Mein Wunsch
Von Bernhard Kathan
Ein Café um die Ecke
Ich kaufe Fleisch in einer kleinen Metzgerei. Ganz abgesehen davon, dass das hier angebotene Fleisch von Bauern der Umgebung stammt oder man bestens auf die Zubereitung eingestimmt wird, kann man, vor einer Vitrine stehend, in der neben vielem anderen noch Schweinsfüße, Kalbszungen oder Lammnieren liegen, dem Metzger dabei zusehen, wie er mit gekonnten Bewegungen das gewünschte Fleisch kunstfertig herrichtet. Kaufen wir vakuumiertes Fleisch in einem Supermarkt, dann bietet sich dieses nach dem Öffnen der Verpackungsfolie als bluttriefender Klumpen dar. Hier dagegen haben wir es mit gut abgehangenem Fleisch zu tun, das seine ganze Struktur zeigt. Während dort alles stumm ist, wird hier gesprochen, kommentiert, oft auch erzählt. Der Metzger trägt keine Plastikhandschuhe, weiß er doch, dass solche wenig mit Hygiene, viel dagegen mit jenem Unbehagen zu tun haben, das mit heutigen Produktionsformen einhergeht. Ich wünsche mir, dass diese kleine Fleischhauerei erhalten bleibt. Es wird aber nur eine Frage der Zeit sein, und dann wird auch dieses Geschäftslokal leer stehen.
Als ginge es nur um eine kleine Fleischhauerei! Da diese für viele vergleichbare Geschäfte oder Gastbetriebe steht, ist die Verödung des öffentlichen Raumes zu beklagen. Auf den eigenen Vorteil bedachte Konsumentinnen und Konsumenten wissen nicht mehr um das Potenzial des Naheliegenden. Nach ökonomischen Kriterien organisierte Gefüge setzen – angefangen bei der Produktion bis hin zum Konsum – auf größtmögliche Entmischung. So lassen sich Reibungsverluste, wie wir sie etwa aus der Subsistenzwirtschaft kennen, weitgehend reduzieren. Allerdings fallen andere Kosten an, die zumeist unerwähnt bleiben. Es mag einfacher und kostengünstiger sein, sich im Internet mit Büchern, Kleidern oder Lebensmitteln einzudecken, aber man trägt dadurch zur Verödung des eigenen Umfelds bei.
Man mag es beklagen, aber es ist weder aufzuhalten noch rückgängig zu machen. Bestenfalls findet sich da oder dort noch das eine oder andere Beispiel, das zeigt, welche Qualitäten in der Betonung des unmittelbaren Umfelds liegen. Meinen Tag beginne ich damit, dass ich mich in ein Café setze und Zeitung lese. Da können Besserverdienende neben Menschen aus unteren Einkommensschichten sitzen, Stammgäste neben solchen, die es zufällig in dieses Café verschlagen hat, Psychoanalytiker neben Straßenkehrern, junge Studierende neben älteren Menschen. Unterschiedliche Sprachen sind zu hören. Nicht selten kommen hier Menschen, die sich nicht kennen, in ein Gespräch, und sei es, dass jemand einem anderen Gast einen Teil der Zeitung überlässt, die er gerade liest. Man muss nicht einer Meinung sein. Es gibt kein Zurück in eine tauschbasierte Gesellschaft, wohl aber sind Räume möglich, die einer doch recht bunt zusammengewürfelten Gesellschaft gerecht werden. Solche wünsche ich mir. Und natürlich, dass mir Anna Maria Popos Nähe noch länger erhalten bleibt.
Bernhard Kathan, geboren 1953 in Fraxern, Vorarlberg. Lebt und arbeitet als Künstler, Kulturhistoriker und Autor in Innsbruck. Seine künstlerischen Projekte verstehen sich in der Regel als Eingriffe in soziale Felder.






