Ein Gespräch mit Voodoo Jürgens
Voodoo Jürgens im Café am Heumarkt, Wien. Foto Ian Ehm
Von Wolfgang Paterno
Voodoo Jürgens ist ein Multitalent: Der Wiener singt, malt und schauspielert. Ein Gespräch über Optimismus, Paradeiser und die Frage, ob es noch Wunder gibt.
Herr Jürgens, wäre Wien ohne Wienerinnen und Wiener, wie der Dichter Georg Kreisler einst behauptete, tatsächlich herrlich?
Voodoo Jürgens: Das Meckern, wie Kreisler es gemeint hat, verstehe ich. Wien ist interessant, so wie es ist, mit allem, was es hat, was es nicht hat. Das Urwienerische verschwindet natürlich zusehends, weil viele unterschiedliche Ethnien zusammenkommen, was Wien als Stadt wiederum gut meistert. Der grantelnde Wiener geht langsam in Pension.
War Wien jemals eine Weltmetropole des Grantelns?
Das Bild der Stadt als Grantler-Hochburg hat einen wahren Kern. Kreislers Wien war das der 1960er und 1970er Jahre – damals waren die Leute dort sicher anders drauf.
Den grantigen Kellner müsste man inzwischen mit der Lupe suchen?
Na ja. Der ließe sich sicher noch aufstöbern. Es wäre aber zugleich albern, sich auf die Suche nach Klischees zu machen. Das Gerichtsurteil über vorgeblich unfreundliches Personal wird von den Besucherinnen und Besuchern inzwischen bekanntlich umgehend über die sozialen Medien gefällt.
War Ihnen der Sound des Grantelns von Kindesbeinen an vertraut?
Es war der Spruch meiner Eltern und deren Freunden, den ich als Jugendlicher übernahm. Witzigerweise fand es meine Mutter überhaupt nicht gut, dass ich so stark Dialekt redete. Mit 15, 16 trieb ich mir das Reden im Dialekt dann regelrecht selbst aus, weil es in meinem damaligen Freundeskreis verpönt war. Als Sprache fand ich den Dialekt immer interessant, weil er mir die Möglichkeiten bot, mich auszudrücken.
In Wien kauft man bekanntlich keine Tomaten, sondern Paradeiser. Bei welchen Wörtern steigert sich das Wienerische noch in fantastischen Wohlklang?
Mich interessiert alles zwischen Pantscherl und Wickel. Zwischen Seitensprung und handgreiflicher Auseinandersetzung.
Für viele sind Sie derzeit der Inbegriff des Wienerischen.
Ich muss es ja nicht sein. Es kann nerven, wenn man am Abend ausgeht. Das alles hat mit dem Wienerischen an sich aber wenig zu tun, eher mit einer gewissen Öffentlichkeit, in der man steht. Genau darüber habe ich mit Willi Resetarits geredet: Er erzählte mir, dass er als Kunstfigur Ostbahn-Kurti bisweilen das Problem hatte, nicht mehr unterscheiden zu können, was er selbst, was die Rolle war, die er spielte. Er war sicher nicht 24 Stunden am Tag der Rock ’n’ Roller, der ganze Nächte lang durchsäuft.
Und Sie selbst?
Ich muss mich nicht verdrehen oder in irgendwas reinkippen. Als Figur auf einer Bühne kann ich natürlich auf mein Image noch mal draufsteigen und übertreiben.
Sind Sie fünf Minuten nach dem Aufstehen bereits Voodoo Jürgens?
Es kann lästig sein, dass viele Leute in einem nur den Musiker sehen wollen. Ich male und stehe als Schauspieler auf der Bühne und vor der Kamera. Werde ich in diesen Rollen dann auch als der Musiker Voodoo Jürgens gesehen? Ich brauche den Rollenwechsel, um auf neue Ideen zu kommen. Ich will nicht immer die gleiche Nummer schreiben, muss mich selber entwickeln. „Bleib, wie du bist“, der so lieb wie freundschaftlich gemeinte Rat kommt bei mir durchwachsen an: So, denke ich mir dann, komme ich nicht weiter.
Sie waren Friedhofsmitarbeiter, arbeiteten im Sexshop, machten eine Zuckerbäckerlehre. Man hätte Ihre Biografie nicht besser erfinden können.
Konditor wollte ich überhaupt nie werden. Das geschah aus der Not heraus, weil ich ungern in die Schule ging und schlechte Noten hatte. Schule war Qual. Ich war immer mehr Hof- als Schulkind. Jobs wie Tischler und Automechaniker interessierten mich nie. Konditor jedoch, so die damalige Einschätzung meiner Familie, das wäre vielleicht etwas. Mit 15 stand ich also in der Backstube – und wusste vom ersten Tag an, dass nichts daran passt. Im dritten Lehrjahr brach ich die Ausbildung ab.
Sonst würden Sie heute vielleicht Sachertorten und Punschkrapferl auf den Tisch zaubern.
Seinen Lebenslauf kann man sich sicher aussuchen. Einiges davon geschieht aber einfach – was im Nachhinein lustig, interessant, vielleicht unglaubwürdig erscheint. Damals wurde ich ohne viel Federlesens in die Konditorlehre gesteckt. Es war das erste Mal, dass mir der Gedanke kam: Was will ich von meinem Leben? Es kann nicht sein, dass ich jeden Tag mit Welthass aufstehe.
Vom Dramatiker Ödön von Horváth stammt der Satz: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ Einverstanden?
Ich finde den Satz interessant, würde ihn aber in einem Buch vermutlich nicht unterstreichen. Ich würde gerne mehr zu dem kommen, was ich mir vorstelle.
Noch ein Horváth-Satz: „Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist.“
Das Leben ist einfacher als Optimist. Wenn ich mich aber so umschaue, fällt es mir schwer, optimistisch zu bleiben. Man muss die Dinge benennen dürfen, die „oarsch“ sind.
Ein Sänger, der mit Ihnen eine gewisse Namensähnlichkeit aufweist, behauptete dagegen: „Immer wieder geht die Sonne auf“.
Der Udo! Ja, mein Gott, das ist ein anderes Fach! Es stimmt natürlich auch, irgendwie und irgendwo. Vielleicht nicht für jeden, aber es scheint doch ermutigend zu sein, dass es immer wieder auch schöne Erlebnisse gibt. Mehr habe ich von meinem Leben nie erwartet. An das Streben nach permanentem Glück glaube ich nicht.
Haben Sie so etwas wie Karriere gemacht?
Schlussendlich ja. Interessanterweise zu einem Zeitpunkt, als ich davon ausging, keine zu machen. Ich war über 30, mit einem Kind, als sich vieles extrem zuspitzte. Die Voodoo-Sache ging dann relativ schnell auf: Auf einmal wurde es doch noch so etwas wie eine Karriere.
Sind Sie ein Gschichtldrucker?
Halb, halb. Es steckt viel Wahres und Privates bei Voodoo Jürgens drin. Es ist aber auch so, dass man sich nicht nur selber aufmachen kann und darf. Erstens will ich das nicht und zweitens glaube ich, dass es nicht sehr spannend wäre.
Wird Ihnen Ihr Erfolg allmählich unheimlich?
Meine Arbeit ist von Erfolg gesegnet, wofür ich dankbar bin. Trotzdem versuche ich, bei mir zu bleiben. Ich bin und bleibe ein scharfer Kritiker meiner selbst, der sich vom Mainstream lieber fernhält. Eigentlich bin ich ganz froh darüber, wo ich gelandet bin und herumdümpele. Dieses ständige Streben nach dem noch Größeren? Überhaupt nicht meins.
Lassen Sie uns zum Abschluss einige jener Weisheiten abklopfen, die in berühmten Popsongs stecken. Wir starten mit der Frage, ob es den perfekten Tag gibt?
Ja, wenn Lou Reed darüber mit Ironie singt. Natürlich gibt es Tage, an denen alles schön ist. Ich kann nicht jeden Tag traurig sein, weil es irgendwo auf der Welt immer „oarsch“ ist.
Katja Ebstein sang darüber, dass es immer wieder Wunder gebe.
Eine schöne Vorstellung. Ich glaube an Zufall. Da kann es immer wieder passieren, dass bestimmte Mechanismen ineinandergreifen und kleine Wunder geschehen. Es kann natürlich auch in die andere Richtung gehen. Man wundert sich eigentlich täglich.
Ist die Liebe eine lange, sich findende Straße?
In der Liebe bin ich nicht so der Experte, im Gegensatz zu den Beatles. Liebe als Begriff allein für das Miteinander von Menschen abzufrühstücken, ist schwierig, weil es bekanntlich verschiedene Formen der Liebe gibt. Liebe zum Alkohol. Liebe zu einem Hund.
Haben Sie mitunter Angst, unterzugehen, so wie sich Bruce Springsteen einst darüber Gedanken machte?
Als die Dinge bei mir ins Rollen kamen, war einer der ersten Gedanken: Ich darf mich nicht zu sehr daran gewöhnen. Der Erfolg, der durchaus ein Hype war, kann schnell wieder zu Ende sein. Drei Dinge wollte ich machen, seit ich 15 war: schauspielern, malen, singen. Auch ohne Erfolg würde ich diese Dinge machen. Schön, wenn es funktioniert. Nur nicht dabei beliebig werden. Mit 60 möchte ich auf keinen Fall mit meinen Uralt-Erfolgen herumtingeln müssen.
Tipp:
Voodoo Jürgens
Poolbar Festival, Feldkirch, 9. Juli 2025, 21.30 Uhr
poolbar.at/programm/voodoo-juergens
Voodoo Jürgens ist ein österreichischer Singer-Songwriter, der 1983 als David Öllerer in Tulln an der Donau geboren wurde – und, wie oft zu lesen ist, zwischen Zuckerbude und Kadaverfabrik, Glasscherbenviertel und Eierspeisbauten aufwuchs. Mit „Ansa Woar“ veröffentlichte er vor knapp zehn Jahren sein gefeiertes Debüt mit im Wiener Gauner- und Beislfiguren-Jargon gehaltenen Liedern. Aktuelles Album: „Wie die Nocht noch jung wor“ (2022). Jürgens singt, malt – und agiert als fulminanter Akteur in Kino und TV: Für die Darstellung des Erich „Rickerl“ Bohacek in „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“ erhielt er 2024 den Österreichischen Filmpreis in der Kategorie „Bester männlicher Darsteller“.






