Es werde Licht – nicht!
Bild: Das Projekt „Licht für Vielfalt“ wird im Zuge der „Klima Biennale Wien“ umgesetzt. Natalia Stundova
Wenn die Nacht nie ganz dunkel wird, verändert das mehr als nur unseren Blick auf den Himmel. Lichtverschmutzung prägt urbane Räume, beeinflusst ökologische Kreisläufe und stellt gängige Vorstellungen von Sicherheit und Fortschritt infrage. Der Künstler und Forscher Adam Hudec setzt sich in seiner Arbeit mit den oft übersehenen Auswirkungen künstlichen Lichts auseinander. Mit dem Projekt „Licht für Vielfalt“ gehört er – und das Dusts Institute – zu den Gewinnern des Wettbewerbs „Making Spaces 2025“ der Wirtschaftsagentur Wien.
Von Harald Triebnig
„Im vergangenen Jahr konnte ich einige Wochen in den slowakischen Bergen verbringen und dort an einem Ort leben, wo die Nacht noch wirklich dunkel ist. Für eine kurze Zeit konnte ich die Sterne klar sehen – etwas, das in Wien zu einer seltenen Erfahrung geworden ist, wenn auch nicht völlig unmöglich. Ich musste an die Nächte der Perseiden denken und an meine Versuche, sie von den Hügeln oberhalb von Wien aus zu beobachten. Von dort blickt man auf die Stadt hinunter, die unter einem konstant leuchtet. Selbst in klaren Nächten erschwert dieses diffuse Licht es, mehr als nur ein paar Meteore zu sehen. Der Himmel ist da, aber nie vollständig zugänglich.“
Wenn Adam Hudec von der Idee für das Projekt „Licht für Vielfalt“ spricht, das er gemeinsam mit Natalia Stundova und Antonia Autischer (Dusts Institute) geplant hat, klingt es recht romantisch. Dabei ist das Gegenteil der Grund für die Auseinandersetzung mit dem Thema Lichtverschmutzung. „Dieser allmähliche Verlust der Nacht – nicht dramatisch, nicht plötzlich, sondern beständig – ließ mich nicht los. Er wurde zu einem der Gründe, warum ich mich entschloss, mich über das Dusts Institute, das von mir mitgegründete Forschungsstudio, einer weiteren Dimension urbaner Verschmutzung zu widmen“, erzählt der gebürtige Slowake. Während seiner Recherche wurde Hudec schnell klar, dass Lichtverschmutzung ein politisch sensibles Thema ist. Sie ist eng mit Fragen von Sicherheit und Inklusion im öffentlichen Raum verbunden. Historisch wurde künstliche Beleuchtung eingesetzt, um Städte sicherer, kontrollierbarer und nach Einbruch der Dunkelheit besser zugänglich zu machen. Diese historischen Assoziationen prägen bis heute das Denken über Beleuchtung. Gleichzeitig zeigen empirische Studien, dass eine Erhöhung der Lichtintensität nicht automatisch zu mehr Sicherheit führt und dass jenseits eines bestimmten Schwellenwerts mehr Licht oft nur geringe oder gar keine messbaren Auswirkungen auf die Kriminalitätsprävention hat.
Mehr und mehr
„Es geht darum, zu hinterfragen, wo Licht wirklich notwendig ist und wo es hauptsächlich als Überbleibsel historischer Konventionen fortbesteht“, erklärt der Künstler. Gleichzeitig gab es enorme Fortschritte im Bereich des Lichtdesigns selbst. Dank LED-Technologien ist Beleuchtung deutlich energieeffizienter, langlebiger und präziser geworden. Eine einzelne Lichtquelle kann heute sehr gezielt einen bestimmten Abschnitt einer Straße oder eines öffentlichen Raums beleuchten, ohne unnötiges Streulicht zu erzeugen. Trotzdem nimmt weltweit gesehen die Gesamtmenge an künstlichem Licht weiter zu, weil günstigere und effizientere Beleuchtung häufig zu insgesamt mehr Beleuchtung führt – ein Phänomen, das als Rebound-Effekt bekannt ist. Satellitendaten zeigen, dass die künstlich beleuchtete Außenfläche der Erde weiterhin um etwa zwei Prozent pro Jahr wächst. Adam Hudec bringt in diesem Punkt die künstlerische Forschung ins Spiel: „Wir müssen uns fragen, was bedeuten Lichter für andere Menschen in der Stadt?! Die künstlerische Praxis erlaubt es uns, komplexe Umweltfragen auf eine Weise anzugehen, die nicht auf Daten, Regulierung oder technische Optimierung beschränkt ist. Sie schafft Situationen, in denen Menschen diesen Themen direkt begegnen können – durch Wahrnehmung, Atmosphäre und persönliche Erfahrung.“

Adam Hudec
Foto Peter Marek
Die Arbeit des Dusts Institute fokussiert vor allem darauf, Situationen der Aufmerksamkeit zu schaffen. Durch subtile Veränderungen des Lichts, durch das Einladen der Menschen in die Nacht und durch das erneute Sichtbarmachen nächtlichen Lebens wollen die Künstler und Künstlerinnen Wahrnehmungen verschieben. Kunst wird so zu einem Werkzeug des Innehaltens, des Wahrnehmens und des Hinterfragens von Gewohnheiten, die sonst als selbstverständlich gelten. Langfristige Monitoring-Programme in Mitteleuropa zeigen, dass die Biomasse fliegender Insekten in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen ist – in manchen Regionen um mehr als siebzig Prozent. Während Lebensraumverlust, Pestizide und Klimawandel die Hauptursachen sind, wird künstliches Licht bei Nacht zunehmend als zusätzlicher Belastungsfaktor erkannt, insbesondere für nachtaktive Arten. Nachtaktive Insekten, wie Nachtfalter, sind wichtige Indikatoren für die Vitalität von Ökosystemen. Forschungen zeigen, dass künstliche Beleuchtung das Verhalten von Nachtfaltern bereits bei sehr niedrigen Lichtstärken stören kann, teils unter zehn Lux, was mit gängigen Straßenbeleuchtungsbedingungen vergleichbar ist.
Projekt für die Klima Biennale
„Diese Beobachtung war einer der Gründe, warum wir uns entschieden haben, ein Projekt für die Klima Biennale 2026 in Wien zu entwickeln, das sich auf nächtliche Biodiversität und die Auswirkungen von Lichtverschmutzung konzentriert“, sagt Hudec. Bei „Licht für Vielfalt“ geht es nicht darum, zu behaupten, dass die Lichtverschmutzung in Wien außergewöhnlich hoch sei. Nach bestehenden Bewertungen schneidet die Stadt im Vergleich zu vielen anderen urbanen Zentren sogar relativ gut ab. Wien hat bereits Maßnahmen wie abgeschirmte Leuchten und teilweise nächtliche Abschaltungen in Parks eingeführt, die helfen, unnötige Lichtemissionen zu reduzieren, ohne das subjektive Sicherheitsgefühl wesentlich zu beeinträchtigen. „Wir wollen aber zeigen, wie alltägliche urbane Infrastruktur Organismen wie Nachtfalter und andere nachtaktive Insekten beeinflusst – oft ohne dass wir es bemerken.“
Während der Klima Biennale verwandelt das Dusts Institute einen der vielen Wiener Parks temporär in einen Ort nächtlicher Biodiversität. Durch eine Intervention wird gezielt die Wellenlänge der bestehenden Parkbeleuchtung verändert. Speziell entwickelte optische Filter werden an den vorhandenen Straßenlampen angebracht. Diese Filter blockieren selektiv kurzwellige Anteile des Lichts, insbesondere ultraviolettes und blaues Licht, von dem bekannt ist, dass es bei Nachtfaltern deutlich stärkere Anziehungs- und Aktivitätsreaktionen auslöst. Längere Wellenlängen wie rotes Licht bleiben erhalten, können jedoch von den meisten Insekten nicht wahrgenommen werden, weil ihnen die entsprechenden visuellen Rezeptoren fehlen.
„Dann werden wir eine Reihe von nächtlichen Workshops direkt im Park organisieren, die rund um die Intervention stattfinden“, so Hudec. Und weiter: „Im Rahmen der Workshops arbeiten wir mit einer wissenschaftlichen Methode, dem sogenannten Lichtfang.“ Dabei wird ultraviolettes Licht in Kombination mit einer weißen Stofffläche temporär eingesetzt. Das zieht nachtaktive Insekten an, die sich dem Licht nähern und auf der Fläche landen, wodurch sie sichtbar werden, ohne dass sie berührt oder gesammelt werden müssen. Die Methode ermöglicht es, selbst sehr kleine und ansonsten kaum wahrnehmbare Arten sichtbar zu machen. Im Kontext des Projekts fungiert der Lichtfang sowohl als Forschungstechnik als auch als öffentliches Lernformat. Gemeinsam mit einer Expertin oder einem Experten beobachten, bestimmen und diskutieren die Teilnehmenden der Workshops die verschiedenen Insektenarten.
Durch die Integration des Lichtfangs in einen öffentlichen Kunstkontext verbinden die Workshops wissenschaftliches Wissen mit verkörperter Wahrnehmung. Die Methode wird zu einem Werkzeug der Bewusstseinsbildung, das es den Teilnehmenden ermöglicht, Insekten nicht als anonymem Hintergrundleben zu begegnen, sondern als individuellen Arten mit spezifischen Formen, Bewegungen und ökologischen Rollen. „Viele dieser Organismen sind winzig, leicht zu übersehen und dennoch essenziell für urbane Ökosysteme. Sie sichtbar zu machen – selbst nur vorübergehend –, hilft, die Aufmerksamkeit auf Lebensformen zu lenken, die zunehmend gefährdet und schützenswert sind“, ist Adam Hudec überzeugt.
Dusts Institute
Das Dusts Institute ist ein interdisziplinäres Forschungs- und Gemeinschaftsprojekt, das 2020 in Wien von Adam Hudec, Duha Samir und Tomáš Tichomirov gegründet wurde. Das Institut bringt Menschen aus den Bereichen Architektur, Umweltaktivismus und Wissenschaften zusammen, um das Bewusstsein für Umweltfragen zu schärfen und nachhaltige Praktiken zu fördern. dustsinstitute.org
Klima Biennale Wien
Die Klima Biennale Wien kehrt im Frühjahr 2026 mit ihrer zweiten Ausgabe zurück.
Als transdisziplinäres Festival an der Schnittstelle von Kunst und Klima setzt sie starke Impulse für Klimagerechtigkeit und eine lebenswerte Zukunft für alle. biennale.wien






