Empowerment statt Almosen
Bild: Andrew Funk, der Gründer der Organisation „Homeless Entrepreneur“ (HE). Foto Jose Sanabria, Homeless Entrepreneur
Die Organisation „Homeless Entrepreneur“ aus Barcelona hilft obdachlosen Menschen dabei, zurück in die Gesellschaft zu finden. Sie setzt sich auch auf europäischer Ebene dafür ein, Obdachlosigkeit effektiv zu bekämpfen.
Von Jutta Nachtwey
Bei minus 10 Grad in einem Zelt schlafen? Allein die Idee dürfte wohl bei den meisten Menschen für Gänsehaut sorgen. Andrew Funk, Gründer der Organisation „Homeless Entrepreneur“ (HE), nahm die eisige Kälte jedoch gelassen und mit einer gewissen Routine: Bereits zum dritten Mal campierte er im Jänner während des Weltwirtschaftsforums in Davos, um das Thema Obdachlosigkeit ins Rampenlicht zu rücken, den Dialog mit Politikern und Politikerinnen zu suchen sowie Fundraising und Community-Building zu betreiben. Auch in diesem Jahr ging das Team zuvor zu Fuß von Zürich nach Davos – 150 Kilometer in fünf Tagen –, bevor es im Luxus-Skiort sein Zelt aufschlug. „Wir haben dort auch eine Aktion namens ‚150 Steps‘ veranstaltet, bei der wir weltweit führende Persönlichkeiten dafür gewinnen konnten, 150 Schritte für 150 Millionen Obdachlose mit uns zu gehen, um Solidarität mit uns und der Obdachlosengemeinschaft zu bekunden“, erzählt Andrew Funk. Teilnehmende waren zum Beispiel Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, und Justin Trudeau, ehemaliger kanadischer Premierminister, sowie Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales und Bill Thomas, Global Chairman und CEO des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG.
All diese Aktionen spiegeln die Unermüdlichkeit wider, mit der sich die Organisation dafür einsetzt, Obdachlosigkeit zu bekämpfen. Andrew Funks Engagement hat einen sehr persönlichen Ursprung: Der in Barcelona lebende Amerikaner wurde 2015 selbst obdachlos, als ein von ihm mitbegründetes Onlineportal für die Tech-Branche Pleite ging. Die daraus resultierende finanzielle Belastung war zu hoch, um zusätzlich Miete zahlen zu können, außerdem brach seine damalige Beziehung auseinander. So landete er eines Nachts auf der Straße und musste vorbeikommende Leute um Geld anbetteln. Glücklicherweise gewährte ihm dann eine Freundin Unterschlupf, bevor er temporär bei verschiedenen Bekannten übernachten durfte. Es dauerte jedoch eine ganze Weile, bis er sich aus dem finanziellen Tief herausgearbeitet hatte und sich wieder ein eigenes Dach über dem Kopf leisten konnte.
Die erste Phase des Hilfsprogramms kann bis zu einem Jahr dauern, aber oftmals reicht auch ein Zeitraum von drei bis neun Monaten. Und manchmal geht es sogar richtig schnell, wie Andrew Funk berichtet: „Montse erzählte ihre Geschichte im ‚Voices‘-Programm und fand dank Schulungen schon nach 26 Tagen einen ersten Job bei Amazon.“ In der zweiten Stufe des Hilfsprogramms unterstützen die Begünstigten dann bestenfalls ihrerseits andere Menschen dabei, den Weg aus der Obdachlosigkeit zu gehen. Dabei können sie ihre eigenen Erfahrungen in den Prozess einbringen und sind zugleich aktiver Teil der „HE“-Community.
Grundsätzlich konzentriert sich „Homeless Entrepreneur“ bewusst auf Menschen, die eine Chance haben, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen. „Wir sind nicht die Kirche, unsere Ressourcen sind begrenzt, deshalb müssen wir sie für jene nutzen, die es wirklich schaffen können,“ erläutert Andrew Funk. Die Hilfshotline steht jedoch über WhatsApp grundsätzlich allen obdachlosen Menschen offen, sodass sich auch Personen ohne legalen Status zumindest Rat, zum Beispiel juristischen Beistand, holen können.

Die Organisation ist auch weit über Barcelona hinaus aktiv und will den Kampf gegen Obdachlosigkeit auf europäischer Ebene vorwärtstreiben. So realisierte sie beispielsweise einen „Great Walk“ von Orléans nach Paris zur Eröffnung der Olympiade 2024. Und im Sommer 2025 lief Andrew Funk zusammen mit Toby Plüss, dem „Great Walk“-Director, in 30 Tagen von Linz nach Madrid – insgesamt 880 Kilometer. Zudem führt „Homeless Entrepreneur“ derzeit Untersuchungen in zwölf europäischen Städten durch – darunter Brüssel, Straßburg, London, Dublin, Helsinki und Tirana. Hierbei analysieren sie die dortige Situation obdachloser Menschen und wie die Städte mit diesem Problem umgehen. Die Resultate werden 2027 unter dem Titel „Assistance vs. Empowerment Report“ beim Europäischen Parlament eingereicht.
Während andere Menschen eine solche Erfahrung eher vertuschen, beschloss er, offensiv damit umzugehen und von da an anderen dabei zu helfen, die eine ähnliche Krise durchleben. Er gründete in Barcelona die private Non-Profit-Organisation „Homeless Entrepreneur“ und initiierte ein eigenes Hilfsprogramm. In der ersten Phase bietet das Team den obdachlosen Personen Unterstützung in Bereichen wie Gesundheit, Finanzen, Recht, Kommunikation und Fortbildung. Sie erhalten auch die Möglichkeit, am „Voices“-Programm teilzunehmen, bei dem sie in einer Video-Reihe ihre eigene Geschichte erzählen können und dadurch Sichtbarkeit erhalten. Außerdem setzt sich „HE“ dafür ein, Wohnraum für diese Zielgruppe zugänglich zu machen, und baut Kooperationen mit verschiedenen Unternehmen, staatlichen Einrichtungen und Privatpersonen auf, die das Engagement der Organisation stärken. Im Bereich Fortbildung sorgt beispielsweise „IBM SkillsBuild“ dafür, die Teilnehmenden des Hilfsprogramms durch Schulungen vorwärtszubringen: Hierbei wird Wissen darüber vermittelt, welche Jobs heute und in Zukunft gefragt sind und wie man selbst einen solchen Arbeitsplatz finden kann. Grundsätzlich geht es darum, die Menschen zu unterstützen, wieder aktive Mitglieder der Gesellschaft zu werden, die, indem sie arbeiten, für ihre Miete selbst aufkommen können.

Foto Jose Sanabria, Homeless Entrepreneur

Foto Jose Sanabria, Homeless Entrepreneur
Die Organisation nutzt unterschiedlichste Kanäle, um das Thema Obdachlosigkeit ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Sie beauftragte zum Beispiel den katalanischen Pianisten Guillem S. Benet, Obdachlosigkeit in den zwölf Städten, die im Fokus der Studie stehen, zu vertonen und dabei Ähnlichkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Außerdem kooperierte „HE“ mit dem Regisseur Steve Hunyi, der im Kurzfilm „Garbage Rex“ (2026) eine besondere Sicht auf Menschen eröffnet, die auf der Straße leben. Darin geht es um einen Dokumentarfilmer, der selbst zuvor obdachlos war und nun einen Beitrag über obdachlose Menschen dreht. Hierfür besetzte Steve Hunyi zugunsten der Authentizität eine der Rollen mit Pawel Attig, einem Teilnehmer des „HE“-Hilfsprogramms. Darüber hinaus initiierte Andrew Funk den sogenannten „Social Impact Room“, wofür er das „Hostal Grau“ in Barcelona als ersten Kooperationspartner gewinnen konnte: Dort können Gäste donnerstags ein Zimmer für eine Nacht buchen, für das sie den normalen Preis zahlen. Diesen Betrag spendet das Hostal dann zu 100 Prozent an „HE“.
Derzeit sucht die Organisation weitere Hotels in europäischen Ländern, die das Konzept mittragen. „Wir möchten ein Netzwerk von Hotels aufbauen, die Informationen austauschen und sich gleichzeitig gegenseitig bewerben können.“ Richtig lohnen würde sich dieses Konzept ganz besonders in Davos. „Pro Übernachtung zahlt man hier als Gast mindestens 3.000 Euro“, erklärt Andrew Funk und fügt hinzu: „Denselben Betrag, den wir benötigen, um die Obdachlosigkeit einer Person durch unser Hilfsprogramm zu beenden.“ Aber auch kleinere österreichische Hotels könnten natürlich nach dem Vorbild des „Hostal Grau“ in Barcelona einen wertvollen Beitrag leisten – und dadurch ihren Gästen gegenüber offensiv soziales Engagement bekunden.

Für den Kurzfilm „Garbage Rex“ kooperierte Regisseur Steve Hunyi mit „Homeless Entrepreneur“ und besetzte eine der Rollen mit einem Teilnehmer des Hilfsprogramms.
Foto Elsa Faudé, Hunyi Films
Weitere Informationen:
homelessentrepreneur.org
Spenden:
homelessentrepreneur.org/en/donate






