Mein Wunsch von Valeria Anna Lampert
Foto Marino Knöppel
Sich mit einem Wunsch mehrere Wünsche zu wünschen, ist meist verboten. Da sind wir beim ersten Problem. Nämlich, dass es sogar fürs Wünschen Regeln gibt. Bei „Aladdin“ etwa sind es diese: niemanden töten, niemanden dazu bringen, sich zu verlieben, niemanden von den Toten zurückholen.
Als mir vor Kurzem eine junge, drogenabhängige Klientin in der Praxis gegenübersaß, wünschte ich mir, dass jeder Mensch von Anfang an so viel Liebe bekommt, wie er braucht. Aber es ist schwierig, sich für andere etwas zu wünschen – vielleicht wollen sie das gar nicht.
Als Kind wünschte ich mir einen Schminkkopf, den ich nie bekam. Als Jugendliche war es, „dass XY in mich verliebt ist“ oder einfach nur, „dass jemand in mich verliebt ist“. Und als mich dann jemand liebte, den ich nicht liebte, lernte ich, dass man Wünsche nicht zu vage formulieren darf. Einseitige Liebe ist in beide Richtungen fatal.
Aber die Liebe darf man sich sowieso nicht herbeiwünschen.
Später wünschte ich mir, dass meine Oma gesund wird, und dann, dass ich sie noch einmal umarmen darf.
Aber gegen den Tod darf man nicht anwünschen.
Jetzt gerade wünsche ich mir Zeit. Nicht in die Länge gedacht. Ich will keine Unsterblichkeit. Ich wünsche mir Zeit in die Breite. Die Welt müsste stillstehen. Alles, nur ich nicht. Ich könnte aufholen. Den Schlaf. Zuerst schlafe ich. Nach dem Schlafen liege ich. Liegend lese ich all die Bücher, die sich bei mir stapeln. Dazwischen schaue ich aufs Meer. Aber da gerät der Wunsch schon ins Wanken. Wie komme ich zum Meer, wenn keine Züge fahren? Was bewegt mich, wenn es die Wellen nicht tun?
Wenn ich vom Schlafen und Liegen genug Energie geschöpft habe, schreibe ich meinen Roman. Danach schaffe ich Ordnung. Zu Hause, auf dem Laptop, im Handy, im Kopf. Mich selbst eingeholt, erholt, mit einem Manuskript in der Hand und einem geordneten Leben drücke ich den Play-Knopf. Ich habe nichts verpasst. Auf der Welt hat sich nichts verändert. Keine Milch ist abgelaufen. Mein Sohn ist noch immer bald zwei Jahre alt. Es ist noch immer Oktober. Im Supermarkt schon Lebkuchen. An Weihnachten kann ich mir wieder etwas wünschen.
Man muss nur an den Film „Freaky Friday“ denken und weiß, dass es wichtig ist, Wünsche nicht gedankenlos ins Universum zu schicken. „Be careful what you wish for ’cause you just might get it“, sangen auch The Pussycat Dolls. Wer weiß, was alles schiefgehen könnte bei so einem großen Wunsch.
Gerade fällt er mir ein. Der erste Wunsch, an den ich mich erinnere. Noch vor dem Schminkkopf, weit vor dem Verliebtsein. Es war in der Kirche. Der Pfarrer bat Kinder, nach vorne zu kommen und ihre Wünsche zu teilen. Ich ging zum Pult, sprach meinen Wunsch wie selbstverständlich ins Mikrofon, viele lachten, ich setzte mich zufrieden wieder neben meine Mama.
Ich weiß nicht, was dieser Wunsch bedeutete, er schien damals seine Logik zu haben. Und jeder Versuch der Interpretation würde ihm wohl nicht gerecht werden. So einfach kann es sein. Ohne sich Gedanken zu machen über Regeln oder Formulierungen.
Vielleicht brauche ich nicht mehr und mindestens das.
„Liebes Sternlein, flieg zum Mond!“
Valeria Anna Lampert, geboren 1991 in Feldkirch, studierte an der Universität Wien Psychologie sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Sie arbeitet aktuell als Autorin und Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision und lebt seit 2010 in Wien.






