Die für die Haie kämpfen

Bidl: Heute nehmen die ehemaligen Haifischer Touristen aus aller Welt auf Schnorchel- und Tauchausflüge in die Riffe von Lombok mit.
Foto Levin Meraner, ORIGINAL Magazin

In Indonesien werden jährlich Millionen Haie fürs lukrative Geschäft mit den Flossen getötet. Zum Schutz der Riesenfische arbeitet Meeresaktivistin Madison Stewart ausgerechnet mit denen zusammen, die viele als Bösewichte verteufeln: mit den ehemaligen Haifischern selbst.
Von Doris Neubauer

Von „Der weiße Hai“ bis „Shark Attack“ – in Horrorfilmen sorgen Haie als Menschenfresser seit jeher für Angst und Schrecken. Was andere einschüchtert, übte auf Madison Stewart bereits als Kind eine Faszination aus: „Dass sie die Außenseiter mit dem schlechten Ruf waren, aber so völlig missverstanden wurden“, erinnert sich die Australierin an ihre Beweggründe, die Jäger der Ozeane seit jeher angefeuert zu haben, und fügt hinzu: „Ich habe Haie einfach schon immer geliebt.“

Ich rette so viele Haie wie möglich und tue dies mit den Fischern, die für mich mittlerweile zur Familie geworden sind.

Madison Stewart. Foto „Hiu“

Kaum den Kinderschuhen entwachsen, machte Pip(py) – wie sie von Freunden und Familie genannt wird – diese Liebe zu ihrer Mission. Mit Videos und Dokumentationen wie „Shark Girl“ (2013) war die junge Aktivistin in der ganzen Welt unterwegs, um auf das globale Haisterben aufmerksam zu machen und sich für den Schutz der Tiere einzusetzen. Nur Indonesien vermied sie auf ihren Reisen, werden doch dort jährlich Tausende Haie fürs lukrative Geschäft mit deren Flossen gejagt und getötet. 80 Prozent aller Arten gelten mittlerweile als gefährdet oder potenziell bedroht.

Beim Filmdreh von „Blue“ war es 2017 aber dann doch so weit. „Wir kamen an unserem ersten Tag hier auf den Haimarkt und sahen Hunderte tote Haie – Arten, die ich noch nie in freier Wildbahn gesehen hatte. Riesige Haie“, wird Madison den Besuch des berüchtigten Fischmarkts in Tanjung Luar auf Lombok – eines der größten in Indonesien – ihr Leben lang nicht vergessen. „Es war unglaublich konfrontierend und auch ziemlich schockierend.“ Vor allem die Begegnung mit den Fischern und damit mit den „Männern, deren nächste Mahlzeit von den toten Haien abhing“, ließ sie nicht mehr los. Als sie Monate später einen Kurzfilm über ehemalige mexikanische Haifischer sah, die ihre Boote für touristische Ausfahrten nutzten und sich so ihren Lebensunterhalt verdienten, hatte sie eine Idee. „Heilige Scheiße, die Nummer könnte ich auch schaffen!“, stand für die heute 31-Jährige fest. Sie sollte recht behalten.

Die Opfer des Handels
Ihr 2017 gestartetes „Project Hiu“ („Hiu“ bedeutet Hai auf Indonesisch) bietet mittlerweile rund 60 ehemaligen Fischern der „Fischerinsel“ Maringkik, der zweitgrößten Haifangregion Indonesiens, ein stabiles Einkommen und nimmt damit den Druck, die Meeresbewohner aus finanziellen Gründen töten zu müssen. Statt für den Haifang stellen die Fischer ihre zwölf Boote für Tauch- und Schnorchelausflüge in den Riffen von Lombok zur Verfügung. Durchschnittlich zwei bis vier davon sind pro Monat im Einsatz. Der Erfolg kann sich sehen lassen: „Durch die Anmietung von vier Booten für einen Monat Tourismus werden rund 200 Haie gerettet, weil keine Angelausflüge möglich sind“, nennt die Gründerin Zahlen und hofft, die Flotte künftig ausbauen zu können.

Auch der Besuch des Haifischmarkts steht bei „Project Hiu“ auf dem Programm – allerdings nur als Teil von Internships und längeren Expeditionen, den „Bestsellern“, wie Madison verrät. Eine Woche lang können die acht Teilnehmenden dabei nicht nur mehr über Haifang erfahren, sie lernen auch die Bewohnerinnen und Bewohner der 3.000-Seelen-Gemeinde und deren Lebensumstände besser verstehen. Denn: „Bevor jemand einen so emotionalen Moment wie den Besuch des Markts erlebt, sollte man die Geschichten der Fischer und ihre Beweggründe für den Fischfang kennen“, ist die Meeresaktivistin überzeugt. Geschichten wie die von Odi, der zu den wohlhabenderen Fischern der Region zählt. Als sein Vater starb, musste er das Studium abbrechen und zum Haifischfang zurückkehren, um für seine Familie zu sorgen. Viele andere seien bereits im Alter von sieben Jahren zum Töten gezwungen, weiß Madison und fügt hinzu: „Die Fischer stehen am unteren Ende der Nahrungskette – sie sind der am stärksten ausgebeutete Teil des gesamten Handels. Es ist leicht, sie zu Bösewichten zu machen, aber sie sind die Opfer des Handels.“ Tatsächlich bekommt ein Fischer im Schnitt 28 Euro für einen großen Hai. Auf dem internationalen Markt werden dann dessen Flossen um rund 560 Euro pro Kilogramm verkauft.

Einkommen von heute, Bildung von morgen
Um dieses System zu durchbrechen, setzt die Arbeit im „Project Hiu“ bereits bei den Kindern der Fischer – und damit der nächsten Generation – an: Es finanzierte Lehrer und einen Übersetzer für die Dorfschule, organisierte Englischunterricht für die Jugendlichen und ließ eine Schultoilette bauen. „Zwei Kinder von ehemaligen Haifischern können mithilfe unseres Förderprogramms die Universität besuchen“, ergänzt Madison. „Wir übernehmen ihre Studiengebühren, Verpflegung und Lebenshaltungskosten für die Zeit, in der sie weg sind.“ Zudem installierte das Team von „Project Hiu“ gemeinsam mit Ehrenamtlichen der „Reece Foundation“ ein Regenwassersammel-, -aufbereitungs-, -filter- und -verteilungssystem im Schulgebäude. Dadurch erhielt die gesamte Gemeinde erstmals kostenlosen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

„Project Hiu“ kümmert sich aber nicht nur um das Wohlbefinden der Fischer und ihrer Familien. Um das Verhalten der indonesischen Haie besser zu verstehen, arbeitet das Team von Stewart mit der lokalen Universität und örtlichen Forschenden zusammen. „Und unsere Fischer fahren hinaus und markieren die Haie. Ihr Wissen macht das Projekt erst möglich“, setzt die Australierin auch hier auf ihre stärksten Verbündeten. Anhand von aktuell zehn Haien hofft man herauszufinden, welche Umweltfaktoren – von der Temperatur der Meeresoberfläche bis hin zu Strömungen – die Riesenfische bevorzugen, und dadurch ihre Bewegungsmuster vorherzusagen. „Wir haben einige wirklich unglaubliche Entwicklungen“, kündigt Stewart an, bald „bahnbrechende“ Erkenntnisse zu veröffentlichen.

Foto Levin Meraner, ORIGINAL Magazin

Weiter in die Zukunft blickt Pip ganz bewusst nicht: „Covid und Naturkatastrophen halten uns auf Trab und beweisen, dass sich das Leben schlagartig ändern kann.“ Deshalb lehnt sie es ab, Pläne für „Project Hiu“ zu machen. Sie konzentriere sich auf das Hier und Jetzt. Zu tun gäbe es da genug: „Ich rette so viele Haie wie möglich und tue dies mit den Fischern, die für mich mittlerweile zur Familie geworden sind“, meint sie. 

projecthiu.com


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