Smart wohnen mit Sonnenstrom
Wie energieautark lässt es sich mit Sonnenstrom leben? Der Vorarlberger Energiepionier Horst Zimmermann stellte ein interdisziplinäres Team auf die Beine und baute mit ihm das „Sonnenhaus Göfis 2.0“: ein Reallabor mit hoher Wohnqualität.
Text Simone Fürnschuß-Hofer,
Fotos Martin Schachenhofer
Auf den ersten Blick wirkt das „Sonnenhaus Göfis 2.0“ auf mich eher reserviert, fast ein wenig kühl. Gerahmt von Wald und sanft abfallender Wiese thront es in bester Hanglage oberhalb des Ortszentrums von Göfis. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Ein technisches Wunderwerk mit hoher Funktionalität auf Kosten der Behaglichkeit? Die buchstäblich letzte Kurve vor der Waldgrenze führt mich direkt in die Einfahrt. Hausherr und Energiepionier Horst Zimmermann heißt mich willkommen. Beim Betreten des Hauses wird schnell klar, dass dieser Ort alles andere als ein rein funktionales Versuchslabor ist. Nein, hier wird mit allen Sinnen gewohnt. Die Innenräume mit ihrer warmen Atmosphäre nehmen mich schnell für sich ein. Unkonventionell geschnitten und charmant eingerichtet stehen sie im Kontrast zur schnörkellosen Fassade. Große Glasflächen öffnen den Blick, das Grün von Wiese und Wald spielt mit den Farben des modernen Interieurs. Und das Beste: Während sich draußen die Temperaturen noch im niedrigen einstelligen Bereich bewegen, ist es drinnen herrlich warm. Das wäre somit schon mal geklärt. Energieautonomie zu gewinnen, heißt also nicht zwingend, mit wenig Energie auskommen zu müssen. Ganz im Gegenteil, wird mir Horst Zimmermann wenig später schmunzelnd erklären: 24 Grad, vor allem im Bad, das sei die Wohlfühltemperatur seiner Frau. Wärme im Winter und – inzwischen fast noch wichtiger – Kühle im Sommer in null Komma nichts, dieses Haus schöpfe aus dem Vollen.

Das Vorläufermodell
Kurz nimmt mich Horst Zimmermann mit in die Vergangenheit. In den 1970er Jahren realisierte er als Gründungsgesellschafter von ZIMA (heute ZM3) gemeinsam mit Dorfinstallateur-Gründer Arnold Feuerstein das erste „Sonnenhaus“ nur wenige Meter Luftlinie vom jetzigen entfernt. Es sollte damals schon sein Eigenheim werden, ausgestattet mit einer für jene Zeit wegweisenden Haustechnik, die das Nonplusultra alternativer Energietechnologie mit viel Hirnschmalz kombinierte. 1977 wird das visionäre Projekt mit dem Staatspreis für Energieforschung ausgezeichnet. 40 Jahre später kann Horst Zimmermann dem Reiz nicht widerstehen, mit einem weiteren Hausbauprojekt „in die Zukunft zu denken“. Sprich, einmal mehr und auf Basis der aktuellen Technologiekenntnisse Chancen und Grenzen alternativer Energiesysteme auszuloten. Ab 2017 wird gemeinsam mit einem Planungs- und Energieteam am „Sonnenhaus Göfis 2.0“ getüftelt und 2020 mit einer Gesamt-Wohnfläche von 285 Quadratmetern umgesetzt. Die Energiezentrale befindet sich im Nebengebäude, zwei Ladestationen versorgen E-Autos mit dem nötigen Saft.

Herzstück Speichersystem
Mit dem Einzug ins Haus beginnen auch die Testphasen. Mittels umfangreicher Datenerfassung sollen Erkenntnisse für eine zukunftsgerichtete Energieversorgung gezogen werden, die auch für künftige Wohn- und Gewerbeobjekte von Nutzen sind. Zentrales Thema dabei ist die Möglichkeit der Energiespeicherung. Horst Zimmermann holt aus: „Über Photovoltaik nutzen wir die Sonnenenergie. Den dabei gewonnenen Strom gilt es, höchst effizient einzusetzen – und genau das ist der anspruchsvolle Teil des Ganzen. Denn sämtliche PV-Anlagenbetreiber kämpfen mit dem gleichen Problem: dem Überschuss im Sommer und dem Mangel im Winter.“ Erste wichtige Bilanz aus dem „Sonnenhaus 2.0“: Zusätzlich zur südseitigen Anbringung der PV-Module macht auch die Ost-West-Ausrichtung am Flachdach absolut Sinn. So können auf den Außenflächen mehr Module angebracht werden, um den Wirkungsgrad das ganze Jahr über zu maximieren. Beim „Sonnenhaus“ wurde zudem der Anspruch formuliert, dass sich die Architektur zugunsten der Energiegewinnung zurückzunehmen hat. Das mag nicht jedermanns und jederfraus Sache sein, eröffnet jedoch in diesem Fall Forschungsspielraum.
Wie nun aber den Überschuss an Sonnenenergie für später speichern? Diese Frage, der sich Zimmermann und sein Energietechniker-Team ausgiebig widmeten, führt uns zum Herzstück der Haustechnik: eine überdimensionale E-Batterie-Speicheranlage der Firma „e.Battery Systems AG“ mit einer Kapazität von 240 kWh. Rücklaufbatterien aus der Automobilindustrie erhalten durch ein spezielles Update ein zweites Leben. Ist das der große Coup? Noch nicht ganz, so der Experte: „Häuslbauern sag ich derzeit ganz klar, dass sie noch die Finger von E-Speichern lassen sollen. Zumindest so lange, bis sie leistbarer und effizienter werden. Auf dem Gebiet der E-Speichertechnik ist eine unglaubliche Entwicklung im Gange, viele Speichervarianten sind bereits im Testbetrieb, gerade auch solche, die auf Lithium verzichten.“ Dennoch solle man beim Hausbau Speichersysteme bereits mitdenken und einplanen, in fünf bis zehn Jahren schaue die Sache schon anders aus. Zimmermann: „Hier im „Sonnenhaus Göfis 2.0“ haben wir im Grunde alles übertrieben, der wirtschaftliche Aspekt war immer zweitrangig. Unser Auftrag war es ja, neue Maßstäbe zu finden, den Autarkiegrad auszuloten, Forschung zu betreiben.“ Sein Fazit: Der Speicher ist und bleibt der springende Punkt.

einer leistungsstarken Batterie- Speicheranlage.
Die Prozentfrage
Die Sonnenhaus-Energie-Performance in Zahlen: In der Sommerphase (März bis Oktober) gelingt es, den Autarkiegrad auf 94 bis 98 Prozent zu steigern, in der Winterphase (November bis Februar) dank Speicheranlage auf immerhin 63 bis 65 Prozent. Das System sei zudem höchst anwenderfreundlich und verlässlich, es laufe quasi störungsfrei. „Die totale Energieautarkie ist nie das Ziel gewesen und soll es auch nicht sein“, meint Horst Zimmermann. Ihm gehe es in all seinen Überlegungen neben der Frage des Autarkiegrades vor allem auch um die Netzdienlichkeit: „Dem Stromnetz-Anbieter gilt es dann Strom zu liefern, wenn er ihn braucht und nicht, wenn Strom eh schon im Überschuss vorhanden ist“, so der Visionär. Stromversorger sollten in absehbarer Zukunft auf externe Speicher zugreifen können. „Bis in zehn Jahren wird es Verträge geben, die diesen gegenseitigen Austausch zum gemeinsamen Vorteil ermöglichen“, ist Zimmermann überzeugt.
Im Übrigen gehe es nicht nur ums Heizen, durch die Klimaerwärmung und die auch in unseren Breitengraden heißer werdenden Sommermonate bekommt die Kühlung immer mehr Bedeutung. „Eine kleine PV-Fläche reicht schon, um ein Split-Kühlgerät zu versorgen. So ließe sich der Überschuss-Strom im Sommer sinnvoll nutzen. Und gerade für den Altbestand, wo die Hitze meist besonders groß ist, wäre das eine echte Chance.“
Horst Zimmermann ist zwar inzwischen in der Pension, längst aber noch nicht im Ruhestand angekommen. Im Koordinatensystem von Neuland und Zukunft fühlt er sich wohl, das Thema Energie ist dabei seine Spielwiese. Man hört ihm gerne zu und freut sich mit ihm, dass ein Forschungsobjekt wie das „Sonnenhaus 2.0“ nicht nur aufschlussreiche Zahlen liefert, sondern einen echten Wohn-Mehrwert dank smart verteilter Sonnenkraft bietet.
Tipp
Energieautonomie- und EUSALP-
Fachtagung 2025
Festspielhaus Bregenz, Donnerstag,
- Mai 2025, 9 – 16.30 Uhr
Mit im Programm: Das „Sonnenhaus 2.0“ und die Frage: Wie smart sind smarte Gebäude?






