Ein Wohnzimmer für alle
Frauke Kühn, Foto Darko Todorovic
Vor einem Jahr wurde die Villa Franziska und Iwan Rosenthal in Hohenems zum Literaturhaus Vorarlberg. Im Interview erzählt Leiterin Frauke Kühn, wie dieses historische Haus ein Ort der Teilhabe geworden ist.
Von Sieglinde Wöhrer
Am 5. April 2025 ist das Literaturhaus Vorarlberg in Hohenems eröffnet worden, es ist gedacht als „Mitmach-Plattform“ und „Ort für alle“. Ist dieser Plan aufgegangen?
Frauke Kühn: Seit der Eröffnung hatten wir über 7.000 Besucherinnen und Besucher – eine sehr schöne Frequenz für ein Haus dieser Größe. Unser größter Raum hat nur 47 Sitzplätze, das ist auch ein Grund, warum Veranstaltungen bei uns eine kleinere Rolle spielen als in vielen anderen Literaturhäusern. Was uns besonders freut: Die Menschen kommen tagsüber ins Haus, genau so, wie wir es uns gewünscht haben. Junge Leute machen Hausaufgaben oder geben Nachhilfe, Familien verbringen verregnete Nachmittage im Spielzimmer, und bei gutem Wetter gehen Familien, Schulklassen und Kindergartengruppen auf eine unserer literarischen Schnitzeljagden. Wir haben das Gefühl, dass die Besucherzahlen das widerspiegeln, was wir täglich im Haus erleben: dass Menschen den Ort aufsuchen, um sich hier aufzuhalten. Insofern glauben wir, dass wir die Menschen tatsächlich erreichen – und sind gespannt auf die weitere Reise.
Was war Ihnen bei der Entwicklung des Hauses wichtig?
Uns war wichtig, Beziehung, Dialog und Begegnung durch eine aufrichtige Willkommenskultur zu etablieren. Dieses Thema ist anschlussfähig an eine breite internationale Diskussion, die derzeit auch unter Literaturhäusern geführt wird. Der Zugang zum Haus sollte möglichst niederschwellig sein – nicht in den Inhalten, aber im Zugang. Deshalb funktioniert das Literaturhaus ohne Eintritt. Ein Literaturhaus sollte nichts sein, das man sich leisten können muss. Wir wissen, dass es Lebensphasen gibt, in denen selbst sechs Euro für eine Eintrittskarte eine Hürde darstellen, und gerade in solchen Momenten braucht man vielleicht einen Ort wie diesen besonders. Die tagsüber geöffneten Räume waren ein klarer Wunsch vieler Menschen.
Das Literaturhaus ist auch ein öffentlicher Raum, der als Treffpunkt genutzt werden kann …
Begegnung ist tatsächlich der Kern von allem. Wir arbeiten mit sieben ehrenamtlichen Gastgeberinnen, die bei kleinen Fragen oder Unsicherheiten helfen und zugleich ein profundes Wissen über das Haus haben. Deren Aufgabe ist nicht in erster Linie Service. Natürlich zeigen sie auch, wo die Toilette ist, oder beantworten praktische Fragen – etwa, dass man im Haus die Schuhe nicht ausziehen muss, was überraschend oft gefragt wird. Und sie halten auch einmal ein Baby, wenn junge Eltern kurz beide Hände brauchen. Aber vor allem geht es darum, jemanden zu haben, der ansprechbar ist und einen willkommen heißt.
Die Veranstaltungen decken ganz unterschiedliche Themenbereiche ab. Ein Schwerpunkt liegt auf kreativen Schreibworkshops und der Produktion von Literatur. Warum?
Schon während der Baustellenphase haben wir punktuell Veranstaltungen gemacht, um zu testen: Was steckt in diesen Räumen? Gehen unsere Ideen auf? Damals haben wir das gezeigt, was da war: zwei Häuser, die im Prozess zu einem werden – gewissermaßen eine Werkstatt. Dieser Einblick hat Transparenz geschaffen und nachvollziehbar gemacht, wie das Literaturhaus entsteht. Uns wurde damals klar, dass wir Sprache, Schreiben und Literatur im Prozess zeigen möchten und Einblicke ermöglichen wollen, die sonst eher hinter den Kulissen des Schreibens stattfinden. Dazu kommt: Vorarlberg hat bereits viele Bühnen, auf denen Literatur seit Jahrzehnten wunderbar präsentiert wird. Es wäre ein falsches Signal gewesen, das noch einmal zu wiederholen.
Was waren die größten Überraschungen, die aufgetaucht sind?
Am Anfang mussten wir uns an das denkmalgeschützte Haus gewöhnen und lernen, was es im Alltag verträgt – und wo seine Grenzen liegen. Zwei Schulklassen gleichzeitig im Haus funktionieren zum Beispiel nicht gut, weil die Räume sehr offen sind, das Haus hellhörig ist und die Akustik stark trägt. Wir mussten herausfinden: Wo sind empfindliche Stellen im Haus? Wo darf man essen und trinken, wenn man bedenkt, dass Holzfußböden aus dem 19. Jahrhundert wenig verzeihen? Und wie erklärt man solche Dinge, ohne dass es gleich abschreckend wirkt?
Das Literaturhaus hat 360 Quadratmeter Nutzfläche, wird der ganze Platz gebraucht? Welche Räume gibts und was passiert dort?
Für Veranstaltungen wäre es manchmal schön, wenn das Haus ein wenig größer wäre. Die Räume haben aber alle einen starken Wohnzimmercharakter, und diese intime Atmosphäre lässt sich eben nicht beliebig vergrößern. Im Gartensalon finden vor allem Literaturausstellungen statt und es wird von unseren Projekten sowie von der Revitalisierung des Hauses erzählt. Ein Stockwerk höher liegt in der Beletage die „Literaturhaus-Apotheke“ – in einem alten Schrank der Familie Rosenthal – und gleich daneben das „Archiv der Träume“. Das ehemalige Esszimmer der Rosenthals ist unser Hauptveranstaltungsraum: Dort gab es schon früher eine kleine Bühne, die dafür gedacht war, dass Musik gespielt wird, während die Familie diniert. Der Wintergarten wird häufig von Arbeitsgruppen genutzt – für Nachhilfe, Lesekreise oder kleine Projekttreffen. Im Spielzimmer finden unsere Mini-Schreibworkshops statt und Autorinnen und Autoren schreiben an ihren Texten, weil da das Licht durch die Fenster besonders schön fällt. Es gibt unser Kindergartenprojekt „WortSchatzTruhe“, eine Lese- und Bastel-Ecke und einen kleinen Schreibtisch mit Blick auf einen 135 Jahre alten Baum. Dort arbeitet zum Beispiel ein älterer Herr an seiner Familienchronik, während Studierende an ihren Bachelor- und Masterarbeiten sitzen. Der Gelbe Salon ist unser Workshopraum für größere Gruppen.
Also, man kann da einfach hinkommen und es sich gemütlich machen?
Genau. Man kann einfach hereinkommen – auch ohne konkreten Plan. Man kann eigene Bücher mitbringen oder bei uns Bücher entdecken. Wir haben außerdem ein neues Projekt namens „Textstellen“, bei dem im ganzen Haus kleine Impulse zum kreativen Schreiben verteilt sind. Wie intensiv unser Publikum die Angebote nutzt, bleibt völlig offen. Wir freuen uns auch, wenn jemand hereinkommt, die Schuhe auszieht, die Füße hochlegt und aus dem Fenster schaut, wenn dieser innere Dialog, der gerade stattfindet, genau das Maß an Sprache ist, das dieser Mensch im Moment braucht.
Welche Formate haben bisher besonders gut funktioniert, und wo liegen aktuell die Herausforderungen?
Die Herausforderung liegt momentan weniger in der Reichweite als darin, die aufgebauten Strukturen gut abzusichern. Finanziell und so, dass mein Team nachhaltig ohne Überlastung arbeiten kann. Einige Formate, die wir ursprünglich geplant hatten, haben wir zunächst zurückgestellt, weil wir mit dem Aufbau des Hauses stark beschäftigt waren. Ein Haus mit regelmäßigen Öffnungszeiten zu betreiben, verlässlich präsent zu sein und gleichzeitig ein Programm zu entwickeln, dessen nächste Ausgabe acht Wochen im Voraus erscheint, ist bereits eine große Aufgabe. Sehr gut funktionieren derzeit unsere „Wasserglaslesungen“.
Dass ein neues Literaturhaus ins Leben gerufen wird, ist ein Meilenstein und sicher auch mit hohen Erwartungen verbunden. Wie haben Sie persönlich diese Zeit erlebt?
Dass dieses Haus in diesen Zeiten entstehen konnte, ist tatsächlich ein kleines Wunder. Für mich war es wichtig, immer wieder einen Schritt zurückzutreten und die strategische Ebene im Blick zu behalten. Die Versprechen, die wir während der fünfjährigen Konzeptionsphase gegeben haben, sollten sich auch im Alltag bewähren. Wir fragen uns immer wieder: Werden wir der DNA gerecht, die wir formuliert haben? Fühlt sich das, was wir tun, aufrichtig an? Wozu sagen wir ja – und wozu bewusst nein? Das Kuratieren eines solchen Hauses ist eine große Verantwortung. Wichtig ist, an den entscheidenden Stellen die richtigen Menschen um Rat zu bitten. Das ist für die Sache enorm hilfreich.
Welche Rückmeldungen haben Sie von Besucherinnen und Besuchern erhalten?
Der häufigste Wunsch ist, dass wir auch am Samstag und Sonntag geöffnet haben, das hören wir fast jede Woche. Mit den derzeitigen finanziellen Mitteln ist das noch nicht möglich.
Weitere Informationen: literatur.ist






