Neue Formen der Gewalt

Foto Jeff Mangione

Immer mehr Fälle machen deutlich: Der virtuelle Raum ist kein Nebenschauplatz mehr, sondern ein Tatort – mit realen und tiefgreifenden Folgen für Betroffene.
Von Naz Küçüktekin

„Du hast mich virtuell vergewaltigt.“ Seit ich diesen Satz zum ersten Mal gelesen habe, geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht kommt er Ihnen ebenfalls bekannt vor. Der Satz stammt von Collien Fernandes und fiel in einem Beitrag des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“.

Darin spricht die deutsche Moderatorin über ihre jahrelangen Erfahrungen mit Hass und Belästigung im Netz. Sie berichtet unter anderem davon, dass Deepfake-Pornomaterial von ihr existiert und über Fake-Accounts, die vorgeben, sie zu sein, über Jahre hinweg verbreitet wurde – teilweise sogar an ihr näheres Umfeld. Sie schildert ihren langjährigen Kampf, diese Inhalte nicht nur zu unterbinden, sondern auch herauszufinden, wer dahintersteckt. Im „Spiegel“-Beitrag gab Fernandes außerdem erstmals öffentlich an, inzwischen zu wissen, wer maßgeblich dafür verantwortlich ist: ihr eigener Mann, Vater der gemeinsamen Tochter.

Es ist grauenvoll und widerwärtig, was Collien Fernandes von dem Menschen angetan wurde, der ihr am nächsten stand.

Kein persönlicher Einzelfall
Dieser Fall erzählt nicht nur von einer persönlichen Tragödie. Er steht exemplarisch für eine Entwicklung, die weit über den Einzelfall hinausgeht: Digitale Technologien haben neue Formen der Gewalt hervorgebracht – Formen, die ohne körperliche Nähe auskommen und dennoch tief in die Intimsphäre eingreifen.
Deepfake-Pornografie ist dafür ein besonders drastisches Beispiel. Was technisch betrachtet eine Manipulation von Bildmaterial ist, bedeutet für die Betroffenen einen massiven Übergriff. Denn hier wird nicht nur ein Bild verändert – es wird eine scheinbare Realität erzeugt, die sich der Kontrolle der Betroffenen entzieht. Eine Realität, in der ihr Körper verfügbar gemacht wird, ohne dass sie je zugestimmt hätten.

Das Entscheidende ist dabei nicht, ob das Gezeigte „echt“ ist. Entscheidend ist, dass es als echt wahrgenommen werden kann. Dass es in Umlauf gebracht wird – gezielt, wiederholt, oft mit der Absicht zu demütigen. Genau darin liegt die Gewalt: in der Herstellung und Verbreitung einer erzwungenen Intimität.

Das Internet ist kein straffreier Raum. Aber es ist ein Raum, in dem sich Gewalt verändert hat. Sie ist dort weniger sichtbar, weniger greifbar und wird gerade deshalb oft verharmlost. Was online geschieht, galt lange als weniger ernst, als weniger folgenreich. Als etwas, das man ausblenden könne.

Folgen sind real
Doch das ist ein Irrtum. Denn die Folgen sind real. Sie treffen Menschen in ihrem Alltag, in ihrem beruflichen Umfeld, in ihren Beziehungen. Sie untergraben Vertrauen, beschädigen Selbstbilder und lassen sich nicht einfach abschütteln. Was einmal digital verbreitet wurde, verschwindet nicht. Es bleibt auffindbar, reproduzierbar, jederzeit reaktivierbar. Wenn solche Inhalte nicht irgendwo im anonymen Raum bleiben, sondern im eigenen Umfeld auftauchen – am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis –, dann wird aus digitaler Gewalt eine zutiefst soziale Realität.

Auch rechtlich zeigt sich, wie schwer greifbar diese Form der Gewalt noch immer ist. Zwar kennt das österreichische Strafrecht Tatbestände wie Cybermobbing oder den Schutz des eigenen Bildes. Doch Deepfakes sprengen diese Kategorien. Sie sind weder klassische Fälschung noch bloße Belästigung, sondern eine technisch erzeugte Form der Entblößung, für die bestehende Regelungen oft nicht ausreichen. Während auf europäischer Ebene bereits an strengeren Vorgaben für künstliche Intelligenz gearbeitet wird, zeigt sich im Alltag der Betroffenen, wie groß die Lücke bereits ist.


Naz Küçüktekin ist seit 2018 als Journalistin tätig. Seit 2023 arbeitet sie als freie Journalistin. Sie ist Organisationsmitglied des Netzwerks „Klimajournalismus Österreich“ und Teil des „FYI-Kollektivs“. Mit den Vereinen „Lie Detectors“ und „Digitaler Kompass“ ist sie als Medientrainerin regelmäßig an Schulen unterwegs, um über Fake News aufzuklären.


Teilen auf:
Facebook