Anständig bleiben in einer unanständigen Welt

Verena Roßbacher

Hanna Krause, die Protagonistin in Annett Gröschners neuem Roman „Schwebende Lasten“, wird 1913 in Magdeburg geboren und als sie in den Neunzigerjahren dort stirbt, hat sie, wie es im Klappentext zusammengefasst wird, „zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt, hat sechs Kinder geboren und zwei davon nicht begraben können.“

Annett Gröschner
Schwebende Lasten
Roman
282 S., C.H. Beck
ISBN-13-978-3-406-82973-4, 2025


Man kann anhand dieser schlichten Heldin, erst Blumenbinderin und später Kranführerin, viel verstehen von diesem Jahrhundert in Deutschland. Es ist das Leben einer einfachen Frau, das hier erzählt wird, und das kommt tatsächlich in der Literatur nicht so häufig vor. Hanna Krause ist nicht dumm, aber auch nicht gebildet, sie ist unpolitisch, jedoch nicht desinteressiert, sie hat im Grunde ein gutes Herz, aber faktisch kaum Ressourcen, das auch auszuleben. Sie ist „eine vom Volk“, die versucht, halbwegs anständig durchs Leben zu kommen – und das in Umständen, die es einem nicht gerade leicht machen.
Sie hat zu Beginn ihrer Ehe einen Blumenladen im Knattergebirge, dem Armenviertel der Stadt, einer Gegend, die es nach den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg wie den größten Teil der restlichen Stadt nicht mehr geben wird. Auch ihren Beruf gibt es während der Kriegsjahre irgendwann nicht mehr, kein Mensch kauft noch Blumen. Sie wird erst Putzfrau und später Kranführerin bei Krupp, dem metallverarbeitenden Betrieb, bei dem auch ihr Mann, Karl, arbeitet.

Neben der Arbeit, den Kindern und dem Haushalt ist da dieser Ehemann, der die Mühen, die ein solcher Alltag mit sich bringt, eher vervielfacht, anstatt sie zu verringern. Er ist Alkoholiker, verspielt das wenige Geld beim Skat und als er bei einem Arbeitsunfall ein Bein verliert, ist er endgültig keine Hilfe mehr dabei, das gemeinsame Leben zu bewältigen. Einem Zeitvertreib, dem er wiederum mit unverbrüchlichem Eifer nachkommt, ist das Kinderzeugen.


Hanna Krause ist mit fünfundzwanzig das sechste Mal schwanger, hat am Ende ihres Lebens sechs Kinder, diverse Abtreibungen und Fehlgeburten hinter sich und hört erst viel später von einer ihrer erwachsenen Töchter von „fruchtbaren und unfruchtbaren Tagen“ und fragt, was sie damit meine.
Ihr Tag beginnt frühmorgens um halb fünf mit dem Anheizen der Kohleöfen und ist von der ersten Minute an durchgetaktet mit Arbeit, die nie zu enden scheint. Erst irgendwann in den Sechzigerjahren kriegen sie beispielsweise eine Waschmaschine zugesprochen („Vor lauter Stolz konnte sich Hanna auch merken, dass sie zu den 6,2 Prozent Haushalten gehören, die eine eigene elektrische Waschmaschine besitzen.“) – ein Privileg, das nur kinderreiche Arbeiterinnen haben. Bis dahin waren es Ende der Woche sechs Haufen dreckiger Wäsche, die nach der Arbeit im Betrieb von Hand gewaschen werden mussten.
Es ist ein ganz normales Leben in einer sehr schwierigen Zeit, das hier erzählt wird, es erschüttert einen in seiner Härte, in seinen Schicksalsschlägen, in der ungeheuren Resilienz, die seine Protagonistin aufbringt, wenn sie sich immer wieder zurückkämpft aus Situationen, bei denen man mitunter denkt, man würde gut verstehen, wenn sie einfach liegen bliebe.
Was einen beim Lesen zusätzlich bedrückt, ist die Grobheit und Bosheit, die allenthalben herrscht. Das gemeinsame Leid macht die Menschen wahrhaftig nicht freundlicher oder empathischer, ganz im Gegenteil, es nimmt die Häme überhand, die Schadenfreude und die Missgunst. Als Karl ins Gefängnis kommt und Hanna Krause keine Arbeit mehr hat, werden sie vom Vermieter auf die Straße gesetzt – und niemand hilft. Als sie während der Bombardierung mit ihren beiden Kindern versucht, in einem Bunker Unterschlupf zu bekommen, werden sie abgewiesen. Wenn ihr Mann Karl sich nach den weggeworfenen Zigarettenstummeln der Amerikaner bückt und mit seinem einen Bein nicht mehr hochkommt, lachen alle und gehen weiter.


Es sind diese Kleinigkeiten, mitunter Gesten nur, die von Güte zeugen, die in einem Idealfall dafür sorgen, dass man sich in einer Gesellschaft aufgehoben und geborgen fühlt oder eben, wie hier, vollkommen allein. Diese insgesamte Verrohung ist es, die einem sehr nahegeht und einem bleibt, noch lange, nachdem man das Buch weggelegt hat. Und da ist das, worum Hanna Krause sich zeitlebens bemüht, nämlich „anständig zu bleiben“, vielleicht wirklich das Äußerste, was an Menschlichkeit möglich ist.

Teilen auf:
Facebook