Welt im Wandel – Haltung mit Bestand

Bild: FAIRTRADE Österreich-Geschäftsführer Hartwig Kirner zu Gast bei einer Bauernkooperative im Globalen Süden. Foto Naod Lema

Essay von Hartwig Kirner

In einer Welt, die sich rasant verändert, sind Orientierung und Haltung wichtiger denn je. Globale Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit und geopolitische Machtspiele prägen unseren Alltag. Inmitten dieser Entwicklungen wird immer deutlicher: Handel ist nie neutral. Er kann stärken – oder spalten. Um gemeinsam die Zukunft positiv zu gestalten, braucht es Vernunft und Weitblick.

FAIRTRADE zeigt seit mehr als drei Jahrzehnten, dass Handel auf Augenhöhe funktioniert. Dass es Alternativen gibt zu einem System, das oft vom Recht des Stärkeren geprägt ist. Und dass Millionen Konsumentinnen und Konsumenten weltweit bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – mit ihrem täglichen Einkauf, mit ihren Entscheidungen für mehr Gerechtigkeit und gegen kurzfristige Profite auf Kosten anderer.

Wir erleben gerade eine Phase, in der sich alte Muster auflösen. Märkte verschieben sich, Allianzen bröckeln, Rohstoffe und Waren werden zunehmend als Druckmittel eingesetzt. Wer Geld und Macht hat, setzt durch, was ihm nützt. Rücksicht auf andere? Zweckmäßig, aber kein Prinzip.
Doch dort, wo Menschen und Staaten nicht auf Augenhöhe miteinander umgehen, entsteht auf Dauer nichts Gutes. Vertrauen wird zerstört, Abhängigkeiten werden gefährlich – und die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Globalem Süden und Norden vertieft sich weiter.

Wir bei FAIRTRADE glauben an eine andere Logik: an die Kraft von Kooperation, Mitbestimmung und Respekt, an langfristige Geschäftspartnerschaften und Kontinuität statt rascher Profite im Raubtierkapitalismus. „Trade not aid“: Unsere Handelspartnerschaften beruhen auf klaren Regeln, die Beteiligung auf Augenhöhe ermöglichen – und die Bauernfamilien und Beschäftigten im Globalen Süden bei allen Entscheidungen 50 Prozent Mitspracherecht einräumen. Sie gestalten das System, von dem sie langfristig profitieren, laufend mit, sowohl was soziale, ökologische als auch ökonomische Faktoren angeht. Das ist keine Symbolpolitik, sondern gelebte Realität.

Chance in der Krise
Lieferketten sollen nicht nur effizient, sondern auch ausgewogen sein. Wenn Europa sich jetzt neu positioniert, hat es die Chance, sich als verlässlicher Partner zu etablieren: als Kontinent, der seine Werte ernst nimmt, auf Menschenrechte achtet und seine Handelspartner respektiert – egal, von wo sie kommen.

Europa ist der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Welt. Der alte Kontinent kann sich als Bollwerk gegen den tobenden Sturm etablieren und Allianzen festigen oder neu schmieden. Dazu ist aber ein geeinter Auftritt nach außen nötig. Es kann und darf nicht sein, dass wir unsere Standards – bei Umwelt, Tierschutz oder Lebensmittel-
sicherheit – aufgeben. Wir brauchen keine Chlorhühner, kein Hormonfleisch und keine Deals, die auf Kosten von Menschenrechten geschlossen werden. Und wir dürfen uns nicht länger erpressen lassen – weder von autoritären Politikern, Regimen oder Konzernen, die mit Abwanderung drohen.

Hohe Bekanntheit und Vertrauen
Die Menschen in Österreich sehen das ähnlich: Der faire Handel wächst – trotz oder gerade wegen der Krisen. 2024 stiegen beispielsweise die FAIRTRADE-Kakao-Absätze um rund 17 Prozent, auch andere Rohstoffe haben sich erneut positiv entwickelt. Das Vertrauen in glaubwürdige Alternativen ist da. Mehr noch, die Menschen achten genau darauf, wo ihre Lebensmittel herkommen und unter welchen Bedingungen sie produziert werden. Das FAIRTRADE-Siegel kennen hierzulande mehr als 90 Prozent der Menschen und das entgegengebrachte Vertrauen ist beinahe ebenso hoch. Das belegen aktuelle Studien. Jetzt braucht es politischen Mut, dieses Vertrauen weiter zu stärken.

Können Freihandelsabkommen hier eine Lösung sein? Ja – aber nur mit gelebter Verantwortung. Natürlich brauchen wir internationale Abkommen. Freihandel kann ein wirksames Instrument für wirtschaftliche Entwicklung sein – wenn er mit Augenmaß gestaltet wird. Zölle abbauen, Handel vereinfachen, Synergien nutzen: Das ist grundsätzlich gut. Aber es gibt zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen. Jobsicherheit in allen beteiligten Ländern. Soziale Standards, wie existenzsichernde Löhne und Einkommen, Gewerkschaftsfreiheit oder das Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit. Umweltschutz und der Schutz natürlicher Ressourcen. Und nicht zuletzt: Qualitätsstandards, die auch für Kooperativen und Farmen im Globalen Süden realistisch und erreichbar sind.

Wir bei FAIRTRADE vertreten hier eine klare Linie: Regional und biologisch haben Vorrang. Aber wenn Produkte wie Bananen, Kakao oder Kaffee nicht in Österreich wachsen, dann sollten sie zumindest nachhaltig und unter fairen Bedingungen erzeugt werden. Denn globale Verantwortung endet nicht an der Landesgrenze – und echte Nachhaltigkeit hat immer auch eine soziale Dimension.

In einer Zeit, in der Druck oft als politische Methode eingesetzt wird, in der Märkte nervös reagieren und langfristige Partnerschaften untergraben werden, zeigt FAIRTRADE: Es geht auch anders. Der faire Handel steht für eine Wirtschaft, die nicht auf Ausbeutung, sondern auf Respekt aufbaut. Für Zusammenarbeit statt Spaltung. Für Stabilität durch Gerechtigkeit. Das ist keine Utopie, sondern täglicher Alltag für knapp zwei Millionen Menschen weltweit, die vom fairen Handel in den Ursprungsländern bereits profitieren – und Millionen Konsumentinnen und Konsumenten in Österreich, die bewusst Verantwortung übernehmen.
In Zeiten des steigenden politischen und gesellschaftlichen Drucks braucht es Vernunft und Weitblick. Dafür stehen wir, dafür steht FAIRTRADE. 
fairtrade.net

Hartwig Kirner (geboren 1969 in Niederösterreich) ist seit 2007 Geschäftsführer von FAIRTRADE Österreich. Zuvor war er unter anderem bei Hewlett Packard Österreich als Leiter des Produktmanagements sowie bei Gillette in leitenden Positionen in Frankfurt und Wien tätig. Frühere Stationen führten ihn zu Coca-Cola Österreich und Procter & Gamble im Bereich Marketing und Vertrieb. Er studierte Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien mit den Schwerpunkten Warenhandel und Marketing.


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