Mein Wunsch
Foto August Bisinger
Von Markus Köhle
Karussellpferde statt Polizeipferde! Wunschkrapfen statt Punschkrapfen! Wunschkrapfen sind außen hui und innen huiwui. Wunschkrapfen wollen angebissen werden. Wunschkrapfen sind Gold wert. Das Problem ist nur: Wunschkrapfen gibt es nicht. Aber in der Fantasie ist alles möglich. Mein Möglichkeitssinn ist bestens geschult. Ich lebe von Fantasie, Fiktion, Vorstellungen. Und Wünsche sind auch nichts anderes als Vorstellungen. Was ich mir alles vorstelle, geht auf keine Kuhhaut! Ich wünsche mir, dass sich Redewendungen wie „das geht auf keine Kuhhaut“ auch im KI-Zeitalter halten, dass wir Redewendungen hinterfragen und wissen wollen, woher sie kommen. Es schadet nicht zu wissen, dass im Mittelalter geglaubt wurde, der Teufel würde die Sünden der Menschen auf Tierhaut notieren, um sie beim Jüngsten Gericht gegen sie zu verwenden. Und eine Kuh hat viel Haut und ja, wir Menschen haben viele Sünden, Fehler, Laster, Fantasien, Vorstellungen und Wünsche.
Mein Wunsch ist, dass mir die Wünsche nie ausgehen. Zu große Wünsche sind meist naiv. Zu große Strümpfe bringen auch nichts, machen nur Blasen. Ich wünsche mir, stets über meine Blasen hinauszusehen. Wie das gelingt? Richtig: mit Neugier und Fragen. Wenn die Wünsche aller Menschen in Erfüllung gingen, ginge es der Welt dann besser? Wenn die Wünsche aller Menschen in Erfüllung gingen, ginge es der Welt/uns/mir dann besser/schlechter/gleich?
Gut, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. Denn vor den Wünschen vieler Landsleute fürchte ich mich. Wünsche sind an sich positiv besetzt, aber schaut man sich an, was Menschen, die sich jeden Wunsch erfüllen können, mit ihrer Macht und ihrem Geld machen, wird einem schlecht. Ich wünsche mir/uns, dass mir/uns die Fragen nie ausgehen. Denn Fragen zu stellen, ist besser, als auf alles immer gleich eine Antwort parat zu haben. Oder etwa nicht? Ich frage mich ja so allerhand:
Ob wir kränker oder nur empfindsamer sind als früher? Ob Katzensilberschimmer für immer Kindheitserinnerungen wachrufen wird? Ob die Kindheit ein Spielplatz oder ein Schlachtfeld ist? Ob eine Dosierampel wirklich zur Verkehrsverringerung beiträgt? Ob KI wirklich so viel Energie braucht wie ganz Japan? Ob Flitterwochen ein Heiratsprivileg sind oder ob alle einmal flittern dürfen? Ob man ein Schweißperlhuhn essen kann? Ob Schafwollpellets Brenngut oder Tierwohl bedeuten? Ob die Geldwäschemeldestelle das sauberste Amt ist? Ob Ewigkeitschemikalien wirklich in keinem Haushalt mit Pfannen fehlen dürfen? Ob ein disruptiver Zeitgeist, einmal der Flasche entfleucht, nicht mehr zurück- und kleinzukriegen ist? Ob du, wenn du nicht mehr weißt, was du bist, automatisch Transhumanist bist? Ob im Neuen nur das Fremde zu sehen, Blindheit oder Dummheit ist? Ob das Da-wo-ich-herkomm das Da-wo-ich-hinkam bestimmte und ob das Da-wo-ich-hinkam dem Da-wo-ich-hinwollte entspricht?
Letzteres habe ich versucht, im Buch „Arbeiterkind“ zu ergründen, auf dass sich möglichst viele Leserinnen und Leser darin finden.
Markus Köhle, geb. 1975, hat Germanistik und Romanistik in Innsbruck und Rom studiert. Er ist Literaturarbeiter, Sprachinstallateur und Literaturzeitschriften-Redakteur (dum.at). Er co-kuratiert seit 2003 das „Innsbrucker Prosafestival“, moderiert seit 2002 Poetry Slams in ganz Österreich und betreut die Reihe „Retrogranden aufgefrischt“ in der Alten Schmiede in Wien. Im Oktober erscheint im Ritter Verlag sein neues Buch „Arbeiterkind“.






