Ja, wir alle
Foto Jeff Mangione
Wird über Fake News und fehlende Medienkompetenz gesprochen, geht es oft um Jugendliche. Das Thema ausschließlich bei den Jüngeren zu belassen, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Von Naz Küçüktekin
Seit mehr als drei Jahren bin ich regelmäßig in Schulen unterwegs, gebe Workshops, spreche mit Schülerinnen und Schülern über Fake News und darüber, wie man sie entlarven kann. Ich zeige ihnen dabei die Techniken und Werkzeuge, die sie dafür benötigen.
Was ist eigentlich eine Quelle? TikTok ist keine, ein konkreter TikTok-Account mit nachvollziehbarer Urheberschaft hingegen schon. Eine gute Quelle nennt den Autor oder die Autorin, das Veröffentlichungsdatum und die Herkunft der Information. Solche Angaben helfen einzuordnen, wie glaubwürdig Inhalte sind. Auch das Vergleichen von Quellen ist zentral: Wer sich nicht nur auf eine Perspektive verlässt, sondern verschiedene Blickwinkel betrachtet, erkennt schneller blinde Flecken und Widersprüche. Ein oft übersehener, aber entscheidender Hinweisgeber ist das Datum. Veraltete Informationen können bei aktuellen Debatten schnell in die Irre führen. Und wie überprüft man die Herkunft eines Bildes? Etwa durch eine Rückwärtssuche: Dazu lässt sich das Bild per Rechtsklick direkt über die Google-Bildersuche überprüfen oder über Dienste wie „TinEye“ oder „Google Lens“ hochladen. So zeigt sich schnell, wo das Bild ursprünglich verwendet wurde und ob es dort vielleicht in einem ganz anderen Zusammenhang stand.
Das sind alles Fragen, die Jugendliche nach einem meiner Workshops lernen sollten zu stellen und zu beantworten. Zumindest hoffe ich das. Wirklich daran zu glauben, fällt mir jedoch schwer. Realistisch gesehen ist es wohl naiv anzunehmen, dass Menschen nach einem zwei- bis dreistündigen Input ihr Medienverhalten und ihre bisherigen Gewohnheiten grundlegend ändern.
Immer mehr Jugendliche informieren sich über soziale Medien – und immer weniger können dort verlässlich einschätzen, was wahr ist und was nicht. Laut einer OECD-Umfrage vergleichen nur 60 Prozent der österreichischen Jugendlichen Quellen. Nur sechs von zehn überprüfen, ob die verbreiteten Informationen wirklich richtig sind.
Das wichtigste Werkzeug gegen Fake News
Bei Letzterem liegt für mich der entscheidende Punkt, den ich auch immer wieder in meinen Workshops wahrnehme: Wenn es um soziale Medien geht, fehlt nicht nur die Kompetenz, sondern oft auch das Wissen über Handlungsmöglichkeiten sowie das grundsätzliche Selbstverständnis des Hinterfragens. „Bleibt stets kritisch, glaubt nicht alles, was ihr lest, seht oder hört. Überprüft es am besten immer selbst“, lautet das Mantra, das ich regelmäßig betone. Das wichtigste Werkzeug gegen Fake News und Desinformation ist und bleibt der eigene Verstand, der in der Lage ist, Inhalte kritisch zu überprüfen.
Dass zumindest etwas davon hängen bleibt und der eine oder die andere bei einem mulmigen Gefühl vielleicht doch an das denkt, was eine Journalistin in einem Workshop gezeigt hat, ist die einzige wirkliche Hoffnung, die ich habe. Und ich halte sie für begründet.
41,2 Prozent haben Schwierigkeiten
Denn Medienkompetenz bedeutet Übung und das ständige Erinnern daran, dass Fake News und Desinformation real sind. Das gilt für Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Diese werden in Diskussionen rund um Fake News in der öffentlichen Debatte oft nicht berücksichtigt. Dabei sind sie ebenso Leidtragende. Fast jeder beziehungsweise jede kennt im Bekannten- oder Verwandtenkreis jemanden, der schon einmal Falschnachrichten aufgesessen oder in Verschwörungstheorien abgedriftet ist (wir erinnern uns an Corona) – oder war schon selbst betroffen. Laut dem „Reuters Digital News Report“ geben 41,2 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher an, Schwierigkeiten zu haben, bei Online-Nachrichten Fakten von Falschmeldungen zu unterscheiden.
Der Kampf gegen Desinformation kann nicht nur in Schulen oder mit Jugendlichen, von Lehrkräften und Journalisten und Journalistinnen, die gerne Workshops geben, geführt werden. Er ist vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die alle Lebensbereiche durchdringen muss – von der Schulbank bis hin zum Stammtisch und Familienessen.
Naz Küçüktekin ist seit 2018 als Journalistin tätig. Seit 2023 arbeitet sie als freie Journalistin. Sie ist Organisationsmitglied des Netzwerks „Klimajournalismus Österreich“ und Teil des „FYI-Kollektivs“. Mit den Vereinen „Lie Detectors“ und „Digitaler Kompass“ ist sie als Medientrainerin regelmäßig an Schulen unterwegs, um über Fake News aufzuklären.






