„Wenn die Leute tanzen, dann ist alles gut.“

Bild: Der Locknbauer Hof – vielfach ausgezeichnete Architektur.

Der Steirer Lukas Jahn lebte und arbeitete in Wien. Und war unglücklich. Von einem Tag auf den anderen entschied er, in seiner Heimat Winzer zu werden. Er kaufte einen leerstehenden Bauernhof. Ergänzte die Weinproduktion um einen modern interpretierten Buschenschank. Und brachte die Leute zum Tanzen. Wie ein nachhaltiger Genuss-Kosmos in einer ländlich geprägten Gegend Hoffnung im Kampf gegen die Landflucht macht.
Text Roger Knabenhans, Fotos Angela Lamprecht

Lukas Jahn hat auf dem Locknbauer Hof einen Genuss-Kosmos geschaffen.

Lukas Jahn wuchs in Tieschen auf, einem Dorf im Vulkanland mit rund 1.200 Menschen und vielen landwirtschaftlichen Betrieben. Sein Bubentraum: Weinbauer werden. Die Oma hatte in der Nachkriegszeit den ersten Obstbaubetrieb der Region aufgebaut. Für eine Frau in der damaligen Zeit eine unglaubliche Leistung. Sein Onkel übernahm ihn später. Lukas’ Eltern hatten nichts mit Landwirtschaft zu tun, und so fehlten ihm – wie er es nennt – die Basis und nach der Schule auch die Perspektive. Er ging nach Wien, studierte BWL und arbeitete in der Finanzbranche. „Das war die bisher schlimmste Zeit meines Lebens“, resümiert er. Dann die Wende. Er schmiss von einem Tag auf den anderen sein „Wiener Leben“ hin und ging zurück in die Südoststeiermark, um dort Wein zu produzieren. Aus dem Nichts. Er besaß weder einen Weingarten noch einen Weinkeller und auch keine Maschinen. Das Wissen und die Erfahrung fehlten ihm komplett. Ein Quereinsteiger. Mit Leidenschaft und ganzem Fokus auf das, was er schon immer tun wollte. Heute sagt er: „Am ersten Tag hat der Turbo gezündet und von da an war ich glücklich.“ Und er ist sich bewusst, dass ihm einige gute Fügungen auf dem Weg zu seinem Genuss-Refugium geholfen haben.

„Sempre Domenica“: Pure Italianità – jeden Sonntag im August.

2017 gab ihm ein guter Freund, Simon Engel vom Weingut Engel, den Tipp, dass in der Nachbarschaft ein kleines Weingut den Betrieb einstellte. Ohne jede Praxis und ohne einen einzigen Weinstock ergriff Lukas die Chance und kaufte alles. Parallel dazu absolvierte er eine verkürzte Ausbildung in der Weinbauschule, pachtete einen 2 Hektar großen Weingarten am Klöchberg und mietete auf dem Weingut Gollmann eine 20 Quadratmeter große Garage. Der erste Wein im ersten Jahr reifte in Holzfässern. Entstand durch Spontangärung. War trinkbar, aber weit weg von Lukas’ Vorstellung von einem guten Wein. Über die Jahre entwickelte sich die Qualität. Der Jahrgang 2023 war der erste mit einer klaren Linie. Der beste Jahrgang. Die Basics aus der Weinbauschule, eine Saison am Weingut Tement in der Südsteiermark und ganz besonders der Austausch in der Gemeinschaft mit Gollmann, Simon Engel und Michael Gangl waren neben der Experimentierfreude und dem inneren Feuer die wichtigsten Ingredienzen auf dem steinigen Weg zu einem guten Wein mit klarer Stilistik. Von Gollmann bekam Lukas unzählige Ratschläge und durfte dessen Maschinenpark nutzen. Zusammen mit Simon und Michael probierte er ständig in den Kellern. Sie urteilten ehrlich, gaben Inputs und standen gemeinsam für einheimischen Bio-Wein aus dem Vulkanland ein. Das tun sie heute noch. Es war von Anfang an klar, konsequent auf Bio-Wein zu setzen – von der biologischen Bewirtschaftung der Weingärten bis zum Handwerk im Keller. Lukas bevorzugt authentische, charakterstarke Weine. Hält wenig von stromlinienförmiger Qualität, die mithilfe von additiven Schönungsmitteln und Zuchthefe erzeugt wird.

Traumhafter Ausblick vom „Ort für gutes Leben“.

2019 bot sich eine weitere Chance: der Kauf des Locknbauer Hofs. 16 Jahre lang stand das traditionelle Landwirtschaftsgebäude leer. Es hätte aufgrund der traumhaften Lage mehrmals an gut betuchte Wienerinnen und Wiener verkauft werden können. Der ehemalige Besitzer blieb standhaft. Erst der junge Mann aus Tieschen, der mit einer flammenden Leidenschaft Weinbau betreibt und mit vielen Ideen und einer unbändigen Überzeugung gegen die Welle der Landflüchtigen anschwimmt, konnte ihn von seinem Konzept überzeugen. „Viele meiner Freunde sind nach Wien oder Graz oder München oder in andere Metropolen ‚geflüchtet‘. Ich will mit einem klaren Bekenntnis zur Region zeigen, dass auch hier ‚Einzigartiges‘ möglich ist.“

Zusammen mit Mascha Ritter, einer jungen Architektin aus Berlin, begann eine zweijährige Planungsphase für den Umbau. Das Ergebnis ist eine perfekte Symbiose aus Ästhetik und Funktionalität. Ein Statement für die Bauform und Kubatur der klassischen steirischen Bauernhöfe. Kein traditionsfremder „Klotz“, wie ihn einige Weinproduzenten in den vergangenen Jahren in die Landschaft gesetzt hatten. Sondern eine Manufaktur, welche nach dem Produktionsprozess gebaut ist. Genau auf die 7 Hektar großen Weingärten ausgelegt und keinen Quadratzentimeter mehr. Hier kommt sie wieder, die konsequente Umsetzung einer klaren Philosophie. Kein Kompromiss in der Qualität. Authentizität. Die Kapazitäten sollen nicht größer sein als das, was Lukas selber bewältigen kann. Neben dem Weinkeller soll das Gebäude auch ein Ort sein, wo sich Leute gerne treffen, den Wein verkosten, gut essen, es schön haben.

Der Prozess mit Mascha war intensiv, weil beide klare Vorstellungen hatten und um nahezu jedes Detail rangen. Der fertige Bau war überwältigend und hat auch in Fachkreisen viel Aufmerksamkeit erregt. Das Gebäude erhielt mehrere renommierte Architekturpreise. Völlig unerwartet und schon gar nicht geplant. Die damit verbundene mediale Aufmerksamkeit gab viel Auftrieb. Und es war der Lohn dafür, dass Mascha und Lukas nach dem Bestmöglichen strebten. Und sich nie mit dem Offensichtlichen oder Gewöhnlichen zufriedengaben.

Präzision im Weinkeller: Die Kapazität ist exakt
auf 7 Hektar ausgelegt.

Doch auch der Weg zum Locknbauer als „Ort des guten Lebens“ war nicht frei von Hindernissen: Das ursprüngliche Vorhaben, einen Gastronomiebetrieb zu unterhalten, wurde von den Behörden nicht genehmigt. Es passte nichts zu den gesetzlichen Anforderungen: vom Brandschutzkonzept über die Raumhöhe bis hin zur Be- und Entlüftung – nichts. So entstand die Idee eines Buschenschanks. Nicht klassisch, sondern neu interpretiert und innovativ. Nicht 80 Prozent Fleisch auf dem Teller, sondern zwei Drittel vegetarisch. Nicht jeder bestellt seins, sondern Sharing. Alles kommt gleichzeitig auf den Tisch. Alle essen gemeinsam. Und: regionale Produkte, aber neu komponiert. Ein Konzept, das für den Speckgürtel in Wien oder Graz wie gemacht scheint. Aber für die Südoststeiermark, wo 90 Prozent der Touristinnen und Touristen den klassischen Speisezettel erwarten? Nischen sind in ausgetrampelten Pfaden schwer zu bedienen. Doch es gibt ein Publikum, das nachhaltige, frische und vor allem gute Ideen mag. Hier – und insbesondere in der Konsequenz der Umsetzung – liegt die Chance. Wichtig sei, dass sich die Reise für das urbane Publikum lohne. „Wenn ich meine Freunde, die nach Wien, Graz oder München gezogen sind, mit diesem Konzept begeistern kann, dann habe ich die ‚coolen‘ Leute da, die ich gern habe. Und viele andere mehr, die das mögen.“ So gelingen feine Ideen auch in ländlichen Gebieten.

Womit wir zum Tanz bitten. Lukas hatte schon immer eine Vorliebe für die südliche Leichtigkeit und Lebensfreude. So entstand „Sempre Domenica“. Angelehnt an „Ferragosto“, die Hauptferienzeit in Italien. Jeden Sonntag im August verwandelt sich der Locknbauer Hof in eine italienische Kulisse. Es gibt neapolitanische Pizza. Naturwein. Stilechtes Mobiliar mit Stühlen, Tischen und Sonnenschirmen wie an der Costa Amalfitana und einen italienischen DJ mit italienischer Musik auf Vinyl. Und die Leute tanzen. Leute, die tanzen, sind glücklich. „Wenn die Leute tanzen, dann ist alles gut.“ Inzwischen kommen viele aus der Grazer Community hierher und genießen einen entspannten „Sonntag am Strand“ mit Freunden und „good vibes“. „Sempre Domenica“ ist quasi die Blaupause für weitere Events auf dem Locknbauer Hof.

Ist Lukas denn jetzt angekommen am Ziel seiner Träume? Was hier entstanden ist, wurde in sieben Jahren aufgebaut. Mit viel Enthusiasmus, Stolpersteinen und Glück. Mit allen Höhen und Tiefen: „Wir bauten während der Pandemie. Eröffneten und mussten aufgrund des zweiten Lockdowns nach zwei Monaten für vier Monate schließen. Da wir neu waren, erhielten wir keine Förderung.“ Der symbiotische Partner in der Küche ist nach dem ersten Erfolg 2024 abgesprungen. Als Folge des Ukrainekriegs erhöhten sich die Energiekosten um das Fünffache. Ebenso die Materialkosten für den Weingarten. Die Verzinsung bei der Bank ist gestiegen. Das finanzielle Risiko ist hoch. Beim Wein gibt es einmal im Jahr eine Chance. Wer versagt, muss lange auf die nächste warten.

Es geht immer weiter. Der Antrieb sind die Begeisterung, die Leidenschaft und der Glaube an die eigenen Ideen. Wundervolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Philosophie mittragen und prägen. Konsequente Umsetzung. Die Liebe zum Detail. Offene Augen für neue Inspirationen. Die Gemeinschaft mit den befreundeten Weinbauern. Großartige Gäste, die das, was hier passiert, wertschätzen. Und neue innovative Ideen, die den Betrieb in die Zukunft tragen. Im Wissen, dass neue Projekte immer auch zu Lasten von bestehenden gehen. Gutes Augenmaß hilft beim Ausbalancieren. Zimmer für Gäste wird es auf jeden Fall geben. Und Lukas liebt Kunst und deshalb fördert er Kunstschaffende, die ihre Projekte nach dem Residence-Prinzip umsetzen. Die Basis ist stark. Jetzt geht es um den Feinschliff. Damit die Leute hier noch lange tanzen. Am „Ort für gutes Leben“.
locknbauer.at, mascharitter.com

Buschenschank neu interpretiert.

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