Mehr Mut für die Abenteuerreise in die Zukunft
Maike Sippel. Foto Torben Nuding
Essay von Maike Sippel
Lassen Sie uns eine kleine Zeitreise unternehmen: in die USA, ins Waterloo des Jahres 1848. Fünf Frauen sitzen bei einer nachgottesdienstlichen Tasse Tee um den Esstisch der Familie Hunt, unter ihnen auch Elizabeth Cady Stanton. Die Welt ist eine andere als heute. Frauen dürfen nicht wählen. Es gibt kaum Möglichkeiten für sie, öffentlich zu Wort zu kommen. Als das Gespräch auf die Frauenrechte kommt, platzt es aus Elizabeth heraus. Warum muss sie als Frau ein Leben zweiter Klasse führen? Elizabeths Ausbruch ist ansteckend, alle sind sich einig, dass etwas passieren muss. Die fünf Frauen beschließen kurzerhand, eine Frauenrechtsversammlung abzuhalten – und zwar bereits in zehn Tagen.
Es sind nicht die Missstände, die unsere Zukunft bestimmen, es ist unser gemeinsames Handeln
Die Zusammenarbeit der Gruppe um Elizabeth ist kein Einzelfall. Immer wieder tun sich in der Geschichte Menschen zusammen, um Missstände zu benennen und für ihre Vorstellungen einer besseren Zukunft zu werben. Auch heute sind wir in einer Situation, in der es aus einem herausplatzen könnte! Seit Jahren wird es heißer, Überflutungen kommen näher – und die Antworten auf diese Einschläge der Klimakrise reichen immer noch nicht aus. Wie kann das sein?? Weitere Krisen sind hinzugekommen. Die Corona-Pandemie und Krieg in Europa. Das Leben ist teurer geworden, weltweit erstarken populistische Strömungen und die Demokratien stehen unter Beschuss. Unsere stürmischen Zeiten schreien geradezu nach Wandel. Heute entscheiden wir darüber, in was für einer Welt unsere Kinder und Enkel und viele Generationen darüber hinaus leben werden.
Statt hilflos zuzuschauen, kann jede und jeder von uns mutig anpacken
Vieles spricht dafür, dass es gerade jetzt auf jede und jeden Einzelnen ankommt. Es ist wie ein Tauziehen um die Zukunft. Der Megatrend der Nachhaltigkeit trifft auf eine fossile Nostalgie. Die für Mensch und Umwelt gesunde Ernährungsweise „Planetary Health Diet“ trifft auf Fleischfetisch. Gerade wegen dieser Rückschläge ist es jetzt so wichtig, dass wir unser Gewicht in die Waagschale werfen, dass wir uns einmischen und nicht ohnmächtig stillhalten.
Hoffnung entsteht im Handeln
Anpacken lässt es sich zum einen bei sich selbst. Vermutlich kennen Sie die Schwergewichte beim Klima-Fußabdruck (weitgehend pflanzliche Ernährung, auf dem Boden bleiben, in energiesparenden Häusern mit wenigen, haltbaren Dingen leben). Hier gibt es Handlungsspielräume, das stellen wir beim Ausprobieren mit unseren Studenten an der Hochschule Konstanz immer wieder fest. Aber Achtung: Natürlich liegt die Verantwortung – anders, als uns Ölkonzerne gerne weismachen wollen – nicht nur bei uns Einzelnen, es braucht auch bessere Strukturen und Rahmenbedingungen, auch die Politik und Unternehmen müssen sich verändern.
Der Handabdruck
Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns über das Private hinaus engagieren. Dass wir nicht nur individuell unseren Fußabdruck verkleinern, sondern dass wir auch gemeinsam unseren Handabdruck vergrößern. Auch das probieren wir in Projekten mit unseren Studentinnen aus. Da werden dann einige im Kreis von Freunden und Familie aktiv, andere im beruflichen Kontext, wieder andere in ihren Vereinen, und manche versuchen, auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Es liegt eine besondere Kraft in dieser Zusammenarbeit für das Gemeinwohl. „Es fühlt sich einfach gut an, was Sinnvolles zu tun!“, fasst es ein Student nach Semesterende diesen Sommer in Worte. Als Teil einer größeren Dynamik gemeinsam unterwegs zu sein, das macht Mut!
Wo zieht es uns hin?
Zusammenarbeit gelingt dann besonders gut, wenn wir einen gemeinsamen Sinn herausgearbeitet haben. Das Abwenden von Katastrophen reicht als Motivation für den anstehenden Wandel nicht aus. Was ist stattdessen unser Bild von einer wünschenswerten Zukunft? Ein solches Zukunftsbild für unsere Initiative, unser Quartier oder unser Dorf kann Sogwirkung entfalten. Es versorgt uns mit Antriebsenergie, auch wenn es einmal holprig wird.
Besser darüber sprechen
Wie wir die Zukunft gestalten wollen, ist ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Als Menschen mit ganz unterschiedlichen Werten, Erfahrungen und Weltsichten, müssen wir uns zusammenraufen. Gute Gespräche können uns dabei helfen. Selbstredend, dass ein wirklicher Austausch eher dann entsteht, wenn wir gezielt nachfragen, als wenn wir predigen und besserwissen. Wenn Kommunikation gelingt, kann sie auch eine Wahrnehmungsverzerrung geraderücken: Wir unterschätzen nämlich systematisch, wie hoch die Zustimmung zum Klimaschutz ist. Sieben von zehn Menschen auf der Welt wären bereit, ein Prozent ihres persönlichen Einkommens für die Lösung der Klimakrise zu verwenden; etwa neun von zehn fordern intensive politische Maßnahmen. Fragt man die Menschen, was sie denken, wie hoch die Handlungsbereitschaft ihrer Mitmenschen ist, schätzen sie, dass nur 43 Prozent bereit wären, ein Prozent ihres Einkommens zur Problemlösung einzusetzen.
Die Kraft guter Nachrichten nutzen
Vielleicht geht es Ihnen wie mir und die Flut negativer Nachrichten zieht Sie herunter? Dieser Effekt ist wissenschaftlich belegt. Unsere Gehirne fokussieren mehr auf das Negative und die Medien setzen uns gerade deshalb auch mehr Negatives vor. Das kann uns in Stress und Hilflosigkeit versetzen – schlechte Voraussetzung fürs Anpacken. Gute Nachrichten hingegen können uns inspirieren. Das können Geschichten vom Gelingen sein oder konstruktive Berichterstattungen, die neben den Problemen auch Fortschritte, Lösungen und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Illustration Yannic Seitz
Mit Kopf, Herz und Hand dabei
Ja, wir können den Wandel nicht aus eigener Kraft herbeiführen, dazu braucht es auch die richtigen Entwicklungen in der gesamten Gesellschaft. Aber wir können unseren Teil dazu beitragen, dass eine enkeltaugliche Zukunft wahrscheinlicher wird. Mir hilft es enorm für meinen Seelenfrieden zu wissen, dass ich mein Möglichstes tue, damit diese Sache gut ausgeht. Darüber hinaus versuche ich mich damit zu arrangieren, dass der Ausgang ungewiss ist. Ufff! Damit sind wir bei der Gefühlsdimension angelangt: Es braucht nicht nur unser Verstehen und unser Anpacken, sondern als eine Art Basis auch ein emotionales Einlassen. Dann können wir auf dieser Abenteuerreise durch den Wandel gleichzeitig unser persönliches Lebensglück und unsere Resilienz ausbauen, das gesellschaftliche Miteinander stärken und zur langfristigen Balance zwischen Mensch und Natur beitragen.
Wie es weiterging am Esstisch der Familie Hunt
Nach ihren Überlegungen beim Teekränzchen stellen die fünf Frauen innerhalb weniger Tage eine Versammlung mit 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf die Beine. Die Veranstaltung geht als erste von Frauen organisierte Versammlung in die Geschichte ein, bei der explizit die Diskussion der Frauenrechte im Mittelpunkt steht. Sie bildet den Startpunkt für eine Reihe von Aktivitäten – an deren Ende die Einführung des Frauenwahlrechts in den USA 1920 steht.
Prof. Dr. Maike Sippel ist Mutter dreier Teenager und lebt in Konstanz. Sie ist Transformationswissenschaftlerin, Hochschullehrerin und Speaker. Ihre Leidenschaft gilt Projekten im Grenzbereich von Wissen und gesellschaftlicher Realität. Ihr neues Buch „Die Welt, der Wandel und ich: 12 Portionen Mut für das Abenteuer Zukunft“ ist vor Kurzem im Verlag Herder erschienen.

304 Seiten
ISBN: 978-3-451-60167-5, Herder 2025
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