Der Mensch regelt das

Seit 2001 zeigt Uwe Lübbermann mit dem „Premium-Kollektiv“, dass erfolgreiche Unternehmensführung auch außerhalb der kapitalistischen Marktlogik möglich ist. Derzeit befindet sich das Kollektiv in einer Krise. Die Idee dahinter und seine Vorstellungen der Arbeitswelt lässt sich Lübbermann aber nicht schlechtreden – im Gegenteil.
Von Matthias Köb, Fotos Premium Cola

Wer „Premium Cola“ kennt, hat sie vermutlich schon einmal getrunken. Zumindest kann man nicht durch Werbung auf die Marke aufmerksam geworden sein. Denn während andere globale und internationale Cola-Hersteller gerne mit markigen – auch politischen – Sprüchen das eigene Getränk promoten, verzichtet „Premium Cola“ gänzlich darauf. O-Ton auf der Website: „Werbung lehnen wir konsequent ab, weil diese nicht nur die Produkte verteuert, sondern auch Kundinnen manipuliert und unnötigen Abfall produziert.“ Die Flaschen haben auch kein klassisches Etikett mit Logo oder Ähnlichem – lediglich die gesetzlich vorgeschriebenen Inhaltsstoffe werden darauf angeführt. Das ist aber weit nicht die einzige Besonderheit.

Wenn sich der Job in dein Leben einfügt und du dein Leben nicht um den Job herum bauen musst, steigert das die Produktivität.

Das Unternehmen wurde als „Premium-Kollektiv“ von Uwe Lübbermann gegründet. Seit 2001 werden sämtliche Entscheidungen gemeinsam mit allen Beteiligten nach den Prinzipien der Konsensdemokratie getroffen, es gibt einen Einheitslohn für alle Mitarbeitenden, und lange Zeit gab es nicht einmal Einstellungskriterien – alle, die wollten, haben eine Chance erhalten und konnten zudem das Ausmaß der Arbeitsstunden selbst bestimmen. Auch die Stundenaufzeichnungen wurden nicht kontrolliert. Schriftliche Verträge mit Partnern, Lieferanten und Logistikunternehmen gab es keine, Vereinbarungen erfolgten auf Basis von mündlichen Absprachen und Handschlagqualität.

Lübbermann stammt aus einer Familie mit sehr wenig Geld, begann deshalb schon mit zwölf Jahren, seine eigenen finanziellen Mittel aufzubessern. „Immer wieder schwarz auf der Baustelle, denn legal ging das ja noch gar nicht.“ Dort machte er eine für ihn bis heute wichtige Beobachtung: „Die Eltern der anderen Kinder aus der Schule waren gehobene Mittelschicht. Die haben auf die Handwerker runtergeschaut – ungebildet, können keinen Satz schreiben etc.“, erinnert er sich. Die Maurer auf der Baustelle hätten wiederum spöttisch auf die Anwälte geblickt, das seien ja keine richtigen Männer, die könnten nicht mal einen Nagel in die Wand schlagen. „Und ich habe mich gefragt: Wer hat denn jetzt eigentlich recht? Wer ist die höhere Klasse?“ Schon mit 13 Jahren kam er zum Schluss: „Alle Menschen sollten gleichwürdig sein. Diesen Gedanken lebe ich seither in meinem privaten und beruflichen Leben.“ Angewendet auf das „Premium-Kollektiv“ bedeutet das für ihn: Nur weil er das Kollektiv gegründet hat, heißt das nicht, dass er allein entscheiden kann. Und nur weil er der Inhaber ist, heißt es nicht, dass er Gewinne entnehmen darf. „Denn alle anderen leisten ja genauso einen Beitrag.“

Gerade zu Beginn hörte Lübbermann oft, dass das so nicht funktionieren könne, dass es Hierarchien und Personen mit Entscheidungsgewalt brauche. „Aber das hab ich einfach nicht geglaubt.“ Mit kontinuierlichem und gesundem Wachstum wurde das Kollektiv größer. Die Mitarbeit war jedoch nie an klassische Leistungsparameter gebunden. „Wenn du in einem friedlichen Land geboren bist, am besten als Mann, es dir nicht an Nahrung mangelt, du dich bilden darfst, Freundschaften pflegen und dich entwickeln kannst, dann ist die Chance viel höher, dass du leistungsfähig bist – mental und auch körperlich.“ Als Gegensatz dazu nennt er eine in Syrien geborene Frau, die hungern musste, sich nicht bilden konnte und dann als Geflüchtete in Deutschland ankommt. Seine Conclusio: „Bei den Voraussetzungen für Leistungsfähigkeit ist viel Glück dabei.“
Dass seine Idee von Zusammenarbeit auch in anderen Konstellationen funktionieren kann, beweist Lübbermann seit gut zwei Jahren an der Universität Hamburg, als Community Manager des dortigen Nachhaltigkeitsbüros. Seither können die Mitarbeitenden, für die er zuständig ist, auch dort Arbeitstage und Stundenanzahl frei wählen, selbst entscheiden, welchen Aufgaben sie sich annehmen möchten, oder sich eigenständig neue Aufgaben schaffen. Lübbermann ist überzeugt, dass dieser Ansatz auch in einem eher trägen System wie jenem einer großen Universität umgesetzt werden kann: größtmögliche Freiheit in Bezug darauf, wann und wie gearbeitet wird, maximale Sicherheit im Hinblick auf freie Meinungsäußerung und Fehlerkultur sowie klare Orientierung und gemeinsame Zielsetzung. Formale Hierarchien sollen hingegen nur dann zur Anwendung kommen, wenn es gar nicht mehr anders geht. „Wenn sich der Job in dein Leben einfügt und du dein Leben nicht um den Job herum bauen musst, steigert das die Produktivität“, so Lübbermann. Sein Ziel ist es, diesen Ansatz über die Grenzen seiner Abteilung hinauszutragen und somit dazu beizutragen, dass sich auch andere Abteilungen in diese Richtung entwickeln.

Ebenso ist Lübbermann jährlich beim „Fusion Festival“ („Ich langweile mich schnell, wenn ich nur einen Job habe“) in der Getränke-Logistik tätig. Auch dort kümmert er sich in erster Linie um die Art und Weise, wie gearbeitet wird. In der Halle hängt dann ein großes Transparent mit der Aufschrift „Bitte langsam und vorsichtig arbeiten“ – nicht gerade jener Zugang, den man sich im Logistikbereich eines Festivals mit bis zu 70.000 Fans erwartet. „Früher wurden die Leute dort manchmal rumkommandiert und angebrüllt. Leute anbrüllen ist generell keine gute Idee, aber gerade in einer Umgebung, in der schwere Lasten transportiert werden, ist es doppelt unpassend – und gefährlich.“ Statt Stress zu erzeugen, hat Lübbermann ein sicheres Umfeld geschaffen und Abläufe optimiert. Bei über tausend Paletten mit Getränken sind in diesem Jahr 18 Flaschen zerbrochen. Zudem ist der Bedarf an Lkw-Fahrten um 15 Prozent gesunken. „Wenn du gut mit Menschen umgehst, dann sind sie plötzlich zufriedener und die Qualität der Arbeit steigt.“
Zurück zum „Premium-Kollektiv“. Derzeit ist auf der Website zu lesen: „Wir hatten zuletzt ein paar harte Jahre und sind aktuell auf vielen Ebenen schwer angeschlagen.“ Der Knackpunkt war für Lübbermann die Corona-Pandemie – aber nicht der damit verbundene Umsatzeinbruch durch Absagen von Festivals und die Schließung der Gastronomie, ganz im Gegenteil. Durch Unterstützung von langjährigen Partnern und aus dem Kollektiv kam man gut durch den ersten Lockdown – und dann kamen die staatlichen Hilfen. „Wir hatten plötzlich mehr Geld am Konto als je zuvor.“ Das habe dazu geführt, dass sich manche nicht mehr an Absprachen erinnern konnten, andere ihm vorwarfen, sich am Unternehmen zu bereichern. „Es waren Jahre mit vielen Diskussionen und viel Streit.“ Derzeit kümmern sich vier Personen um den Arbeitsalltag, sorgen also dafür, dass weiterhin Cola und Limonaden in Zusammenarbeit mit gewerblichen Partnern produziert und ausgeliefert werden; zudem gibt es ein „eingeschlafenes Online-Kollektiv“, bestehend aus circa 150 Menschen.

Dieses neu zu beleben, sei eine große Aufgabe, vor der man jetzt stehe, denn nur den laufenden Betrieb wie eine gewöhnliche Getränkemarke am Leben zu erhalten, ist nicht der Anspruch des Kollektivs. Auch weiterhin soll es konsensdemokratische Entscheidungsfindungen geben und Offenheit gegenüber allen Personen, die mit dem Unternehmen in Kontakt stehen. Ebenso soll das Einheitslohn-Modell bleiben. Jedoch will man eine Kennenlernphase für neue Mitarbeitende einführen, und es soll auch Einblicke in die Arbeit und – bei Zweifeln – Kontrollen der Abrechnungen geben. „Sonst sind wir eine Einladung zum Missbrauch, das haben wir schmerzlich gelernt. Aber wir hatten eben keine Erfahrungswerte, da kann man auch mal einen Schritt zu weit gehen. Das heißt aber nicht, dass man gleich die gesamte Idee infrage stellen muss. Ich bin bereit, über fast alles zu diskutieren, aber nicht über meine Grundüberzeugung: die Gleichwürdigkeit aller Menschen.“

premium-kollektiv.de


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