Barmherzigkeit 2.0
Bild: Weltweit werden viele Lebensmittel nicht rechtzeitig verbraucht und landen dann oftmals im Müll, obwohl gleichzeitig viele Menschen Hunger leiden. Foto Yunus Tuğ, Unsplash
Das kolumbianische Start-up „EatCloud“ leitet in großem Maßstab überschüssige Lebensmittel an bedürftige Menschen weiter und wirkt damit zugleich den ökologischen Auswirkungen des Wegwerf-Irrsinns entgegen. Von Jutta Nachtwey
Es gibt Worte, die mit der Zeit aus der Mode kommen. „Barmherzigkeit“ empfinden viele inzwischen als Anachronismus – obwohl diese heute, in einer Zeit, in der sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet, umso dringender gefragt wäre. Von Hunger sind immer mehr Menschen auch in Überflussgesellschaften bedroht, in denen Tonnen von genießbaren Lebensmitteln vernichtet werden, weil sie nicht rechtzeitig verkauft oder verbraucht werden. Absurd ist dieser Missstand nicht nur in sozialer Hinsicht, sondern auch unter ökologischen Gesichtspunkten – denn das Wegwerfen von Produkten bedeutet eine Verschwendung von Ressourcen und eine unnötige Belastung der Umwelt, die in Zeiten des Klimawandels als ein tatsächlicher Anachronismus erscheint.

Jorge Correa, Juan David Correa, Luis Carlos Correa und Isis Espitia (von links nach rechts) gründeten „EatCloud“, um die Verwertung von Nahrungsüberschüssen auf ein neues Level zu bringen.
Foto EatCloud
Im kleineren Maßstab kämpfen engagierte Menschen weltweit gegen das Wegwerfen von Essen, aber wie lässt sich die Umverteilung auf ein anderes Level bringen? Der Kolumbianer Jorge Correa gründete hierfür zusammen mit seinen Brüdern Juan David Correa und Luis Carlos Correa sowie mit Isis Espitia und Jorge Carpinteyro das Start-up „EatCloud“, eine digitale Plattform für die Weiterleitung überschüssiger Nahrungsmittel. Sie basiert auf künstlicher Intelligenz und generiert in Echtzeit analytische Daten zu den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen der Umverteilung, wodurch sie erhebliche Anreize für Unternehmen schafft, sich daran zu beteiligen.
Die Idee für das Konzept resultierte aus zwei konträren Erfahrungen der Brüder Correa. Ihre Mutter, die sich der Vorschulerziehung gewidmet hatte, gründete nach ihrer Pensionierung eine Schule für Kinder aus einkommensschwachen Familien. Neben dem Unterricht erhielten sie auch zwei Mahlzeiten pro Tag. Was die Brüder am meisten beeindruckte, war zu sehen, wie viele dieser Kinder jeden Freitag traurig nach Hause gingen, weil sie wussten, dass sie am Wochenende nichts zu essen bekommen würden.
Die Brüder gründeten später die erste kolumbianische Firma für Apps mit mobilfunkbasiertem Datenaustausch und unterstützten dann große Lebensmittelunternehmen bei der Automatisierung des Vertriebs. Dabei lernten sie das Problem der Überschüsse kennen, das für die Foodbranche mit hohen Logistikkosten verbunden ist. Beide Erfahrungen ergaben zusammen betrachtet ein paradoxes Szenario – Mangel versus Überfluss. Dies inspirierte sie dazu, „Eat-Cloud“ zu gründen und mithilfe digitaler Tools die Umverteilung von Nahrungsmitteln voranzutreiben.

Zahlreiche Unternehmen aus der Foodbranche spenden über „EatCloud“ Produkte, die dann von sozialen Organisationen an finanziell Benachteiligte verteilt werden.
Foto EatCloud
Der Ablauf ist für alle Beteiligten unkompliziert. Die Spender, darunter Hotelketten und Supermärkte, können ihre unverbrauchten Produkte in der App angeben. „EatCloud“ sucht dann KI-unterstützt geeignete Zielorganisationen – basierend auf Parametern wie Verbrauch, Standort und spezifische Merkmale der zu versorgenden Menschen – und macht die Nahrung für sie in der App verfügbar. Die sozialen Organisationen, darunter Tafeln, Stiftungen und kirchliche Einrichtungen, holen die Lebensmittel direkt bei den Spendern ab und verteilen sie anschließend weiter. Dabei wird in der App jeder Schritt im Detail bestätigt. Neben den sozialen Organisationen sind weitere Akteure in das Netzwerk eingebunden: Unverbrauchtes, das für die menschliche Ernährung nicht geeignet ist, wird für den Tierverzehr und industrielle Zwecke zur Verfügung gestellt.
Abgestimmt auf die jeweiligen Bedürfnisse der Unternehmen gibt es verschiedene „EatCloud“-Lizenzen. Die kostenlose Version ermöglicht die Nutzung der App und die Abholung der Produkte, wobei deren Verfolgbarkeit garantiert ist. Die Premium-Lizenzen bieten zusätzlich wertvolle Analysedaten für das Überflussmanagement und die Nachhaltigkeitsberichte. Hierfür erhalten die Firmen Zugang zu personalisierten ESG-Dashboards, die ihr Engagement für „Environmental, Social and Corporate Governance“ messen, indem sie in Echtzeit die Mengen der verteilten Lebensmittel, die sozialen Auswirkungen und die CO₂-Einsparungen aufzeichnen. Letztere ergeben sich dadurch, dass Treibhausgase unterbunden werden, die bei Transport und Vernichtung ungenutzter Nahrung entstanden wären. Im Gegensatz zu anderen Lösungen, die auf ungenauen Schätzungen oder Prognosen basieren, generiert die Plattform verifizierbare Informationen auf Grundlage konkreter Fakten und lässt keinen Spielraum für Greenwashing.
Für die beteiligten Unternehmen ergeben sich durch die Kooperation verschiedene finanzielle Vorteile. Basierend auf den Echtzeitdaten können sie ihre Produktions- und Logistikprozesse analysieren und anpassen, wodurch sie die Effizienz steigern und Verluste reduzieren können. Außerdem entfallen für sie die Lagerungs-, Transport- und Entsorgungskosten für die überflüssigen Produkte, und sie können durch die Sachspenden Steuerabzüge geltend machen.
Die gute alte Barmherzigkeit erhält also dank „EatCloud“ ein wirkungsvolles Update, denn sie zahlt sich nun wortwörtlich aus. Ganz so, als leuchteten plötzlich die ersten drei Buchstaben des Begriffs verheißungsvoll auf: BARmherzigkeit. Die vermeintlich kirchenstaubbedeckte Tugend wird mit digitalen Tools blank geputzt und erscheint als ein willkommener Nebeneffekt zeitgemäßer Unternehmensstrategien. Nebenbei bemerkt ist die katholische Kirche inzwischen ohnehin nicht mehr so verstaubt: Auf der „EatCloud“-Website sieht man etwa, wie zwei Nonnen in weißem Habit mit absoluter Routine per Smartphone über die App Essen für Bedürftige organisieren.

Das Start-up kooperiert zum Beispiel auch mit Ordensschwestern, die per „EatCloud“-App Essen für Bedürftige organisieren.
Foto EatCloud
Das Start-up hat sich einen Dreifachnutzen zum Ziel gesetzt: „Während wir Firmen dabei helfen, Geld zu sparen, stillen wir den Hunger und helfen dem Planeten.“ Seit der Gründung 2019 wurden dank „EatCloud“ insgesamt 46.000 Tonnen Nahrung gespendet – was 104 Millionen Mahlzeiten ent-
spricht – und 40 Millionen Dollar gespart,
während sich der CO₂-Ausstoß um 109 Tausend Tonnen reduzierte. Inzwischen ist das Team auch in Mexiko und Ecuador tätig und steht kurz vor dem Beginn neuer Pilotprojekte in Lateinamerika (Costa Rica, Uruguay und Guatemala), in Afrika (Sambia und Elfenbeinküste) sowie in Europa (Serbien, Spanien, Portugal und Italien). Bis zum Jahr 2030 will „EatCloud“ in 50 Ländern auf allen fünf Kontinenten aktiv sein. Bleibt zu hoffen, dass auch Österreich möglichst bald dazugehört und dabei mitwirken kann, Überflüssiges dorthin zu bringen, wo es am dringendsten gebraucht wird.






