Mode als Medium
Die kenianische Fashion Designerin Anyango Mpinga setzt auf faire, nachhaltige Produktion und widmet sich in ihren Kollektionen sozialen Themen. Ihre Stiftung „Free As A Human“ kämpft unter anderem gegen Zwangsarbeit in der Modebranche.
Von Jutta Nachtwey, Fotos Anyango Mpinga
Manchmal lohnt es sich, einen Umweg zu machen. Bestes Beispiel: Anyango Mpingas unkonventioneller Weg in die Modebranche. Am liebsten hätte sie Kunst studiert, aber da ihre Mutter diese Idee verwarf, entschied sie sich erst einmal für Soziale Kommunikation mit Schwerpunkt Rundfunkjournalismus an der „Catholic University of Eastern Africa“ in Nairobi. Nach dem Bachelorabschluss arbeitete sie unter der Leitung der Historikerin und Journalistin Hilary Ng’weno als Rechercheurin und Drehbuchautorin bei der Dokumentarserie „The Making of the Nation“. Später wechselte sie in den Bereich Eventproduktion und Öffentlichkeitsarbeit in der Handels- und Kreativbranche in Addis Abeba (Äthiopien) und begann nebenbei, für sich selbst mit Mode zu experimentieren. Nachdem auch ihre Freunde sie baten, für sie neue Outfits zu entwerfen, konzentrierte sie sich in Nairobi ganz auf das Thema Fashion Design und die Vermarktung ihrer Kleider. Dank des positiven Echos konnte sie bald darauf ihre erste Show bei der „Hub of Africa Fashion Week“ in Addis Abeba präsentieren.
Der Umweg über den Journalismus prägt bis heute ihr Schaffen. Ihre Kollektionen widmet sie jeweils einem Thema, zu dem sie ausführlich recherchiert, bevor sie die Kleidungsstücke entwirft. „Human Family“ untersuchte etwa das Thema Verwandtschaft und Verbindung, inspiriert durch die globale Migration und die Frage nach Zugehörigkeit. In der Kollektion „Phonology“ beschäftigte sie sich mit Klang und Identität und entwickelte hierfür das Stoffmuster „Sound of Love“. Es zeigt die Klangwellen der Worte „Ich liebe dich“ in 25 Sprachen – zehn davon sind die aus ihrer Sicht wichtigsten Stämme Kenias, die restlichen wählte sie basierend auf ihren Reisen. Das Muster visualisiert für sie die Idee, dass die Liebe alle Menschen verbindet.

Das Stoffmuster für das Kleid „Free As A Human“ ist eine Collage aus Kolibris und Texten im Zeitungslayout-Stil, die Begriffe wie „Compassion“, „Equality“ und „Humanity“ beinhalten.
Neben sozialen Themen spielen ökologische Aspekte für die Designerin eine wichtige Rolle. Sie setzt einerseits auf Stoffe aus nachwachsenden Rohstoffen, andererseits auf Recycling und Upcycling. Der größte Teil der Baumwolle ist bio-zertifiziert, wird aus Abfällen recycelt oder basiert auf Restbeständen anderer Marken und Designhäuser. Anyango Mpinga arbeitet mit geringen Warenbeständen und produziert weitgehend auf Bestellung, um Überschüsse zu vermeiden. Außerdem nutzt sie 3D-Modellierung, um die Kleidungsstücke bis ins Detail digital zu konstruieren, bevor diese hergestellt werden. Dies ermöglicht ihr mehr Flexibilität in der Design-
phase und hilft ihr, den Materialabfall zu reduzieren.
Außerdem legt sie großen Wert auf faire Produktionsbedingungen. Anfangs siedelte sie die Herstellung im Vereinigten Königreich an, bevor der Brexit ihr einen Strich durch die Rechnung machte. Deshalb eröffnete sie zusätzlich zum Standort in Nairobi ein Design-Atelier in New York, wo inzwischen der größte Teil der Kleidung entsteht. Hierzu erklärt sie, dass traditionelle Bekleidungshersteller in Kenia immer noch höhere Mindestmengen voraussetzen, was ihrem Ansatz widerspreche. Sie lässt jedoch in ihrer Heimat in Zusammenarbeit mit lokalen Kunsthandwerkerinnen und -werkern sowie Organisationen einige Accessoires herstellen.
Insgesamt setzt sie sich für faire Arbeitsbedingungen in der Modebranche ein. Hierfür gründete sie auch die Stiftung „Free As A Human“, die sich gegen Zwangsarbeit in der Lieferkette engagiert. Das Projekt unterstützt zudem die Arbeit der Organisation „HAART Kenya – Awareness Against Human Trafficking“, die sich der Bekämpfung moderner Sklaverei in Ostafrika widmet.
Anyango Mpinga hat sich längst über alle Grenzen hinweg einen Namen gemacht und war mit ihren Kollektionen, die auch für große Größen konzipiert sind, zum Beispiel bei Fashion-Events in Berlin, Tokio, Paris oder Helsinki beteiligt. Ihr Erfolg liegt sicherlich auch darin begründet, dass sie auf lokale Traditionen Bezug nimmt und diese in moderne Ausdrucksformen überführt. Sie nutzt Mode als Kommunikationsmittel, um das Potenzial der Diversität erfahrbar zu machen, das Gemeinschaftsbewusstsein der Menschen zu stärken und die Wertschätzung für die Natur zu fördern. Durch ihren narrativen Ansatz gelingt es ihr, den Kleidungsstücken Werte einzuweben – so verwandelt sie Stoffe in wahre Wirkstoffe.

Das Muster des Polo-Shirts aus Merino-Wolle zeigt die Klangwellen der Worte „Ich liebe dich“ in 25 Sprachen.
„Circular Design“ spielt für dich eine wichtige Rolle – welche Materialien verwendest du hierfür?
Anyango Mpinga: Wir verwenden Leinen, Baumwolle, Seide und Wolle, bei deren Beschaffung wir auf ökologische und ethische Standards achten. Ich beziehe auch Stoffe von Unternehmen wie „Aditya Birla“ in Indien, die Textilien aus recycelten Stoffen und pflanzlichen Alternativen herstellen, die sicher in die Biosphäre zurückkehren können. Außerdem habe ich mit Gewebe aus ausrangierten Kassettenbändern experimentiert, die in Kenia gesammelt wurden. Mein Interesse gilt der Neuinterpretation von Müll als Wert. Neue Technologien, die Abfälle in Fasern umwandeln, sind ein spannender Teil der Zukunft der Mode. Ich erforsche weiterhin, wie sich dies in unsere Kollektionen integrieren lässt.
Wovon sind deine Stoffmuster-Entwürfe inspiriert?
Ich lasse mich von traditionellen afrikanischen Praktiken, Spiritualität, sozialen Themen und menschlichen Beziehungen inspirieren, aber auch von Natur, Farbpsychologie und Architektur. Meine aktuelle Kollektion zeigt abstrakte Gesichter und symbolische Figuren, die körperliche Autonomie, spirituelle Präsenz und die fortwährende Reise zur persönlichen Befreiung zum Ausdruck bringen.
Auch Einflüsse des viktorianischen Stils sind manchmal in deinen Entwürfen zu erkennen. Was interessiert dich an diesem kolonialen Erbe?
Ich sehe die Auseinandersetzung damit als eine Möglichkeit, diese Techniken und Ästhetiken neu zu interpretieren – ich überlagere sie mit persönlicher Bedeutung, um ihren kolonialen Kontext zu unterwandern. Die Dekonstruktion ermöglicht es mir, traditionelle Silhouetten umzugestalten und Kleidungsstücke in Träger für neue Erzählungen zu verwandeln. Ich nutze sie zum Beispiel, um Hierarchie zu hinterfragen und die Vielfältigkeit in unserer Identität zu erforschen.
Welches Thema hast du für die kommende Kollektion gewählt?
In diesem Jahr werde ich eine Serie zu „Interwoven Human Connections“ präsentieren. Sie handelt davon, wie wir alle durch unsichtbare Fäden verbunden sind, die Erinnerungen an unsere Vorfahren, die Essenz unserer gemeinsamen Menschlichkeit und den Geist der kollektiven Zugehörigkeit in sich tragen.
Wer kauft eigentlich deine Kleidung?
Ich habe Kundinnen in ganz Afrika, Europa und Nordamerika, und es berührt mich immer wieder, wie sich Menschen aus verschiedenen Kulturen mit meiner Arbeit verbinden. Mein Ansatz beruht auf kultureller Wertschätzung. Ich betrachte Mode als ein Mittel, um Empathie, Dialog und Zusammenarbeit zu fördern.
Wie hat sich das Projekt „Free As A Human“ entwickelt?
„Free As A Human“ begann als Modekampagne, um das Bewusstsein für Menschenhandel und moderne Sklaverei in Kenia zu schärfen. Damals sammelten wir durch den Verkauf von Merchandise-Produkten Geld, um eine von „HAART Kenya“ betriebene Unterkunft für Opfer des Menschenhandels zu unterstützen. Inzwischen ist „Free As A Human“ eine in New York City eingetragene gemeinnützige Organisation. Wir sammeln nach wie vor Gelder zur Unterstützung von Bildungsangeboten für Betroffene des Menschenhandels, aber unser Modell hat sich weiterentwickelt. Wir kreieren nun Stücke in limitierter Auflage und arbeiten zum Beispiel mit der italienischen Accessoire-Designerin Benedetta Bruzziches und der Swarovski Foundation zusammen, um die Verkaufserlöse dann in Partnerschaft mit Grassroots-Organisationen in Kenia einzusetzen.
Wie siehst du deine Rolle als Modedesignerin – verstehst du dich als Vermittlerin zwischen den Kulturen?
Meine Wurzeln sind die ethnischen Gruppen der Luo in Kenia und der Sukuma in Tansania. Ich gehöre der Bahai-Religion an, die zur Einheit in der Vielfalt ermutigt, was sich in meiner Arbeit oft zeigt. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Tradition und Weltoffenheit nebeneinander bestehen – mein multikulturelles Erbe hat meine künstlerische Sprache auf jeden Fall stark geprägt. Mode ermöglicht es mir, eine Brücke zwischen persönlicher, nationaler und globaler Geschichte zu bauen. Sie ist zu einem Medium geworden, durch das ich die Spannungen und Harmonien des multikulturellen Lebens erforsche. Ich sehe mich tatsächlich als eine Art kulturelle Mediatorin, die mithilfe von Design sowohl gemeinsame menschliche Erfahrungen als auch die besondere Schönheit bestimmter Kulturen widerspiegelt.

Anyango Mpinga (41) gründete 2015 ihr gleichnamiges Modelabel. Während der „New York Fashion Week“ 2022 wurde sie im Rahmen der „Conscious Fashion Campaign“ als Vorreiterin geehrt.






