Geschnitzt und gestapelt
Patterned Houses. Foto Nadine Pinezits
Die „Vienna Design Week“ 2025 brachte im Rahmen der „Passionswege“ wieder einmal Tradition und Innovation zusammen: In der Wiener Schnitzstube Stadlhofer verschmolzen dieses Jahr jahrhundertealte Schnitztechniken mit den frischen Ideen des deutschen Designers Kai Linke. Entstanden ist eine Reihe an Musterhäusern, die auf spielerische Weise Geschichten erzählen.
Von Nadine Pinezits
Wenn man die Werkstatt der Schnitzstube Stadlhofer im 14. Bezirk in Wien betritt, riecht es vor allem nach Holz. Überall liegen Werkzeuge, Rohlinge und halbfertige Objekte. Inmitten dessen spürt man die Spuren eines ungewöhnlichen Projekts: einer Kooperation zwischen traditioneller Handwerkskunst und zeitgenössischem Design. Entstanden ist sie im Rahmen der „Passionswege“, eines Formats der „Vienna Design Week“, das internationale und österreichische Designschaffende mit Wiener Produktionsbetrieben zusammenbringt. Ziel ist es, in offenen Prozessen, frei von den Zwängen des Alltags, zu experimentieren, Wissen zu teilen und neue Ideen zu entwickeln. Und genau das ist hier passiert. Das Ehepaar Andrea und Franz Stadlhofer wurde mit Designer Kai Linke zusammengebracht, um gemeinsam etwas Neues zu wagen. „Zu Beginn wussten wir gar nicht, was uns erwarten würde“, erzählt Franz Stadlhofer über die Anfänge der Zusammenarbeit. „Wir waren vorher noch nicht wirklich im Designbereich tätig, aber wir haben uns gesagt: ‚Okay, hören wir uns das einmal an.‘“ Gemeinsam mit seiner Frau Andrea Stadlhofer empfing er Kai Linke, der seine Idee erläuterte. Der international mehrfach ausgezeichnete Designer arbeitet seit 2009 mit seinem gleichnamigen Studio an Projekten, die weltweit gezeigt werden, darunter Ausstellungen im Norwegischen Nationalmuseum in Oslo oder im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt. Schon beim ersten Gespräch spürten beide Seiten, dass hier etwas Besonderes entstehen kann: Aus der Begegnung von Handwerk und Design entwickelte sich ein lebendiger Austausch, bei dem alle ihre Expertise einbrachten und sich dadurch neue Perspektiven eröffneten.


Gestapelte Geschichten
Kai Linke war besonders vom umfangreichen Archiv der Schnitzstube angetan. „Es hat mich gereizt, die vielfältigen Muster aus dem Stadlhofer-Archiv in neuem Licht zu zeigen“, erklärt der Designer. Daraus entstand die Idee der „Patterned Houses“ – stapelbare Kisten aus Lindenholz, die mit ihren vier Außenwänden und Dachflächen wie kleine Musterhäuser wirken. Jede Kiste ist einer anderen Schnitztechnik oder ornamentalen Sprache gewidmet. „Von mir neu skaliert, geschichtet und neu arrangiert, erzählt jedes Haus eine Geschichte. Übereinandergestapelt entstehen kleine Städte – symbolisch, aber auch als Spiegel dafür, wie Gesellschaft aufgebaut ist: Schicht für Schicht, Einfluss für Einfluss, Hand in Hand.“ Jede Kiste wurde nach dem Schnitzen mit Wachsbeize und Aquarellfarbe behandelt und anschließend mit Klarlack versiegelt. Durch die Kombination der Farben und Muster wirken die Häuser tiefgründig und facettenreich – eine direkte Spiegelung gesellschaftlicher Vielfalt. Gleichzeitig erlaubt die Materialität, dass die handwerkliche Präzision voll zur Geltung kommt.
Teamwork zwischen Tradition und Innovation
Der Arbeitsprozess selbst war ein ständiges Pingpong-Spiel zwischen den Beteiligten. „Für mich war die Zusammenarbeit mit Andrea und Franz ein großartiger Prozess“, erzählt Kai Linke. „Er war geprägt von offenem Dialog, Neugier und der Lust, gemeinsam Neuland zu betreten. Gestaltung ist für mich immer Teamarbeit. Man spielt sich den Ball gegenseitig zu, probiert aus, passt an. Kompromisse gehören dazu und eröffnen gleichzeitig neue Möglichkeiten.“ Franz Stadlhofer ergänzt: „Wir mussten ständig abwägen, was handwerklich machbar ist und was kreativ gedacht werden kann. Die Ideen von Kai waren oft überraschend, aber wir haben immer gemeinsam Lösungen gefunden.“ Spannend war vor allem die Balance zwischen Tradition und Innovation. „Wir sind in unserer Arbeit sonst sehr bodenständig und traditionell, und die Schnitzerei hat feste Wurzeln“, erklärt Andrea Stadlhofer. „Aber gleichzeitig wollten wir Neues ausprobieren – Muster, Farben, Kombinationen.“ Das Ergebnis ist ein Mittelweg, bei dem die klassischen Schnitte und Techniken erhalten bleiben, gleichzeitig aber überraschende, moderne Aspekte Einzug halten. „Es ist uns immens wichtig, dass die Techniken nicht verloren gehen, aber dennoch etwas Eigenes entsteht“, ergänzt Franz Stadlhofer.


Ein kreativer Austausch, der weitergeht
Für die Stadlhofers ist die Arbeit nicht nur ein kreatives Abenteuer, sondern auch eine Herzensangelegenheit. Ihre Schnitzstube existiert seit 1995, seit 2010 betreiben sie in Wien eine Werkstatt, in der sie neben Auftragsarbeiten auch Kurse anbieten. „Viele Teilnehmende sehen die Kurse als Auszeit vom Alltag“, sagt Andrea Stadlhofer. „Man genießt es, etwas mit den Händen zu schaffen, selbstwirksam zu sein und am Ende ein fertiges Objekt in den Händen zu halten.“ Auch Kai Linke betont den besonderen Mehrwert des Handwerklichen: „Ich hoffe, dass man spürt, wie lebendig Handwerk sein kann und dass in jedem Muster eine Geschichte steckt. Vielleicht haben die Besuchenden auch ein Stück dieses Dialogs mitgenommen: die Idee, dass Gestaltung immer ein Zusammenspiel von Kopf, Hand und Herz ist.“ Für ihn ist es die Kombination aus Kreativität und Technik, die das Projekt besonders macht. „Design eröffnet Wege, die den Menschen im Handwerk Möglichkeiten geben, ihr Fachwissen neu einzusetzen.“ Und die Perspektiven sind klar: Die Zusammenarbeit soll weitergeführt werden. „Es gibt viele offene Ideen – etwa gedrechselte Nussknacker mit einer geschnitzten Oberfläche“, verrät Kai Linke. Auch die Stadlhofers sind gespannt, wie sich die Kooperation entwickelt. „Es ist ein Austausch, der gerade erst begonnen hat“, sagt Franz Stadlhofer. „Wir haben bereits viel gelernt und noch sehr viel vor.“
Studio Kai Linke wurde 2009 gegründet. Das international ausgezeichnete Studio realisiert Projekte, die weltweit gezeigt werden, darunter Ausstellungen in Oslo und Frankfurt. Designer Kai Linke verbindet experimentelle Konzepte mit handwerklicher Präzision und lehrt seit 2022 Produktdesign an der Brüder Grimm Berufsakademie Hanau. kailinke.com
Die Schnitzstube Stadlhofer wird von Andrea und Franz Stadlhofer geführt und pflegt seit 1995 traditionelle alpenländische Schnitztechniken. Neben individuellen Auftragsarbeiten bieten sie Kurse an, um Handwerk, Wissen und Mustertraditionen an neue Generationen weiterzugeben.
franz-stadlhofer.at






