„Solar Sharer“: Australien in sonniger Schenklaune
„Down Under“ schreibt Energiegeschichte: Weltweit erstmals sollen Millionen Haushalte täglich drei Stunden lang kostenlosen Strom beziehen können. Theoretisch eine gute Idee, aber bei der praktischen Umsetzung hakt es noch …
Von Doris Neubauer
Mit durchschnittlich 2.800 Sonnenstunden pro Jahr ist Australien prädestiniert für Solarenergie. Mehr als vier Millionen Photovoltaikanlagen auf Hausdächern versorgen inzwischen jeden dritten Haushalt. Anfang 2025 deckte Solarstrom rund 12,8 Prozent des nationalen Verbrauchs. Bis 2030 sollen 82 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen stammen, gleichzeitig will das Land seine Treibhausgasemissionen um mindestens 43 Prozent senken.
Um Klimaziele und steigende Strompreise zugleich anzugehen, setzt die Labor-Regierung von Premierminister Anthony Albanese auf ein weltweit neuartiges Angebot: das „Solar Sharer Offer“ (SSO). Ab Juli 2026 müssen Netzbetreiber in New South Wales, Südost-Queensland und Südaustralien ihren über 13 Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern täglich drei Stunden kostenlosen Strom anbieten – unabhängig davon, ob Haushalte selbst über Solaranlagen verfügen. Voraussetzung sind lediglich ein smarter Stromzähler und eine aktive Anmeldung. Auch in Miete und in Wohnungen Lebende sollen so erstmals direkt von Solarstrom profitieren.
Der Gedanke dahinter ist schlüssig: Durch die massive Solarstromproduktion fallen die Großhandelspreise in der strahlungsintensiven Mittagszeit regelmäßig unter null. Statt diese Energie zu verschwenden, sollen Haushalte ihren Verbrauch gezielt in diese Zeit verlagern und etwa E-Autos, Waschmaschinen oder Klimaanlagen betreiben. Das entlastet das Netz, senkt Abendspitzen und reduziert den Bedarf an teuren Kraftwerken und Netzausbauten. Laut Analysen des US-Ministeriums für Energie, Umwelt und Klimaschutz könnte ein Einpersonenhaushalt so rund neun Prozent Stromkosten sparen. Das entspricht je nach Nutzung bis zu 1.100 US-Dollar pro Jahr.
Kostenlos für Kundinnen und Kunden – teuer für Versorger
„Prinzipiell ist das Konzept gut“, sagt Carl Kitchener, Kommunikationsmanager des „Australian Energy Council“ (AEC), des Dachverbands der Strom- und Erdgasunternehmen. Tatsächlich bieten einige Anbieter ihren Kundinnen und Kunden bereits freiwillig Gratis-Zeitfenster an. In der verpflichtenden Form des SSO wittert der Branchenverband jedoch unnötige Risiken für Verbrauchende und Betreibende gleichermaßen. Denn Strom mag für Nutzerinnen und Nutzer kostenlos sein – die Kosten in der Lieferkette bleiben bestehen. Netzentgelte, Absicherungsverträge und Betriebskosten laufen weiter, während Einnahmen wegfallen.
„Solange die Netztarife nicht parallel reformiert werden, entsteht eine strukturelle Schieflage“, warnt Kitchener. Die Folge könnten höhere Preise außerhalb der Gratisstunden oder steigende Grundgebühren sein. Besonders kleinere Anbieter könnten unter dem finanziellen Druck leiden und zum Marktaustritt gezwungen werden.
Hinzu kommt ein soziales Ungleichgewicht: Am meisten profitieren Haushalte mit E-Autos, Batteriespeichern oder flexiblen Tagesabläufen und damit meist einkommensstärkere Gruppen. Wer seinen Verbrauch nicht verlagern kann, riskiert hingegen steigende Kosten. Ohne klare Nutzungsgrenzen droht eine Quersubventionierung zulasten weniger flexibler Haushalte.
„Verpasste Chance“
Auch technisch ist das Modell riskant. Wenn Millionen Geräte punktgenau zum Start der Gratisstunden anspringen, drohen abrupte Lastspitzen. Besonders Warmwasserboiler und Batteriespeicher könnten Spannungseinbrüche oder Gerätestörungen verursachen. „Einige Netzbetreiber kämpfen schon heute mit der Einspeisemenge“, so Kitchener. Ohne intelligente Steuerung leidet am Ende die Nutzererfahrung – und das Vertrauen.
„Wir befürchten, dass das Angebot überhastet auf den Markt gebracht werden wird“, brachte AEC-Geschäftsführerin Louisa Kinnear die Kritik in einer Aussendung auf den Punkt. Mit mehr Zeit für die Einführung, klaren sozialen Zielen und angepassten Netzentgelten könnte das Programm tatsächlich breiten Nutzen stiften. In seiner jetzigen Form hingegen sei „Solar Sharer“ eine „verpasste Chance“.






