Während du schliefst …

Einsteigen, ausschlafen, ankommen! Reisen mit dem Nachtzug ist wie Fliegen –
nur schöner.

Von Angelika Kraft

„Der Weg ist das Ziel“, sagt Konfuzius. „Wie wahr, wie wahr“, denke ich, als ich am Wiener Hauptbahnhof in den ÖBB-Zug nach Rom einsteige. Ich höre die letzten Ansagen auf dem Bahnsteig, höre den Pfiff vom Schaffner. Dann das Geräusch der schließenden Türen. Zug fährt ab! Ich betrete mein kleines Schlafwagen-Abteil, ein bezogenes Bett, gedämpftes Licht. Der Blick aus dem Fenster fällt auf die immer kleiner werdende Silhouette des Bahnhofs, auf Lichter, die im Dunkel der Nacht verschwinden. Die Welt da draußen zieht rasend schnell vorbei, und ich komme drinnen langsam zur Ruhe.

Back-on-Track.eu ist ein europäisches, ehrenamtlich geführtes Netzwerk, das sich für die Förderung von Nachtzügen als klimafreundliche Alternative zu Kurz- und Mittelstreckenflügen einsetzt. „Back-on-Track“ bietet eine interaktive Nachtzugkarte, die aktuelle Verbindungen in Europa zeigt: back-on-track.eu/night-train-map

Zug statt Flug
Während sich die anderen in langen Warteschlangen am Flughafen quälen oder Stunden hinter dem Steuer auf der Autobahn verbringen, habe ich mich längst ins Bett gelegt. Kein Warten am Gate, kein Stau auf der Straße, keine Hektik. Was bleibt, ist das rhythmische Rattern der Räder und das leise Quietschen in den Kurven – eine fast meditative Geräuschkulisse, die entschleunigt.
Immer mehr Menschen entdecken diese Form der Mobilität wieder für sich. Viele davon tun das aus Gründen der Nachhaltigkeit, um ihren Fußabdruck auf Reisen so gering wie möglich zu halten. Zahlen gefällig? Vergleichen wir die CO2-Emissionen meiner Strecke Wien–Rom. Der Kurzstreckenflug von 800 Kilometern schlägt mit rund 200 Kilogramm CO2 pro Passagier zu Buche, das Auto verursacht immerhin noch rund 150 Kilogramm CO2. Unschlagbar ist der Zug: Pro Person entstehen nur etwa 50 Kilogramm CO2 für die gesamte Strecke. Wer also mit dem Nachtzug reist, spart nicht nur Emissionen und Übernachtungskosten, sondern gewinnt auch Zeit. Die Nacht nutzt man zum Schlafen und kommt am nächsten Morgen ausgeruht in einer neuen Stadt, in einem neuen Land an.

Durch die Nacht, quer durch Europa
Europa im Schlaf erobern – das ist längst keine Utopie mehr. Von Frankreich bis Ungarn, von Schweden bis Italien rollen Nachtzüge quer über den Kontinent. Manche bringen Reisende an die Adria, andere verbinden Metropolen über Nacht. Manchmal fährt man acht Stunden, manchmal ist man sechzehn Stunden unterwegs. Einige reisen allein, andere zu zweit, wieder andere mit der ganzen Familie. Immer aber mit einem leisen Gefühl von Abenteuer.
Der Komfort ist – je nach Anbieter – erstaunlich hoch: Von einfachen Sitzplätzen über bequeme Liegewagen bis hin zu luxuriösen Schlafabteilen mit eigenem Bad ist für jede Zielgruppe die passende Reiseklasse dabei. In diesem Beitrag stellen wir Ihnen fünf Nachtzug-Anbieter vor, die Europa verbinden. Wir werfen einen Blick auf ihre Routen, ihre Abteile und ihre Extras. Und zeigen, dass der Nachtzug weit mehr ist als nur ein Verkehrsmittel …

ÖBB Nightjet (Österreich)
Der „ÖBB Nightjet“ ist der Nachtzug der Österreichischen Bundesbahnen, die europaweit als Pioniere der modernen Nachtzugära gelten. Als andere europäische Bahnen ihre Nachtverbindungen aufgaben, investierte die ÖBB mutig in den Ausbau. Mit Erfolg: Der „Nightjet“ ist heute einer der größten Nachtzug-Anbieter Europas. Aktuell verbindet er Österreich mit über 25 europäischen Metropolen wie Amsterdam, Berlin, Brüssel, Paris, Rom und Zürich. In den „Nightjets der neuen Generation“ stehen drei Komfortkategorien zur Auswahl: Sitzwagen, 4er-Liegewagen und Schlafwagen. Letztere bieten besonders viel Privatsphäre und Komfort – mit eigener Dusche und Toilette sowie einem À-la-carte-Frühstücksangebot. Für Alleinreisende gibt es die kompakten „Mini Cabins“. Extras wie ein kostenloses WLAN sowie Steckdosen am Platz machen die Reise noch angenehmer. Fahrräder und Haustiere dürfen mit – sofern vorab gebucht. nightjet.com

ÖBB Nightjet Schlafwagen.
Foto Harald Eisenberger, ÖBB


Trenitalia Intercity Notte (Italien)
Der „Trenitalia Intercity Notte“ verbindet Italiens Norden mit dem Süden – bequem über Nacht. Reisende gelangen etwa von Mailand, Turin oder Venedig nach Rom, Neapel oder sogar bis nach Sizilien. Zur Auswahl stehen auch hier mehrere Reiseklassen: Sitzwagen, Liegewagen sowie Schlafwagen-Abteile. Wer besonderen Komfort sucht, bucht die luxuriöse Excelsior-Kabine mit eigenem Bad, Dusche, Frühstück und Servicepaket.
Ein Highlight: Der Zug wird am Fährterminal in Villa San Giovanni auf ein Schiff verladen und setzt über die Straße von Messina nach Palermo oder Syrakus – ohne umsteigen. trenitalia.com

Trenitalia Intercity Notte.
Foto Shutterstock


Intercités de Nuit (Frankreich)
Der „Intercités de Nuit“ ist ein Netzwerk von Nachtzug-Verbindungen, das von der französischen Staatsbahn SNCF betrieben wird. Diese Züge bieten Reisenden die Möglichkeit, von Paris aus verschiedene Städte Frankreichs wie etwa Nizza, Toulouse oder Rodez zu erreichen. An Bord stehen die Kategorien Sitzwagen, Liegewagen oder Schlafwagen für vier oder sechs Personen zur Auswahl. Allein reisende Frauen und Frauen mit Kindern unter zwölf Jahren können kostenlos den Service „Lady Alone Space“ buchen. sncf-connect.com

Gare de Toulouse, Frankreich. Foto Shutterstock


SJ EuroNight (Schweden)
Der schwedische „SJ EuroNight“ ist ein Nachtzug, der Reisende ohne Umsteigen von Berlin und Hamburg über Padborg und Kopenhagen bis nach Malmö und Stockholm bringt und so die drei Länder Deutschland, Dänemark und Schweden verbindet. Wählen kann man zwischen Sitzabteil, 6er-Liegewagen sowie Schlafwagen erster oder zweiter Klasse. Die Schlafabteile erster Klasse verfügen über jeweils drei Betten, eine eigene Dusche und Toilette. Das Frühstück ist inbegriffen und wird im Abteil serviert. Gäste des Schlafwagens haben außerdem Zugang zur SJ-Lounge am Zielbahnhof in Stockholm und Malmö. sj.se

Der SJ EuroNight in Schweden. Foto SJ


European Sleeper (Belgien/Niederlande)
2023 gründeten zwei kreative Niederländer das neue Nachtzug-Unternehmen „European Sleeper“, das sich als kooperative Genossenschaft versteht. Das ambitionierte Ziel ist es, jedes Jahr eine neue Zugverbindung einzuführen. Aktuell verläuft die Strecke von Brüssel nach Prag mit Stopps unter anderem in Amsterdam, Berlin und Dresden. Auch der „European Sleeper“ bietet die unterschiedlichen Kategorien Sitz-, Liege- sowie Schlafplätze an. Das Schlafabteil verfügt über ein bis drei Betten, ein Waschbecken sowie einen Tisch mit Sitzplatz. Frühstück, Handtuch und Toilettenartikel sind im Preis inbegriffen. Mit dem „European-Sleeper“-Pass für ein, drei oder zwölf Monate bekommt man freie Fahrt in allen Zügen. europeansleeper.eu

European Sleeper in Belgien. Foto European Sleeper


Eine Legende auf Schienen
Der „Venice Simplon-Orient-Express“ ist ein Luxus-Nachtzug, der für seine außergewöhnliche Eleganz und seinen historischen Charme bekannt ist. Er bietet exklusive Reisen durch Europa, zum Beispiel nach London, Venedig oder Istanbul, wobei die Passagiere in stilvollen Schlafabteilen oder luxuriösen Suiten übernachten. Von Wien aus kann man aktuell nur nach Paris reisen; eine Nacht in der legendären Kabine kostet zwischen 4.000 und 5.000 Euro, eine in der Grand Suite bis zu 15.000 Euro. belmond.com 

Die Grand Suite im Venice Simplon-Orient-Express. Foto Belmond


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