Die Fantasie beflügeln
Bild: „Grapat“ haucht den abstrakten Formen dank angedeuteter Augen Leben ein
Das katalanische Familienunternehmen „Grapat“ stellt nachhaltiges Holzspielzeug her, das durch seine besondere Formensprache die Kreativität von Kindern fördern soll.
Von Jutta Nachtwey
Junge Eltern werden oftmals ungefragt, wenn auch gut gemeint, mit jeder Menge Spielzeug für ihre Kinder überschüttet. Beim Sortieren in Kisten, Kästen und Schachteln fragen sich manche wahrscheinlich: „Ist all das wirklich notwendig? Braucht mein Kind überhaupt so viel Zubehör zum Spielen? Ist weniger nicht mehr?“
Casiana Monczar und ihr Mann Jordi Soler, Gründerpaar des Unternehmens „Grapat“, liefern hierzu interessante Gedankenanstöße. Sie gehören zu jener besonderen Spezies, die Erfahrungen aus unterschiedlichsten Bereichen kreativ zu verknüpfen wissen. Während ihrer Studienzeit setzten sie in mehreren Disziplinen Schwerpunkte, Jordi zum Beispiel in Gastronomie und Art Direction, Casiana im Bereich Film, Fotografie und Werbung. Beide arbeiteten dann eine Zeit lang für Theaterproduktionen und entwickelten zudem Werbespots fürs Fernsehen.
Als ihre Tochter Lola die Welt zu erkunden begann, sahen sie ihr fasziniert beim Spielen zu: Völlig mühelos funktionierte sie Alltagsgegenstände zu Protagonisten ihrer selbst erfundenen Realitäten um. Nach der Geburt ihres Sohnes Tomàs zog die Familie von Barcelona nach Alt Empordà in der katalanischen Provinz Girona, um in einer Finca von Jordis Familie zu leben. Dort begannen sie, mit Holz zu experimentieren und zu spielen – und so verwandelte sich das Haus langsam in eine Werkstatt. In der Scheune, die einst einen Esel beherbergte, stellten sie die Holzteile her, und in der Küche, in der früher Jordis Großmutter gekocht hatte, färbten sie die Objekte anschließend von Hand ein. So entstand Schritt für Schritt das Konzept für das Familienunternehmen, dessen Name auf das katalanische Wort „grapat“ – „eine Handvoll“ – zurückgeht. Er steht aus Sicht von Casiana und Jordi für die Idee, eine Handvoll loser Teile mit Sorgfalt herzustellen und sie in Kinderhände zu übergeben.

Reduziert auf das Wesentliche
Da die Teile für das freie Spiel konzipiert sind, gibt es keine Gebrauchsanweisungen. Sie sollen vielmehr die Fantasie beflügeln. „Wir bieten Spielmaterialien an, die nur sehr wenige Informationen liefern, denn je mehr Informationen wir den Kindern geben, desto mehr hindern wir sie daran, sich mit ihrem inneren Bedürfnis zu verbinden“, erklärt Casiana. Das Paar entschied sich für eine Formensprache, die abstrakte Elemente und feine Details auf spannende Weise miteinander kombiniert. Oftmals ist die Gegenständlichkeit nur angedeutet und weckt eher vage Assoziationen, sodass die Kinder die Elemente gemäß ihrer inneren Stimme immer wieder neu interpretieren können. Genau darum geht es: Sie sollen frei entscheiden, welche Rolle sie welchen Objekten zuweisen. „Wenn ein Spielzeug viele Informationen bietet – etwa ein Feuerwehrmann oder ein Telefon –, kehrt sich der Prozess von außen nach innen.“ Die Kinder brauchen sich dann nichts mehr auszudenken, sondern reagieren nur auf den äußeren Input. „Grapat“ will stattdessen die Selbstständigkeit der Spielenden fördern.
Das Produktspektrum umfasst Einzelobjekte wie „Flowing Yellow Bird“, die sich zum Beispiel kreiseln lassen, sowie ganze Themensets, mit denen sich kleine Welten erschaffen lassen – etwa die Sammlung „Happy Place“ oder die Kollektion „Wild“, die zwölf Wesen aus dem Reich der Fauna beinhaltet. Zudem gibt es weitere Sets mit verschiedenen abstrakten Formen, aus denen die Kinder nach Lust und Laune ihre eigenen 3D-Kompositionen erstellen können. Darüber hinaus bietet „Grapat“ auch einige abstrahierte Köpfe mit Haltestiel, die Kinder wie kleine Kasperlepuppen für improvisierte Theaterstücke nutzen können. Dieses Set und viele andere Produkte von „Grapat“ wurden mit dem deutschen „spiel gut“-Siegel ausgezeichnet, das für pädagogisch wertvolles, umweltfreundliches Spielzeug vergeben wird.
Nachhaltig in allen Aspekten
Alle Elemente bestehen aus nachhaltig erzeugtem, PEFC-zertifiziertem Holz aus Europa. Für die weitere Gestaltung kommen wasserbasierte Farben mit natürlichen Pigmenten zum Einsatz. Die Oberflächen werden abschließend mit Wachs und pflanzlichen Ölen behandelt. Da der Drechsler, der dem Paar in den Anfangsjahren zur Seite stand, inzwischen in Rente gegangen und das Unternehmen weiter gewachsen ist, wird das Holz nun an verschiedenen Orten in Katalonien, Deutschland, Italien und Polen gedrechselt, bevor die Teile dann in Alt Empordà weiterverarbeitet werden. Die Finca bot hierfür nicht mehr genug Platz, deshalb zog das Unternehmen in eine Industriehalle um. Das Team umfasst inzwischen, je nach Saison, etwa 28 bis 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Casiana und Jordi gestalten die Produkte jedoch weiterhin selbst: „Ich bringe die Ideen ein, zeichne sie und fertige die Prototypen an, bis Jordi ins Spiel kommt, der mir bei der technischen Entwicklung und Umsetzung hilft“, erzählt Casiana. Inspiration für ihre Entwürfe findet sie in ganz unterschiedlichen Bereichen – etwa in der Natur, der Waldorfpädagogik, dem Bauhaus oder aber auch „in der Farbpalette einer belebten Allee in einer Großstadt“, wie sie erklärt. „Ich betrachte Objekte über ihren ursprünglichen Zweck hinaus: Ich beobachte sie aus nächster Nähe und auch aus der Ferne, bis sie schließlich eine neue Bedeutung erhalten und bereit sind, sich in Spielmaterial zu verwandeln“, beschreibt die gebürtige Argentinierin den Schaffensprozess.
Im Digitalzeitalter gewinnt das Spielen mit einfachen Dingen aus natürlichen, nachhaltigen Materialien eine besondere Bedeutung. Denn immer früher werden Kinder in die mediale Welt hineingezogen. „Echtes und authentisches Spielen kann aber nicht über einen Bildschirm stattfinden, denn Spielen bedeutet Leben, und Leben bedeutet Erkunden“, erklärt Casiana. „Wir müssen unseren Kindern Möglichkeiten bieten, bei denen alle Sinne zum Einsatz kommen. Bildschirme riechen nicht, sie haben keinen Geschmack, die Objekte sind flach und können nicht berührt werden, die Bilder und Farben wechseln in unrealistischen Rhythmen, und die Geräusche sind nicht die, die uns das Leben bietet.“ „Grapat“ ist der Ansicht, dass das Digitale zumindest in den ersten sieben Lebensjahren der Kinder keine Rolle spielen sollte. „Wir gehen davon aus, dass Spielen ein Grundbedürfnis in der Kindheit – oder sogar im gesamten Leben – ist und dass es die Sprache des Kindes ist. Daher handelt es sich um etwas Heiliges, das wir als Erwachsene schützen müssen.“
Auf jeden Fall ist es sinnvoll, das kreative Denken in den frühen Kinderjahren zu för-
dern – denn diese essenzielle Kompetenz ist auch im späteren, digital geprägten Leben und zum Wohl unserer Gesellschaft bestens zu gebrauchen. Fazit: Die Beschränkung auf ein Weniger kann also wirklich einen erstaunlichen Mehrwert erzeugen!

Casiana Monczar und ihr Mann Jordi Soler, Gründerpaar des Unternehmens
„Grapat“, mit ihren Kindern Lola und Tomàs.
Weitere Informationen: grapat.eu






