Mit der Kraft der Vorstellung Zukunft gestalten

Die Herausgeberinnen Isabelle Goller und Isabella Natter-Spets vom Büro ESTUAR in Dornbirn. Foto Angela Lamprecht

„FUTURA, die gute Amöbe“ nennt das Dornbirner Büro „ESTUAR“ seine Sammlung wünschenswerter Zukünfte. Menschen aus den unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen schrieben dafür ihre Visionen für das Jahr 2044 nieder. Die Kompetenz der Zukünfte-Bildung gehört laut UNESCO zu den wichtigsten des 21. Jahrhunderts. Von Magdalena Venier

„Wie sieht dein Berufsfeld 2044 aus, wenn es gut wird?“ „Was ist die Zukunft deines konkreten Wirkungsbereichs, die du dir wünschst?“ – Diesen Fragen stellten sich bisher rund 50 Menschen aus den unterschiedlichsten Berufszweigen, und zwar schriftlich. Die halbseitigen Essays sammeln die Herausgeberinnen Isabella Natter-Spets und Isabelle Goller, Inhaberinnen von „ESTUAR“, für ihre fortlaufende Publikation, die ersten 48 wurden bereits als Loseblattsammlung veröffentlicht. Der Titel „FUTURA, die gute Amöbe“ ist Programm: Es geht nicht um die eine tragfähige Zukunft, sondern um viele individuelle Zukünfte, wandelbar wie das Wechseltierchen selbst. Warum der Leerraum im Schuber symbolisch zu verstehen ist und Vorstellungskraft in der heutigen Zeit so wichtig ist, erzählen sie im Gespräch mit dem ORIGINAL-Magazin.

Wie ist die Idee zu dieser Sammlung entstanden?
Isabella Natter-Spets: Es war eine spontane Idee für unsere Weihnachtspost – eine Einladung an unsere Partnerinnen und Partner sowie Kundinnen und Kunden, ihre wünschenswerten Zukünfte zu beschreiben. Wir verstanden uns dabei als Drehscheibe, die alle Texte sammelt, aufbereitet und teilt.
Unsere Idee erhielt viel positive Resonanz. Bald war klar: Die Zeit reicht nicht bis Weihnachten. Es sollte mehr werden, eine Publikation. Wir haben weitere Menschen eingeladen, um die Perspektivenvielfalt zu erweitern, haben unzählige Stunden korrekturgelesen, Rücksprache gehalten – ehrenamtlich, wie das so ist, wenn man sich selbst beauftragt. Mithilfe der LEADER-Kleinprojektförderung konnten wir die Texte-Sammlung schließlich layouten und produzieren.

Wie lautete der Auftrag an die Menschen?
Isabella Natter-Spets: Ziel war ein vielfältiges Bild aus der Perspektive spezifischer Blicke. Wir fragten nach machbaren Zukunftsbildern – nicht utopischen oder dystopischen, sondern: „Wie könnte es sein, wenn es gut wird?“ Jede und jeder sollte dabei aus der eigenen Lebens- und Berufswelt schreiben – eine Museumsdirektorin über das Museum der Zukunft oder ein Kulliproduzent über das Schreiben im Jahr 2044.

Es ist ja kein Buch im klassischen Sinn.
Isabelle Goller: Nein, es ist ein Kartonschuber mit losen Blättern in unterschiedlichen Formaten, Farben und Schriften. So bleibt die Sammlung ergänzbar – sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Wir wollten zeigen, dass es wortwörtlich noch Luft gibt zum Befüllen. In einer Welt voller negativer Bilder können solche Sog entwickeln zur Veränderung, im Sinne von: „Klingt anstrengend, aber dieses Bild reizt mich, da möchte ich hin.“

Die Vorstellung hilft also beim Gestalten der Zukunft?
Isabelle Goller: Ja, über den Vergleich von Zukunftsbildern kommt man in den Austausch über die dahinterliegenden Dinge: etwa Werte, Ziele, Zusammenhänge und Annahmen.
Isabella Natter-Spets: Wenn man diese verändert, führt das zu anderen Zielbildern – eine gute Methode, um Vorstellungskraft zu entwickeln. Bei anstehenden Transformationen, die nicht in die Gänge kommen, mangelt es nicht an Problembewusstsein, sondern an Vorstellungskraft, wie es denn anders gut sein könnte. Man hält am Status quo fest und sagt: „So, aber anders.“ Fixe Annahmen infrage zu stellen – das schafft neue Möglichkeitsräume.

Die Arbeit mit Zukunft gehört bei „ESTUAR“ dazu?
Isabella Natter-Spets: Wir begleiten Innovationsprozesse, da ist man zumindest mit einem Fuß immer im Morgen. Je volatiler die Welt wird, desto mehr Sinn macht es, deutlich in der Zukunft zu sein. Trends weiterzuschreiben, war früher. Darum haben wir angefangen, uns mit Zukunft zu beschäftigen, auch eine „Futures-Literacy-Kompetenz“ aufzubauen, die sehr gut an das Feld der Innovationsbegleitung andockt.

Was genau ist „Futures Literacy“?
Isabelle Goller: „Futures Literacy“ meint die Fähigkeit der Zukünfte-Bildung, also die Fähigkeit, Zukünfte zu imaginieren, um im Heute klüger, reflektierter und resilienter handeln zu können. Für die UNESCO ist das eine der wesentlichen Kompetenzen im 21. Jahrhundert. Es braucht trainierte Vorstellungskraft und damit einen kreativen und schöpferischen Zugang für das gute Morgen.
Die gemeinsame Arbeit an wahrscheinlichen, möglichen, wünschenswerten und alternativen Zukünften – etwa in einem sogenannten Zukunftslabor – ist sehr erhellend, daraus lassen sich wertvolle Schlüsse für Strategien und Entscheidungen ziehen.
Diese Vorstellung einer Zukunft, in der man selbst eine Rolle, einen Platz hat, kann gerade der nächsten Generation helfen, mutig nach vorne zu schauen.

Gibt es Hemmschwellen bei der Arbeit mit Zukunft?
Isabella Natter-Spets: Es ist ein Spaziergang ins Ungewisse. Das macht auch Angst. Es wirft einen zurück auf das eigene Sein – Zukünftearbeit hilft, sich intensiv mit sich selbst zu beschäftigen und sich zu fragen, was denn nun die Zukunft ist, wie wir sie uns wünschen. Natürlich gibt es fixe Faktoren, etwa die Erdanziehung, Jahreszeiten, Temperatur, Tag-/Nachtwechsel, aber der Freiraum ist verdammt groß, wenn man sich traut, den zu denken. Die bisherigen „FUTURA“-Texte zeigen: Die einen können sich vom Jetzt-Faktischen ziemlich lösen, die anderen sind – auch wenn sie sich 2044 vorstellen – recht nah am Hier und Jetzt.
Isabelle Goller: Es war für viele, auch für mich, eine Herausforderung. Die einzigen, die sich da wirklich leicht tun, sind die Kinder. Sie hielten sich nicht an unsere Vorgaben und träumten von Klassenzimmern ohne Schwerkraft und anderen großen Veränderungen in der Schule.

Welche Hürden gab/gibt es bei der „FUTURA“?
Isabelle Goller: Wir möchten viele Perspektiven einfangen, „FUTURA“ soll noch diverser und inklusiver werden. Wobei es gar nicht so einfach ist, die Zugänge zu schaffen … Aber mit der Sonderausgabe der „Marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung“ (Ausgabe 8/2025, „Die Welt ist voller Lösungen“, Anm. d. Red. ), zu der unsere Zukünftesammlung inspiriert hat, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung geschafft.
Isabella Natter-Spets: Auch Schriftlichkeit ist eine Hürde. Es gibt Menschen, die nicht gern schreiben oder sich damit schwertun. Aber auch über diese Zukunft lässt es sich gut nachdenken, vielleicht bekommt unsere Amöbe noch andere Kanäle.

Wie geht es der „FUTURA“ jetzt?
Isabella Natter-Spets: Wir sammeln weiter Texte. Über die Website können neue Beiträge eingereicht werden. Die erste Edition umfasst 48 Texte, für die zweite suchen wir gerade einen Druckkostenpartner.
Isabelle Goller: Auch sind wir mit interessierten Gemeinden, Verbänden, Regios im Gespräch, wie man mit der „FUTURA“ arbeiten könnte – etwa in Zukünfte-Workshops.
Isabella Natter-Spets: Und je mehr Leute sich mit Zukunft beschäftigen, desto mehr Fragen an den Status Quo löst es aus. Das allein ist schon ein wunderbares Ergebnis. 

Text einreichen oder Sammlung kostenlos herunterladen unter: futura-yeah.at

Das Buchprojekt „FUTURA, die gute Amöbe“
versammelt konkrete positive Zukunftsbilder.

Foto Roswitha Schneider

ESTUAR ist ein Büro für systemische Innovation und Kollaboration in Dornbirn. Die Gründerinnen Isabella Natter-Spets und Isabelle Goller verbinden unterschiedliche Menschen, Gruppen, Systeme und Themen, um innovative Antworten auf komplexe Fragen zu entwickeln. Mit menschenzentrierten Methoden wie Design Thinking, Service Design, Theory U, Art of Hosting und narrativen Ansätzen gestaltet Estuar wirkungsvolle Prozesse – branchenübergreifend von Industrie über Bildung und Kultur bis hin zu Gesundheit und Tourismus. estuar.at

Futures Literacy, wie sie von der UNESCO definiert wird, ist die Fähigkeit, unterschiedliche Zukünfte zu imaginieren, um in der Gegenwart reflektierter und resilienter agieren zu können. Sie fördert dadurch kreative Lösungsansätze und unterstützt nachhaltiges Handeln. unesco.org/en/futures-literacy


VORARLBERG AUSGABE


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