, die Gruppe zu terroristischen Aktionen anzustacheln – sobald sie kriminell werden, ist es für den Staat ein Leichtes, gegen sie vorzugehen.

Rachel Kushner
See der Schöpfung
Roman
480 S., Rowohlt
ISBN 978-3-498-00241-1, 2025

Sadie Smith, Mitte dreißig, hübsch, klug und vollkommen skrupellos, hat zu diesem Zweck den besten Freund des Kommunardenführers verführt und gelangt über dessen Vermittlung als angebliche Übersetzerin in den innersten Kreis der Gruppe.

Man könnte sagen, Smith steht symbolhaft für ein junges, erfolgsorientiertes Amerika, das weder Moral noch Ethik kennt. Für sie zählt nur der Job, der erledigt werden muss, das Geld, das sie dafür bekommt. Es gibt für sie weder gut noch böse, weder richtig noch falsch. Sie hat an dem, wofür die Umweltaktivisten einstehen, keinerlei Interesse, genauso wenig ist sie an der Gegenseite interessiert. Sie geht, wie man anhand von Rückblenden auf ihre früheren Agententätigkeiten erfährt, für ihre Aufträge über Leichen.

Ihr Gegenspieler ist Bruno Lacombe, das intellektuelle Oberhaupt der Kommunarden, ein alterndes Überbleibsel der linksextremistischen französischen Bewegung. Er hat sich vor einigen Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, kommuniziert jedoch per Mail mit den Umweltaktivisten. Er vertritt die These, dass die Menschheit einen Irrweg genommen hat, als sie sich für die Industrialisierung und den Kapitalismus entschied, und dass es nötig ist, diesen Pfad wieder zu verlassen, wenn wir als Menschen überleben wollen. Smith hackt sich in seinen Mailaccount und die gesamte Kommunikation zwischen ihm und den Kommunarden ist damit Teil des Buches, eine Auseinandersetzung darüber, wer wir sein wollen, wie wir der um sich greifenden Entfremdung Herr werden, wie wir zurückfinden zu einem Leben, das sich lebenswert anfühlt.

Wie hier zwei vollkommen gegensätzliche Protagonisten und damit Welten aufeinandertreffen, ist zugleich ungeheuer komisch und ebenso tragisch. Es lässt sich in diesem Roman anhand der beiden viel von dem verhandeln, was uns alle umtreibt: der rasende Galopp der technischen Entwicklungen; wollen wir das eigentlich alles so, nur weil es möglich ist? Wie stehen wir zur Natur? Gibt es eine Form von Ursprünglichkeit? Und wenn ja, wo wäre sie zu verorten und wollen wir dahin zurück?

Kushner gelingt es, all diese Themen in einem Buch zu vereinen, das zu lesen erheblichen Spaß macht – es ist witzig und spannend, es beschäftigt einen noch lange mit ein paar vermutlich unlösbaren Problematiken, denen sich zu stellen dennoch nicht müßig ist.

Es wirkt wie ein aussichtsloser Kampf, den Lacombe und seine Aussteiger führen, ein verzweifeltes Aufbäumen gegen einen übermächtigen Gegner. Doch Sadie Smith scheint nach und nach unter diesen großen Menschheitsfragen ins Grübeln zu kommen. Je länger sie sich mit Lacombe und seiner Biografie beschäftigt, desto ferner fühlt sie sich ihrem eigentlichen Auftrag. Das Aufbegehren der Wenigen erscheint ihr so sinnlos, aber noch viel sinnloser wirkt irgendwann ihr eigenes Tun.

Es ist ein nicht ganz einfaches Unterfangen, politisch relevante Materie literarisch zu bearbeiten, ohne ideologisch zu werden oder in Aktivismus zu verfallen – beide Gefahren umschifft Rachel Kushner mit großer Eleganz. Es ist ein Buch über hochaktuelle Fragen unserer Zeit – und es ist auch einfach gute Fiktion. 


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