Nachwachsend. Good News for one Day?

Foto Bruno Klomfar

Kann sich der Holzbau als ein hoffnungsvolles, neues „Normal“ bewähren, im Strudel rabiater und rasanter Umwertungen? Ist eine gesamthafte Betrachtung von Bauwerk, Vegetation und Mobilität nur schöngeistiger Luxus? Sind Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung nur Moden? Und wo bleibt bei allem die Architektur?

Die baut – wir überblicken zwei aktuelle Holzbauprojekte –, die schreibt – der Tragwerksplaner Werner Sobek umreißt in einer Botschaft an die Welt alle Zusammenhänge, die er zwischen dem Bauwesen und den großen globalen Fragen ausfindig machen kann – und die erweitert laufend ihren Horizont und das eigene Arbeitsfeld. Vegetation und Wald sind schlicht wesentliche Arbeitsfelder unserer Lebensraumgestaltung geworden.
Von Robert Fabach

International erleben wir Neuorientierungen. Zum einen immer entschlossenere Anstrengungen gegen den fortschreitenden Klimawandel und seine Folgen, zum anderen einen Revisionismus, der sich mit einerseits Pragmatik und andererseits Ideologie umhüllt. Das Tempo, mit dem populistische Politik und auf höchster Ebene angelegter Lobbyismus wissenschaftlich fundierte Entwicklungen umstoßen wollen, ist atemberaubend. Ökologische Kriegsfolgen oder die massive Reaktivierung fossiler Energieträger drehen zusätzlich an den Daumenschrauben unseres globalen Ökosystems. Zugleich geht es nicht nur um die Errettung der Welt, sondern auch darum, die Folgen dieser potenziell katastrophalen Veränderungen regional und lokal auszugleichen. Nicht nur der Planet im Ganzen, sondern unsere Städte und Landschaften sollen für uns bewohnbar bleiben.

Holzbau von Büro bis zum Logistikgebäude
Immer wieder nutzen Vorarlberger Gemeinden mit Waldbesitz diese Ressource projektbezogen für ihre eigenen Bauaufgaben. Diese Praxis wurde nun von der Stadt Dornbirn, als Bekenntnis zum Holzbau, mit rund 1.500 Hektar Wald durch einen eigenen Waldwirtschaftsplan systematisiert, um ihre kommunalen Bauten verstärkt in Holz auszuführen, denn Holzbau braucht eine andere Planungskultur, präzise und durchgängig im Zusammenwirken von Architektur und Produktion. „Ein bisschen Holzbau geht nicht.“

Diesen Satz verdeutlichen zwei beispielhafte Bauten in ihrer gestalterischen Präzision, Holzbau verbindet laufende Innovationen und zeitgenössische Architektur. So setzen Prototypen an Holzhochhäusern neue Limits und die Einführung von Laubholz, speziell Buche, hat über zehn Jahre hinweg durch alle Bereiche des Planungs- und Bauprozesses eine neue leistungsfähige Holzart, die Baubuche, etabliert.

Zwei herausragende Holzbauspezialisten, die Architekten Johannes Kaufmann und Partner und deren langjährige Tragwerksplaner Merz Kley Partner, setzten 2019 ihr eigenes Bürogebäude im Dornbirner Sägen-Areal als Beispiel eines neuen Standards. Der fünfgeschossige Holzbau aus Fichte und Baubuche orientiert sich mit flexibler Großraumstruktur am Optimum aus Feuerbeständigkeit und Wirtschaftlichkeit. Nur das Stiegenhaus ist noch aus Stahlbeton.

Bürogebäude Sägen 6, Dornbirn. Planung: Johannes Kaufmann Architektur, Dornbirn/Wien.
Foto Bruno Klomfar
Bürogebäude Sägen 6, Großraumbüro. Foto Bruno Klomfar

Mit ebenso viel Expertise und Leidenschaft hat die Genossenschaft Tischler Rohstoff in Hohenems, seit Jahrzehnten der zentrale Zulieferer für Tischler und Zimmereibetriebe in Vorarlberg, unter ihrem Geschäftsführer Thomas Singer in den letzten zwei Jahren ein fünfgeschossiges Verwaltungsgebäude mit den Architekten „Schnetzer Kreuzer“ errichtet. Komplett in Holz mit knapp 2.000 Quadratmetern Ausstellungs-, Büro- und Veranstaltungsflächen und dazu eine Lagerhalle mit 11.000 Quadratmetern Grundfläche. Ein eindrucksvolles Bekenntnis zum eigenen Werkstoff. Im Bürobau kamen als Tragkonstruktion und zur Aussteifung Buchenleimbinder zum Einsatz, die nicht nur Struktur, sondern auch das visuelle Erscheinungsbild prägen. Die riesige Kubatur der Halle wurde mittels modularer und vorgefertigter Holzbauteile durch die bemerkenswerte Kooperation zweier kleiner Zimmereibetriebe in kurzer Zeit vor Ort montiert und ermöglichte so den laufenden Vollbetrieb des Händlers.

Verwaltungsgebäude Tischler Rohstoff, Trio. Planung: Schnetzer Kreuzer Architektur und Projektabwicklung. Fotostudio Till Hückels
Verwaltungsgebäude Tischler Rohstoff, Trio.
Foto Fotostudio Till Hückels

Werner Sobek: non nobis / Klimaverschiebungen
Wie sehr das Bauen am Klimawandel beteiligt ist, verdeutlicht Werner Sobek in seinem publizistischen Alterswerk „non nobis – über das Bauen in der Zukunft“. In den ersten beiden Bänden seiner Trilogie illustriert er farbenfroh und in spürbarer Betroffenheit die umfassenden Zusammenhänge zwischen dem Bauen und globalen Umweltfragen. Im ersten Band „Ausgehen muss man von dem, was ist“ liefert er eine ausführliche Analyse der aktuellen Lage der Baubranche. Er zeigt auf, wie das Bauwesen maßgeblich für den Ressourcenverbrauch, den Ausstoß klimaschädlicher Gase sowie die Entstehung von Abfällen und den Energieverbrauch verantwortlich ist. Der Band legt die Faktenlage und die globale Bestandsaufnahme dar und bildet die Grundlage für zukunftsfähiges Bauen. Der zweite Band „Die Randbedingungen des Zukünftigen“ widmet sich den Handlungsmöglichkeiten, die noch bleiben, um die Erderwärmung und ihre schwerwiegenden Folgen zumindest zu begrenzen. Hier geht es um nachhaltige Entwicklungen, Reduzierung von Energieverbrauch und Emissionen und um die Herausforderungen der Bevölkerungsentwicklung. Es ist eine schonungslose Analyse der Zukunft und der Bedingungen, unter denen menschliches Bauen noch möglich ist.

„Werner Sobek non nobis – über das Bauen in der Zukunft“, Band 2
Gestaltung: büro uebele, visuelle kommunikation, uebele.com

Werner Sobek
non nobis – über das Bauen in der Zukunft
Band 2: Über die Randbedingungen des Zukünftigen
348 S., ISBN: 978-3-89986-384-0
avedition 2023

Kühlung!
Mikroklimatische Forschung und Fachplanung und eine frühzeitig integrierte Grünraumplanung sind vor allem bei Großprojekten im urbanen Raum wichtige Player im Planungsprozess geworden. Städte wie Wien oder Zürich, die den Klimawandel handfest zu spüren bekommen, investieren in Forschung und strategische Stadtplanung, bei der Durchgrünung, Beschattung, Regenwassermanagement und Biodiversität zu neuen Parametern im Bauen werden. Wiens Stadtklimakarte etwa zeigt, ob entsprechende Luftströme für eine Nachtkühlung und gebäudenahe Grünflächen ausreichen oder ob von vornherein Maßnahmen im Bauprojekt mittels Gründächer, unversiegelter Flächen und Bepflanzung gesetzt werden müssen.

„Aber haben wir genug Wald dafür?“
Nicht selten werden Wald und Holz auch zum Politikum und von Halbwahrheiten umgeben. Wir müssten jeden Baum stehen lassen, es gäbe nicht genug Wald für den Holzbau. Institutionen wie „proHolz“ bieten solide Information und Beratung für Planer, Verarbeiter und Waldbesitzer. In der Tat zeigen die regelmäßigen peniblen Waldinventuren nachhaltige Veränderungen. Es wird trockener, wärmer, und die Wälder sind deutlich häufiger von Stürmen, Schädlingsbefall und Starkregen betroffen. „Der bunte Wald“ nennt Peter Mayer, der Leiter des Bundesforschungszentrums für Wald, eine Gegenstrategie. Monokulturen sind anfälliger, und vor allem klassische Nadelholzpflanzungen „wandern“ in höhere Lagen. Eichen und Zedern sind geeignete Nachfolger, und der Wandel wird durch fundierte Waldberatungen begleitet.

Eindrucksvoll sind auch Erhebungen, wonach seit den 1960er Jahren der Waldbestand ständig zunimmt und Österreich mittlerweile zu 48 Prozent bewaldet ist. Ein Umstand, der auf weite Teile Europas zutrifft. Waldverlust betreffen hingegen weite Teile Asiens und Südamerikas. Zur Frage der Bewirtschaftung ist Peter Mayer klar: Bäume zeigen bis zu einem Alter von 80 Jahren am meisten Wachstum und Photosynthese. Verrottende Bäume setzen sogar CO₂ wieder frei. Der effektivste Weg, Kohlenstoff dauerhaft zu binden, ist diesen „ersten, natürlichen Wald“ in einen „zweiten Wald“, nämlich in Holzbauten zu verwandeln. Der Klimaforscher Konrad Schellnhuber nannte diesen Vorgang die „Wald-Bau-Pumpe“, die Kohlenstoff über den Baumbestand in einen Baubestand „pumpt“. So gesehen „müssen“ wir sogar mit Holz bauen. Ein Holzbau ist auf diesem Weg ein Beitrag zur Reduktion des übermäßig produzierten CO₂, ein Beitrag zu einer ressourcenschonenden Wiederverwertung und leistet per se ein angenehmes Raumklima.

Und wie jetzt?
Ja, vieles gelingt, nicht zuletzt regional. Doch die Argumentationen und der Habitus der Entscheidungsfindungen verschieben sich. Dem Entwicklungscharakter von Begriffen wie Baukultur oder Architektur stehen immer öfter existenzielle Herausforderungen und globalwirtschaftliche Einschnitte gegenüber. Oft aber nur scheinbar. Hektische Zauberformeln und alternativlose Einzellösungen stehen dann wie Kometen dringend und drohend im Raum: Jetzt das Tiny House! Schnell den gesamten Bauprozess industrialisieren und am besten alles mit KI! Meist wird damit nur etwas verkauft oder Marktmacht ausgebaut. Dagegen tragen die Grundqualitäten einer regionalen Baukultur und einer – im besten Sinn von Architektur – gesamthaften Gestaltung breitere Lösungswege in sich. Strukturell und jenseits von formalen Moden. In diesem Punkt liegt das aktuelle Potenzial der Rolle von Architektur. Neue Realitäten zu erkennen, ökologische und wirtschaftliche, soziale und kulturelle Herausforderungen mit anthropologischen/menschlichen Konstanten zu verbinden und dazu gesamthafte Antworten zu entwickeln. Und dann all diesem eine Form zu geben. Nicht andersherum.


VORARLBERG AUSGABE

Teilen auf:
Facebook