Vom Faden zur Plattform

Bild: Borre Akkersdijk im „The Social Hub“ Eindhoven. Foto Moritz Fietje Stehle

Der niederländische Designer Borre Akkersdijk hat sich schon immer für die Herstellung von Garnen und Stoffen interessiert. 2015 gründete er das Textilunternehmen „BYBORRE“, mit dem er neue Wege für mehr Nachhaltigkeit beschritt. „BYBORRE“ entwickelte eine digitale Plattform, um seine Lieferkette offenzulegen und den Design- und Fertigungsprozess zu demokratisieren. Als Gast der „Vienna Design Week“, die ihren diesjährigen Fokus auf Textilien legt, wird der vielfach ausgezeichnete Designer über seine Ideen für einen Wandel der Branche sprechen.
Von Nicole Scheyerer

Herr Akkersdijk, wie kamen Sie zur Gründung Ihres Unternehmens „BYBORRE“?
Borre Akkersdijk: Textilien am und um den Körper haben mich schon immer sehr fasziniert. Schließlich werden wir gleich nach unserer Geburt in Stoffe gewickelt, und es ist das Material, das wir in unserem Alltag am häufigsten verwenden. Mittlerweile bin ich seit über 18 Jahren in der Textilbranche tätig. Bereits während meiner Schulzeit habe ich in Fabriken gearbeitet und mich für deren Webmaschinen interessiert. Aber in den letzten Jahren meiner Designausbildung fokussierte ich mich auf das Stricken, insbesondere auf das Stricken mit Rundstrickmaschinen in großen Stückzahlen.

Rundstrickmaschine, „BYBORRE“ – Studio & Knit Lab.

Foto Jordi Huisman

Diese Maschinen erzeugen nahtlose Strickwaren, wodurch kaum Materialverlust entsteht. Hat Sie deren Steuerung durch Computer interessiert?
Ja, denn die Textilproduktion ist generell immer noch sehr wenig digitalisiert. Durch meine Recherchen verstand ich, wie die Software funktioniert und wie man sie hacken beziehungsweise umschreiben könnte. Ich habe mich gefragt: Wie können wir alle Schritte entlang der Lieferkette transparent machen? Wie können wir daraus ein System entwickeln? Und wie können wir dieses System digitalisieren? „BYBORRE“ ist heute ein Textilunternehmen, dessen digitale Open-Source-Plattform alle nutzen können, um die eigene Ästhetik mit Textilien zu gestalten.

Wie funktioniert das?
Wenn Sie unsere Website besuchen und ein Konto erstellen oder den Konverter nutzen, können Sie Ihr Textil noch heute entwerfen, produzieren und innerhalb von einer Woche ein Muster erhalten. Das war vor Jahren noch undenkbar. In diesem Sinne haben wir diesen Teil der Branche wirklich verändert und demokratisiert.

Sie stellen also „on demand“ her, um Überproduktion zu vermeiden?
Ja, wir sind heute ein Unternehmen, bei dem man mittels digitalem Tool einfach bestellen kann. Wir haben einen Marktplatz aufgebaut, auf dem einerseits Kreative mit ihrem eigenen Stil Textilien entwerfen können und andererseits Marken, Architektur- oder Inneneinrichtungsbüros Stoffe in großem Maßstab bestellen können. Alle unsere Materialien haben eine verantwortungsbewusste, transparente Lieferkette und seit jeher einen Produktpass mit den diesbezüglichen Informationen. Wir waren immer sehr transparent in Bezug auf unsere Arbeit und darauf, woher unsere Materialien kommen. In Europa werden ab 2027 digitale Produktpässe eingeführt. Unser Textilpass war in Brüssel eines der Vorbilder dafür, wie man so einen Pass erstellen kann.

Wie schaffen Sie es, Nachhaltigkeit in Ihrer Lieferkette zu garantieren?
Zunächst einmal kontrollieren wir unsere gesamte Lieferkette und unterhalten direkte Beziehungen zu allen Beteiligten. Wir kennen also alle unsere Garnlieferanten und wissen genau, woher die Fasern stammen. Wir arbeiten direkt mit den Maschinenherstellern zusammen und testen deren Originalmaschinen in den Fabriken. Um eine transparente Lieferkette zu beanspruchen, muss man meiner Meinung nach jeden einzelnen Schritt genau kennen und verstehen, wo man produziert und was man herstellt.

Ihr Unternehmen hat Finanzspritzen von Investoren erhalten. Was erwarten die von „BYBORRE“?
Unsere Investoren sind fast alle Impact-Investoren. Ihnen war wichtig, dass wir etwas schaffen, das skalierbar und für alle Marken zugänglich ist. Das war auch der Grund, warum wir gesagt haben: „Okay, lasst uns nicht nur für uns selbst produzieren, sondern öffnen wir uns.“

Für die „Milano Design Week“ 2023 haben Sie die Ausstellung „The Elephant in the Room“ konzipiert. Was war das offensichtliche Problem, das alle sehen, aber nicht ansprechen?
Die Textilherstellung ist die zweitgrößte Umweltverschmutzungsindustrie. In Mailand war es uns wichtig, den gesamten Prozess von der Faser bis zum Endprodukt zu zeigen, auch mit den Maschinen, und ebenso die Zusammenarbeit mit den Endmarken, die unsere Textilien verwenden. Wir hatten also Möbelfirmen, die ihre Produkte präsentierten, aber auch Vorträge von Designerinnen und Designern. Im Vordergrund stand, dass Textilien mehr als nur eine Auswahl im Designprozess sind. Es sollten nicht alle wieder nur das fertige Produkt betrachten und sagen: „Oh ja, ich mag diesen Stuhl“ oder „Ich mag ihn nicht“.

Wie ließe sich die Einstellung der Konsumentinnen und Konsumenten zu Textilien verändern?
Generell konsumieren wir alle viel zu viel. Weniger zu tun, ist der einzige Weg zur Verbesserung. Aber dafür muss man die Menschen überzeugen, eine stärkere Beziehung zu dem Produkt aufzubauen, das sie kaufen. Nur dann nutzt man es wirklich und wirft es nicht einfach weg. Es kann viel cooler sein, etwas zu reparieren, aufzubewahren und eine Geschichte über seine Herkunft zu erzählen, als etwas Neues zu kaufen.

Diese Wegwerfmentalität kennzeichnet die sogenannte „Fast Fashion“, die vielen Leuten als die einzig erschwingliche Mode erscheint.
Wenn man sich die Produktkosten insbesondere bei Kleidung ansieht, so ist die Distanz zwischen uns als Verbraucherinnen und Verbrauchern und den Herstellern viel zu groß. Nur ein sehr kleiner Anteil der Kosten entfällt auf das Material und ein noch kleinerer Teil auf die Produktion. Am teuersten sind der weltweite Versand und schließlich die Margen der Marke und der Läden. Aber es gibt Marken, die ohne Zwischenhändler direkt verkaufen, und dort bekommt man deutlich mehr Produkt für sein Geld. Ich verstehe, dass es heute nicht mehr überall Ateliers für Kleidung geben kann, aber es existieren viele kleine Marken, die tatsächlich sehr verantwortungsvolle und erschwingliche Kleidung herstellen könnten. Das Problem sind die großen Türsteher in der Lieferkette, die den Zugang zu Garn- und Textilfabriken erschweren.

Wie lässt sich Textilproduktion nachhaltiger gestalten?
Die Herstellung von Textilien ist schon ewig globalisiert und auch aus diesem Grund eine der undurchsichtigsten und zersplittertsten Branchen. Wenn wir den Textilproduzenten einen direkteren Zugang zu den Designerinnen und Designern ermöglichen, können wir sicherstellen, dass wir als Nutzende nicht alle Gatekeeper dazwischen bezahlen müssen. Bei „BYBORRE“ sind wir genau dieses Problem angegangen. 
byborre.com


VIENNA DESIGN WEEK

September – 5. Oktober 2025, Wien
viennadesignweek.at


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