„Wir brauchen eine neue Wasserkultur“

Jane Withers. Foto Louise Melchior

Von Nicole Scheyerer

Die Lage ist alarmierend: Rund 40 Prozent der Erdbevölkerung sind heute schon von Wassermangel betroffen, Tendenz steigend. Gleichzeitig erleben wir immer mehr Katastrophen durch Starkregen und Überschwemmungen. Die Wanderausstellung „Water Pressure“, die nach Stationen in Hamburg und Zürich nun im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) zu sehen ist, versammelt innovative Projekte für einen schonenden Umgang mit der lebensnotwendigen Ressource. Die britische Designspezialistin Jane Withers hat die Schau mit einem Board aus Beraterinnen und Beratern konzipiert; die Wiener Version hat MAK-Kuratorin Marlies Wirth um Exponate ergänzt.

MAK Ausstellungsansicht WATER PRESSURE.
Gestaltung für die Zukunft, 2025
MAKOKO FLOATING SYSTEM, NLÉ Architects Lagos (Nigeria), seit 2011, © kunst-dokumentation.com/MAK

MAK Ausstellungsansicht WATER PRESSURE. Gestaltung für die Zukunft, 2025
COLORIFIX, Norwich (Vereinigtes Königreich / United Kingdom), 2023
© kunst-dokumentation.com/MAK

Jane Withers, in Ihrer Ausstellung greifen Sie die globale Wasserkrise auf. Wie sind Sie an dieses große Thema herangegangen?
Jane Withers: Wir haben uns Wasser durch die Linse von Architektur und Design angeschaut, aber immer in interdisziplinären Teams. Wie reagieren diese Felder auf die Krise? Welche neuen Ansätze und alternativen Denkweisen zum Thema Wasser gibt es? Die Krise ist maßgeblich auf übermäßigen Verbrauch und Misswirtschaft zurückzuführen. In der Vergangenheit haben wir es zu einer Art industriellem Reinigungsmittel gemacht, um Verschmutzungen wegzuspülen. Daher brauchen wir eine neue Beziehung zum Wasser, wir müssen es mehr wertschätzen, pflegen und im Einklang mit ihm leben. Es ist doch zum Beispiel verrückt, dass wir keinen Regen auffangen oder unsere WCs mit Trinkwasser spülen.

Sie haben sich schon 2008 in einer Ausstellung mit Wasser beschäftigt. Was hat sich seither verändert?
In der Schau „1% Water & Our Future“ konnten wir kaum zeitgenössische Antworten auf die Krise finden. Die vielen Projekte heute demonstrieren, wie sehr sich das Bewusstsein geändert hat. Ich denke, wir haben auch eine Art von Verantwortung, optimistisch zu sein und zu fragen: Was können wir tun? Wie können wir uns verhalten?

Das Kapitel „Thirsty Cities“ vergleicht den Wasserverbrauch verschiedener Städte von Hamburg bis Lagos. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen und womit haben Sie nicht gerechnet?
Wirklich überrascht hat mich Mexiko City. Die größten Probleme dort stellen die marode Infrastruktur sowie das Absinken des Grundwasserspiegels durch übermäßige Wasserentnahme dar. Dabei gibt es genügend Niederschlag. Hilfsorganisationen zeigen ärmeren Bevölkerungsgruppen, die bisher abhängig von Wasserlieferungen waren, wie sie mithilfe von Tanks Regen auffangen und filtern können.

In der Ausstellung gehen Sie auch auf wassersparende Techniken indigener Kulturen ein. Inwieweit werden sie zum Ausgangspunkt für Designlösungen?
Es geht darum, ausgehend von diesen Praktiken und kulturellen Werten Wege zu finden, mit dem Wasser zu leben, anstatt es zu kontrollieren. Auch ländliche Traditionen, die vergessen wurden, eignen sich oft als substanzielle Quellen von ökologischem Wissen. Die Ausstellung zeigt ein Wandbild der Künstlerin Marjetica Potrč, das sich mit den Rechten des Wassers und aller Lebewesen befasst. Darin geht es um den Schutz der Flüsse Soča in Slowenien und Lachlan River in Australien. Ein anderes Beispiel sind die „Water Protectors“: Diese US-Aktivistinnen und -Aktivisten in North Dakota haben im Standing Rock Reservat gegen eine Pipeline protestiert, die eine ökologische Bedrohung in der Region darstellt. Ihr Motto lautet „Water is Life“. Sie betrachten Wasser als Gemeingut, für die Menschen ebenso wie für die Tier- und Pflanzenwelt.

Was für Lösungen kann die Architektur liefern?
Wir präsentieren zum Beispiel die modulare Baustruktur „Makoko Floating System“ des niederländischen Büros NLÉ Architects. Im Zuge eines langen Prozesses konnten sie in einem von Hochwasser betroffenen Küstengebiet von Lagos eine schwimmende Schule errichten. Ihr Buch „African Water Cities“ zeigt das Potenzial für ähnliche Urbanisierungsprojekte zum Thema Wasser vor dem Hintergrund des Klimawandels auf.

Statistiken zeigen, dass Landwirtschaft und Industrie das meiste Wasser verbrauchen. Benötigen wir nicht eher Gesetze und Vorschriften als individuelle Maßnahmen?
Die Ausstellung zeigt auch dafür Lösungen, zum Beispiel giftfreie Farbstoffe für die Textilindustrie. Freilich brauchen wir politische Vorgaben und Wandel in großem Maßstab, sonst wird sich nichts ändern. Aber in erster Linie muss sich das Bewusstsein ändern, ein breites Umdenken kann entsprechende Maßnahmen durchsetzen. Wir erleben ja gerade diesen Backlash gegen die Nachhaltigkeit in den USA. Aber letzte Woche war ein interessanter Artikel im Guardian, der darüber berichtete, dass sich mehr als 80 Prozent der Menschen stärkere Klimaschutzmaßnahmen wünschen. Es ist nicht wahr, wie so oft dargestellt, dass wir alle nur egoistisch auf unseren eigenen Vorteil schauen. Die Leute erkennen auch immer mehr die Dimension der Wasserkrise, was Überschwemmungen bedeuten oder was Wassermangel bedeutet. Wenn wir verstehen, wie wir mit dem Wasser umgehen, dann wird uns auch klar, was unser Wasser-Fußabdruck für andere Gemeinschaften außerhalb unseres Landes mit sich bringt. 

Marjetica Potrč,
The Rights of a River, 2021
Bildessay, 10 Zeichnungen
Courtesy of the Galerie Nordenhake Berlin, Stockholm, Mexico City
© Marjetica Potrč

„Water Pressure.
Gestaltung für die Zukunft“

im MAK, Wien
Bis 7. September 2025
mak.at/waterpressure


Teilen auf:
Facebook