Wenn die Natur aus dem Takt gerät

Bild: Stephan Kuss und Veronika Hackl. Foto Susanne Einzenberger

Auch in ihrer zweiten Ausgabe setzt die „Klima Biennale Wien“ auf die Kraft der Kunst, um ökologische Fragestellungen zu verhandeln. Unter dem Titel „Unspeakable Worlds“ eröffnet das Festival emotionale Zugänge und neue Perspektiven auf zentrale Themen wie den Verlust von Biodiversität und Lebensräumen, alternative Formen des Zusammenlebens und Fragen der Klimagerechtigkeit. Kunst wird dabei nicht nur als Spiegel, sondern als aktives Denk- und Erfahrungsinstrument verstanden. Als Festivalzentrum fungiert das KunstHausWien mit den Ausstellungen „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“, die Samen als Grundlage allen Lebens in den Fokus rückt, sowie „I Wish We Had More Time“, kuratiert von Veronika Hackl und Stephan Kuss vom KunstHaus in Zusammenarbeit mit dem „Institute of Queer Ecology“.

Von Nicole Scheyerer

Wer oder was ist das „Institute of Queer Ecology“?
Stephan Kuss: Das „Institute of Queer Ecology“ (IQECO) ist ein interdisziplinäres Kollektiv aus den USA. Es befindet sich ständig im Wandel und agiert bei jedem seiner kollaborativen Projekte in neuer Konstellation. Im Kern betreiben es die beiden Kunstschaffenden Lee Pivnik und Nicolas Baird, die es 2017 gegründet haben.

Veronika Hackl: Es ist zwar kein wissenschaftliches Institut, aber sie spielen bewusst mit diesem Begriff und sagen, dass sie mit Mimikry arbeiten. Diese Art von Imitation kennt man als Überlebensmechanismus aus der Natur. Als „Institut“ infiltriert das IQECO rigide Systeme und versucht, queere Theorie in Umweltstrukturen zu integrieren.

Wie würden Sie queere Ökologie definieren?
Stephan Kuss: Das ist im Kern die Verbindung von Queer-Theorie und ökologischer Kritik. Man kann es sich wie zwei Linsen vorstellen, die sich an einem Punkt überschneiden. Zum Beispiel stellt queere Ökologie die Begriffe „natürlich“ und „unnatürlich“ infrage, ebenso eine anthropozentrische Sichtweise auf die Umwelt. Sie macht auch sichtbar, dass das, was wir als Natur begreifen, längst viel queerer ist, als gesellschaftliche Normen es darstellen.

Veronika Hackl: „Queer Ecology“ denkt über binäre Gegensatzpaare hinaus, weicht die Grenzen auf, damit sie durchlässiger werden. Statt Mensch und Natur oder Mensch und Tier getrennt zu betrachten, rückt sie die wechselseitigen Abhängigkeiten und Symbiosen in den Vordergrund. Zum Beispiel besteht der Mensch aus ganz unterschiedlichen Mikroorganismen, Bakterien und so weiter. Wenn man sich das bewusst macht, verfließt die Grenze zwischen mir und meiner Umwelt. Es geht auch viel um einen erweiterten Begriff von „Care“, also um Fürsorge, darum, wie wir mit der Natur umgehen.

Der Titel der Schau „I Wish We Had More Time“ spricht die Frage der Zeit an. Liegt darin eine gewisse Schwermut?
Stephan Kuss: Ja, schließlich geht es um Verlust auf mehreren Ebenen. Beim Thema Zeit geht es wesentlich um die Zyklen der Erde. Die natürlichen Abläufe werden durch menschliche Eingriffe und Klimaveränderungen asynchron. Die Phänologie beschäftigt sich mit den periodisch wiederkehrenden Entwicklungserscheinungen von Pflanzen und Tieren im Jahresverlauf. Sie zeigt etwa, wie die Symbiose von Feige und Wespe gestört wird. Normalerweise schlüpfen und gedeihen die Wespen, wenn die Feigen blühen. Das Insekt bestäubt dann die Feigenblüte und legt seine Eier hinein. Durch den Klimawandel setzt der Frühling jedoch früher ein, sodass die Feigen schon blühen, bevor die Wespen schlüpfen. Das bedeutet einen doppelten Verlust, denn der Wespe fehlt der Ort für ihre Eier, sie bestäubt nicht – und so entsteht keine Frucht.

Wie ist die Ausstellung aufgebaut?
Veronika Hackl: Neben ökologischen Themen liegt ein starker Fokus auf queerer Geschichte, gesellschaftlichen Brüchen und deren Folgen. Das IQECO bezieht sich dabei unter anderem auf die AIDS-Krise als eine Zeit großer persönlicher und historischer Verluste, aus der zugleich neue Formen von Gemeinschaft hervorgingen, etwa die sogenannten „chosen families“. Diese selbst gewählten Verbindungen zeigen, wie Fürsorge, Tradition und ein erweitertes Verständnis von Familie auch jenseits klassischer Strukturen weitergegeben werden können, besonders in Zeiten des Verlusts. Solche Disruptionen spiegeln sich auch auf persönlicher Ebene wider. Der dritte Schwerpunkt der Schau liegt deshalb auf den menschlichen Relationen, auch auf Liebesbeziehungen: Was passiert, wenn zwei Systeme, die lange aufeinander abgestimmt waren, auseinanderdriften?

Stephan Kuss: Als zentrale Installation wird es in der Mitte des Raums eine Art bewegliche Planetenmaschine geben. Sie ist zugleich Skulptur und Denkmodell für all die Inhalte, die wir ansprechen. Dieser mechanische Organismus wird also die drei thematischen Ebenen symbolisieren und Zeit als etwas Nicht-Lineares, Wiederkehrendes und Zyklisches darstellen.

Auf welche Weise kommen die unterschiedlichen Exponate zusammen?
Veronika Hackl: Das IQECO hat über 50 Kunstschaffende und Forschende aus ganz unterschiedlichen Disziplinen für Beiträge zur Ausstellung eingeladen. Wir haben daneben noch lokale Positionen ausgewählt, die wir gerne integrieren möchten. Es wird auch Beiträge wie eine Soundmeditation oder Textarbeiten geben, ebenso spielt Geruch in der Schau eine Rolle. Mit der Zusammenführung aller Erzählstränge soll darüber hinaus ein „Archiv des queeren Verlusts“ entstehen, eine groß angelegte queere Kosmologie.

Fällt es nicht schwer, so viele unterschiedliche Beiträge kuratorisch unter einen Hut zu bekommen?
Stephan Kuss: Wir nennen unsere Arbeitsweise „offenes Kuratieren“, also ein Kuratieren mit offenem Ende. Veronika und ich verstehen unsere Ausstellungen auch nicht als „fertig“, wenn sie eröffnet sind. Vielmehr arbeiten wir mit Begleitprogrammen wie Workshops daran, die Inhalte immer wieder neu zu aktivieren. Das macht es spannend.


Klima Biennale Wien
„Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ und
„I Wish We Had More Time“
Im KunstHausWien
9. April bis 10. Mai 2026
biennale.wien


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