20 für 2 Millionen
Bild: „SchloR“ bietet auch viel Freiflächen, die individuell und gemeinschaftlich genutzt werden. Foto SchloR
In einer schnell wachsenden Stadt wie Wien ist das Thema bezahlbarer Räume stets ein viel diskutiertes. Wer lebt wo, zu welchen Preisen und unter welchen Bedingungen? Und wie viel Mitbestimmung ist dabei für den einzelnen Menschen möglich? Die Architektin, Stadtplanerin und Lehrende Gabu Heindl arbeitet und forscht zu diesen Fragen und fordert die Möglichkeit zur Teilhabe für die ganze Bevölkerung einer Stadt. Ein gelungenes Beispiel dafür: das Projekt „SchloR“ in Wien-Simmering. Von Harald Triebnig
Vor knapp zwei Jahren war es so weit. Wien hatte wieder die 2-Millionen-Marke an Einwohnerinnen und Einwohnern überschritten. Vor dem Ersten Weltkrieg war dies bereits der Fall, im Jahr 1910 erreichte die Stadt mit 2,08 Millionen Menschen ihren Höchststand. Aber besonders am Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt die österreichische Bundeshauptstadt als schrumpfende und alternde Metropole. Doch seit Ende des vergangenen und mit Beginn des 21. Jahrhunderts änderte sich das drastisch. Nach dem Fall der Berliner Mauer und durch die EU-Erweiterungen rückte Wien von einer europäischen Randlage ins Zentrum eines geeinten Europas. Seit 1989 ist die Zahl der Wienerinnen und Wiener um eine halbe Million gewachsen.
Wo wohnen?
Dass Wohnraum dabei immer knapper wird, ist nachvollziehbar. Und dass die Preise sowohl im Mietsektor als auch für Eigentum dadurch steigen, ist der kapitalistischen Logik geschuldet. Und auch wenn in Wien im Jahr 2025 fast 10.000 neue Wohnungen errichtet werden, bedeutet das nicht, dass es genug leistbaren Wohnraum für alle Menschen gibt. Daran ändert auch die lange Tradition des sozialen Wohnbaus – für den die Stadt weltweit bekannt ist – nichts. Die Architektin und Stadtplanerin Gabu Heindl leitet ein Architekturbüro in Wien und forscht und lehrt an der Universität Kassel. Sie hat einen differenzierten Blick auf das, was viele europäische Städte an Wien beneiden: „Wien kann im Bereich des sozialen Wohnbaus auf eine einzigartige Historie zurückblicken, die ihre Anfänge im Roten Wien hat. Welche Verpflichtungen aus solch einer Geschichte entstehen, ist vielen handelnden Personen in der Stadt klar. Gleichzeitig gibt es aber Faktoren, die Menschen von dem System ausschließen – egal, ob es Zugangsbedingungen über das Wiener Wohn-Ticket im Gemeindebau oder der Eigenmittelbedarf im gemeinnützigen Genossenschaftsbau sind.“ Theoretisch ist es so, dass rund 80 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner Wiens die Voraussetzungen für den Bezug einer Wohnung im Sozialbau erfüllen. Faktisch ist es aber so, dass es für 30 Prozent von ihnen keine geeignete Wohnung in diesem Bereich gibt.
Recht, nicht Pflicht
Zu kritisieren ist aber nicht nur die nicht ausreichende Zahl der leistbaren Wohnungen, auch Mitgestaltungsmöglichkeiten für Bewohnerinnen und Bewohner sucht man im geförderten Wohnbau oft vergebens, ebenso wie hybridere Ansätze, die Arbeiten und Wohnen kombinieren. „Ich sehe da in Wien einen lang gepflegten Top-down-Ansatz. Es ist also eher ein Versorgen der Menschen, als dass man sie selbst aktiv mitsprechen und -gestalten lässt“, sagt Gabu Heindl. Auch wenn ein Mehr an Selbstbestimmung wünschenswert ist, so sollte es laut der Architektin aber keinen Zwang dazu geben: „Nicht jeder, nicht jede kann oder will sich engagieren. Auch ohne Eigeninitiative muss in einer Stadt gewährleistet sein, dass es eine anständige Wohnung in einer guten Wohngegend für diese Menschen gibt.“
In den vergangenen Jahren sind doch auch in Wien immer mehr Wohnformen entstanden, bei denen Mitsprache nicht nur eine Möglichkeit ist, sondern die Voraussetzung für das Funktionieren der Konzepte. Baugruppen etablieren sich, Vereine und Genossenschaften werden gegründet und ganze Syndikatsstrukturen wachsen. Die Möglichkeit zur Teilhabe ist dort oftmals schon in der Planungs- und Entstehungsphase der Gebäude gegeben. Eine weitestgehende Selbstorganisation ist dabei am besten in Baugruppenprojekten möglich. Um Teil eines solchen zu sein, brauchen die Menschen aber Zeit, Wissen und Information. Bedingungen, die wieder nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung erfüllt werden können. Niederschwelliger sind Projekte wie „SchloR“ im 11. Wiener Gemeindebezirk, zu dessen Planung und Umsetzung Gabu Heindl entscheidend beigetragen hat.

Große Stadt in Kleinem
„SchloR“ („Schöner leben“) ist ein Ort für selbstverwaltetes Arbeiten und Wohnen. Im Juni 2019 konnte eine Gruppe engagierter Menschen durch die Unterstützung von zahlreichen Direktkrediten ein ehemaliges Zirkustrainingsgelände in der Rappachgasse 26 erwerben. Durch die Überführung des Grundstücks in einen bestehenden Dachverband („habiTaT“) wurde das Gelände dauerhaft dem Immobilienmarkt entzogen und zu Gemeingut gemacht. „Mir als Architektin ist es ein großes Anliegen, an solchen Projekten mitzuwirken, die nicht marktorientiert sind“, erklärt Heindl. Das „SchloR“-Grundstück liegt zwischen Bahndamm, Fiakerhof und Kfz-Werkstätten, und nur wenige Minuten trennen es von S- und U-Bahn-Stationen. Von Beginn an war klar, dass das 3.100 Quadratmeter große Gelände viel Raum für die rund 20 Kollektivmitglieder bieten würde, also der verfügbare Platz für viele weitere Nutzerinnen und Nutzer geöffnet wird. Dafür wurden zwei Betriebe gegründet: „CRAP“ und „TRAP“. Während sich „CRAP“ um die entstandenen Bandproberäume, das Tonstudio, den Veranstaltungs- beziehungsweise Seminarraum, die Werkstatt und Ateliers kümmert, betreut „TRAP“ die rund 500 Quadratmeter große und bis zu acht Meter hohe Halle. Diese bietet der zeitgenössischen Zirkusszene eine der raren Übungsmöglichkeiten, speziell für Luftakrobatik.

Gabu Heindl ist Architektin, Stadtplanerin und Aktivistin in Wien sowie Professorin und Leiterin des Entwurfs- und Forschungsbereichs „ARCHITEKTUR STADT ÖKONOMIE | Um Bauwirtschaft und Projektentwicklung“ an der Universität Kassel.
Ihr Büro „GABU Heindl Architektur“ beschäftigt sich mit öffentlichem Raum, öffentlichen Gebäuden, Gemeinnützigkeit und nicht-marktförmigem Wohnungsbau sowie mit Kooperationen in den Bereichen Geschichtspolitik und kritischer künstlerischer Praxis.
Foto Katharina Gossow
So kann es gehen
Für Gabu Heindl ist „SchloR“ mehr als ein Betriebs- und Wohnort für die 20 Menschen der Stammgruppe. Für sie ist es ein gutes Beispiel dafür, wie auch eine Stadt mit 2 Millionen Menschen funktionieren könnte. „Wir haben bei dem Projekt möglichst nachhaltig gearbeitet: ökologisch und ökonomisch. Wir haben viel Altbestand genutzt, den Neubau mit Holz errichtet, einen alten Brunnen reaktiviert, Beton und Asphalt durch versickerungsfähige Pflastersteine ersetzt, eine Photovoltaik-Anlage am Hallendach errichtet und vieles mehr.“ So soll das Gelände mit seinen Werkstätten, dem Zirkuszentrum und den Ateliers allen Nutzerinnen und Nutzern eine langfristige Perspektive bieten, egal, ob sie dort arbeiten, wohnen oder das Gelände nur temporär nutzen. Und auch die soziale Komponente der Nachhaltigkeit wurde berücksichtigt: „Das gefällt mir an ‚SchloR‘ am besten, dass es ein wirkliches Arbeits- und Wohnumfeld geworden ist – mit vielen verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten für ganz unterschiedliche Menschen.“
schlor.org






