„Es braucht eine Zitronensprache“
Bild: 330 unterschiedliche Sorten an Zitrusfrüchten finden sich im Zitrugarten von Michael Ceron. Foto Denise Karis
Von Harald Triebnig
Seit mehr als 30 Jahren widmet Michael Ceron sein Leben den Zitrusfrüchten. In Faak am See (Kärnten) führt er den europaweit einzigen Bio-Zitrusgarten. Von den Tontöpfen über die Bio-Zitruserde (torffrei), Bio-Zitrusdünger bis hin zu den Bäumen selbst ist alles zertifiziert. Dabei geht es ihm nicht nur um den Verkauf seiner Produkte, sondern vor allem um die Vermittlung von Wissen und Geschmack.
Michael Ceron spricht gerne über Zitrusfrüchte: über ihren Geschmack, ihre Farbe, ihren Geruch und ihre unzähligen Verarbeitungsmöglichkeiten. Weniger gerne spricht er über sich selbst und seinen Zitrusgarten: „Die Geschichte habe ich schon so oft erzählt.“ Dabei muss man sagen, sie ist auch sehr erzählenswert: Der elterliche Gärtnereibetrieb war auf den Verkauf von Blumen für die Hotellerie und Gastronomie an den umliegenden Seen spezialisiert, als Michael
Ceron bei einem Toskana-Aufenthalt seine Begeisterung für Zitrusfrüchte entdeckte. Also fing er an, diese privat zu sammeln. Als er einige Zeit später das Unternehmen übernahm, vollzog er einen radikalen Wechsel im Sortiment. „Ich sah wenig Sinn darin, Blumen für eine kurze Saison großzuziehen, die anschließend weggeworfen werden“, erzählt der Kärntner. Also beschloss er, sich auch beruflich den Zitrusfrüchten zu widmen. Nach und nach brachte er Bäume mit neuen Sorten an den Faaker See, entwickelte eigene Erden, die den klimatischen Bedingungen im südlichsten Bundesland gerecht werden, und begann, sein Wissen an Menschen in Workshops weiterzugeben.

Michael Ceron. Foto Ampuls Verlag, Prokop
Verkauf und Vermittlung
Mittlerweile umfasst Cerons Zitrusgarten mehr als 4.000 Quadratmeter. 330 unterschiedliche Sorten an Zitrusfrüchten gibt es zu entdecken – von Speisezitronen über Limetten und Bergamotten bis hin zu Bitterorangen. Rund 5.000 Bäume stehen im Winter in Glashäusern beziehungsweise ab April im Freien und verbreiten nicht nur einen, sondern zig unvergleichliche Düfte. „Die Bio-Zitrusbäume sind unser Hauptgeschäft“, erklärt Ceron. „Wir verkaufen nur jene, die bereits Früchte tragen.“ Neben den Bäumen gibt es auch allerlei Produkte aus und mit Zitrusfrüchten zu kaufen: Marmeladen, Honige, Schokoladen, Liköre und vieles mehr.
Michael Ceron geht es aber nicht nur um den Verkauf seiner Bioprodukte. Er will vor allem Wissen vermitteln. Denn laut ihm hat der Großteil der Menschen keine bis wenig Ahnung davon, was sie essen. „Da haben es die Produzenten leicht, die erfinden einfach irgendwelche Qualitätsbezeichnungen, und schon glauben alle, das Lebensmittel sei gesund.“ Ein Beispiel dafür: „Unbehandelt“. Über den Begriff kann sich der Biobauer sehr aufregen: „Was soll das überhaupt heißen?!“ Viele Supermärkte werben gerade bei Zitrusfrüchten mit diesem Prädikat. Bedeutung hat es jedoch keine. „Unsere Lebensmittelgesetze unterscheiden genau zwei Kategorien: konventionell und bio. Eine ‚unbehandelte‘ Zitrone kann also genauso voll mit Spritzmitteln sein.“
Wissen braucht Forschung
Da es in Österreich generell wenig Wissen zu Zitrusfrüchten gibt, nimmt Michael Ceron die Generierung dessen selbst in die Hand. Gemeinsam mit Dr. Fritz Treiber von der Med Uni Graz und dessen Studenten und Studentinnen forscht er zu unterschiedlichsten Themen. „Haltbarmachung ist ein großes Thema für uns“, erklärt Ceron. Denn die Speisezitrone ist zwar ein Wunder der Obstwelt – sie kann zeitgleich blühen und fruchten –, aber sobald die Frucht vom Baum ist, verdirbt sie sehr schnell. Aktuell frieren
Michael Ceron und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Zitrusfrüchte ein, um sie länger haltbar zu machen. Zeste, Fruchtfleisch und Saft werden händisch voneinander getrennt und vakuumiert eingefroren. „So haben wir den geringsten Geschmacksverlust.“ Die Forschung von Ceron und Treiber setzt aber in noch viel rudimentäreren Bereichen an. „Es braucht eine Zitronensprache“, gibt sich der Zitrusbauer kryptisch. Was das bedeutet? In Mitteleuropa findet man in Supermärkten keine Sortennamen bei den Zitronen. Bei anderen Obstsorten – wie beispielsweise Äpfeln – ist das schon der Fall. „Jeder kennt Granny Smith, Golden Delicious, Topaz und so weiter.“ Außerdem fehlt es an Begrifflichkeiten, die den Geschmack der Zitrusfrüchte beschreiben. „Die Leute sagen: ‚Die Zitrone schmeckt sauer‘, aber mehr nicht“, ärgert sich Ceron. In einer ersten Forschungsphase wurden an der Med Uni Graz Eigenschaften der Zitrusfrüchte bewertet. Nun werden aus der umfangreichen Liste – durch Verkostungen in Kleingruppen – allgemeingültige Werte generiert. So soll die „Zitronensprache“ entstehen, die es den Menschen ermöglicht, den Geschmack der Früchte zu kategorisieren. Eines ist dabei für Michael Ceron schon jetzt klar, die Begriffe müssen eine Bedeutung haben: „Das darf keine Fantasiesprache werden wie beim Rotwein, wo man angeblich überall Heidelbeeren, Nüsse und Schokolade herausschmeckt.“
zitrusgarten.at
TIPP
Michael Ceron
Zitronen: Essbare Freude. Zitrusfrüchte pflanzen, ernten, genießen
148 S., Ampuls Verlag
ISBN-13-978-3-9519818-8-8, 2022






